Fünf-Seen-Lauf Schwerin : Eine Erfolgsstory nimmt ihren Lauf

Abkühlung in der Kleingartenanlage: Die Gärtner sind begeistert bei der Sache. Fotos: Fünf-Seen-Lauf
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Abkühlung in der Kleingartenanlage: Die Gärtner sind begeistert bei der Sache. Fotos: Fünf-Seen-Lauf

Vor 32 Jahren ging der Schweriner Fünf-Seen-Lauf an den Start. In Windeseile entwickelte er sich zum drittgrößten Lauf der DDR

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23. Juni 2017, 14:01 Uhr

Alles begann mit einem Rappel, den Joachim Knipp am Schreibtisch bekam. Was ist aus dir geworden?, dachte sich der Schweriner. Als Schüler hast du noch so viel Sport gemacht und jetzt sitzt du hier im Büro und wirst steif und unbeweglich. „Wollen wir nicht mal eine Runde um den Faulen See laufen?“, fragte er eines Tages seinen Freund Dietmar Büch. Der nickte freudig und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Heute gibt es zig Schweriner und Mecklenburger, die sich aus dem gleichen Beweggrund ihre Turnschuhe überstreifen und ihre Runden an Seen und in Wäldern drehen.

Doch Mitte der 1970er-Jahre machten Joachim Knipp und Dietmar Büch eine komische Figur. Die Endzwanziger waren so ziemlich die einzigen, die freiwillig draußen herumliefen. „Es war uns aber schnurzegal, ob man unseren Geisteszustand für be-denklich hielt“, erinnert sich Dietmar Büch. „Spätestens als wir das erste Mal beim Rennsteiglauf in Thüringen dabei waren, hatte uns das Lauffieber gepackt.“

Der Rennsteiglauf, 1973 gestartet, besaß eine ungeheure Wirkung auf die Volkslaufbewegung in der DDR. Mit großen Rucksäcken ziehen Joachim Knipp und Dietmar Büch 1979 zum Bahnhof. Stolz wie Bolle fühlen sie sich. Als der Zug einfährt, werden sie jubelnd von Gleichgesinnten begrüßt. Im Abteil klirren die Bierflaschen, die Party beginnt. „Es war kultig, bei diesem Lauf mitzumachen“, sagt Joachim Knipp, der noch heute die bunte Masse vor sich sieht. „Es sah ja jeder anders aus. Es gab keine Laufsachen. Wir trugen abgeschnittene Baumwollshirts und einfachste Schuhe ohne Dämpfung, Stützung und das ganze Pipapo.“ Die 75 Kilometer auf schwierigem Terrain meistern sie dennoch, gemeinsam mit tausenden Teilnehmern. An den Verpflegungsstellen wird Tee und Haferschleim gereicht und kurz vor dem Ziel sogar Bier bereitgehalten. So feuchtfröhlich, wie die Veranstaltung begonnen hat, so endet sie auch. Beim gemeinsamen Umtrunk beschließen die Freunde, in Schwerin einen eigenen Lauf auf die Beine zu stellen. Doch von der Idee bis zur Umsetzung sollten fünf Jahre vergehen. „Von sportpolitischer Seite versuchte man, uns den Lauf auszureden“, erinnern sich Joachim Knipp und Dietmar Büch, die sich damals noch Mitbegründer Dietrich Barthel ins Boot holten. Auch die Familien, Freunde, alle müssen mit ran. Weil es zu DDR-Zeit nicht ohne geht, suchen sie sich einen Betrieb. Sie können das Schweriner Hydraulikwerk und die BSG (Betriebssportgemeinschaft) Hydraulik Schwerin für ihr Vorhaben begeistern. Mit selbstgemalten T-Shirts machen sie Werbung beim nächsten Rennsteiglauf. Sie annoncieren in Sportzeitungen. Versuchen verzweifelt, Pappbecher zu besorgen. Die Mühe lohnt sich. Am 6. Juli 1985 soll der Startschuss für den ersten Schweriner 5-Seen-Lauf fallen – nach 20 Monaten Vorbereitungszeit. Weit über tausend Teilnehmer drängeln sich am Start. Im Jahr darauf sind es noch mehr. Schon bald ist der Fünf-Seen-Lauf der drittgrößte Lauf in der DDR. 3000 Menschen schieben sich an den Uferpromenaden entlang. Darunter mehr und mehr Frauen.

Kleinere Volksläufe schießen plötzlich im damaligen Bezirk Schwerin wie Pilze aus dem Boden. Es gibt nun den Inselseelauf in Güstrow, den Ludwigsluster Schloßparklauf, den Wittenburger Lauf, den Dammerower Lauf… Derweil empfängt man im Sommer 1988 in Schwerin Prominenz aus dem Westen. Christa Vahlensieck schaut vorbei, die zu den ersten deutschen Marathon-Weltklasseläuferinnen gehört. Die Städtepartnerstadt mit Wuppertal macht es möglich. „Monatelang wurden wir vorher geschult, dass wir uns nicht mit denen unterhalten dürfen“, erinnert sich Dietmar Büch. „Dabei gab es viele Westdeutsche, die heimlich an unserem Lauf teilnahmen. Es werden wohl so 50 bis 100 gewesen sein, die jedes Mal illegal mitliefen.“ Den meisten Teilnehmern geht es nicht ums Kräftemessen. Die Stimmung ist einmalig, Geselligkeit wird großgeschrieben. Es gibt eine Party am Abend und gecharterte Dampferfahrten am nächsten Morgen. In drei Turnhallen nächtigen jeweils bis zu 400 Leute.

Bis heute lassen sich etwa 70 Teilnehmer dieses „Vergnügen“ nicht nehmen, auch wenn sich die meisten von ihnen locker ein Hotelzimmer leisten könnten. Mit der Wende 1989/90 kommt der Fünf-Seen-Lauf ein wenig ins Straucheln. Der Run auf andere Dinge beginnt. Auch auf Läufe im Hamburger Raum. Dafür sind jetzt mehr Läufer aus den alten Bundesländern dabei. Die wundern sich über die Freiluftdusche, unter die sich Frauen und Männer nach dem Lauf ungeniert stellen. „Was ist das für ein Schweinkram“, hört Dietmar Büch damals so manchen „Wessi“ murmeln.

Nach und nach erholt sich der Fünf-Seen-Lauf. Die romantische Streckenführung an fünf Seen entlang zieht. Im Bundesgartenschau-Jahr 2009 laufen 4000 Menschen über den Schwimmsteg am Schloss. Dieser Sommer brachte Joachim Knipp, Dietmar Büch und die anderen circa 250 ehrenamtlichen Helfer hart an ihre Grenzen. „Uns wurde klar, dass ein Weiterwachsen unvernünftig wäre“, sagt Dietmar Büch, heute Leiter des Organisationsbüros. „Schließlich führt die Strecke auch durch Kleingartenanlagen. Und das gibt es wohl nirgendwo, dass so viele Kleingärtner begeistert bei der Sache sind und die Läufer mit ihren Gartenduschen erfrischen. Man kennt sich vom Sehen. Immerhin laufen rund 700 Schweriner mit. Wir haben Teilnehmer, die sind schon als Kind in der Karre mitgefahren.“

Viel Mühe geben sich Joachim Knipp und die anderen Macher am Ende des Laufspektakels. Es gibt zwar keine fetten Preise, dafür aber 32 Siegerehrungen. Gekürt werden selbst der älteste Teilnehmer, aber auch der mächtigste. 120 Kilo bringt das Schwergewicht, das jedes Jahr dabei ist, auf die Waage.
Was Joachim Knipp, Dietmar Büch und die 40 Vereinsmitglieder vollbringen, ist eine logistische Meisterleistung. Allein Joachim Knipp steckt als Vorsitzender des Fünf-Seen-Laufs 700 bis 800 Stunden in die Vereinsarbeit. Deshalb ärgert er sich auch manchmal, wenn morgens um fünf Uhr jemand anruft und sich aufregt, dass nicht gleich einer am Telefon ist. „Viele können sich nicht mehr vorstellen, dass bei uns keine Agentur dahintersteht. Manchmal fragen wir uns natürlich, ob unser Lauf-Oldie noch Zukunft hat. Ob wir das richtig machen, wenn wir auf Kommerz, hohe Meldegebühren, neueste Technik, Werbung und Antrittsprämien für große Namen verzichten.“

Doch dann wischen Joachim Knipp und Dietmar Büch die dunklen Gedanken wieder beiseite. Wozu die Grübelei, wenn doch genü-gend Anmeldungen eintrudeln und auch beim kommenden 33. Schweriner Fünf-Seen-Lauf am 1. Juli wieder 3000 Lauffreudige an den Start gehen. Den „Absprung“ wollen die beiden dennoch nicht verpassen. Die Suche nach jemandem, der in ihre Fußstapfen tritt, ist angelaufen.

Anja Bölck

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