Geschichten aus dem Museum : Eine besondere Erde

Das Gnevsdorfer Lehmmuseum ist in einer alten Feldsteinscheune untergebracht.  Fotos: Grossert
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Das Gnevsdorfer Lehmmuseum ist in einer alten Feldsteinscheune untergebracht. Fotos: Grossert

Eine Ausstellung, die sich um einen alten Baustoff dreht

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26. November 2015, 10:06 Uhr

Eine Frau geht durch den Durchgang der hüfthohen Feldsteinmauer, durchquert den Garten und betritt das reetgedeckte Haus. Es ist die Postbotin. Sie bringt eine ungewöhnliche Sendung in das alte Gemäuer in der Mitte von Gnevsdorf. Ein kleines, flaches Kästchen, sehr schwer, mit einer fremdartigen Briefmarke. Als Absender ist „Australia“ zu entziffern. Die Frauen im Feldsteingebäude, dem Lehmmuseum Gnevsdorf, wundern sich. Was kann das denn sein?

Rückblende: Es ist Anfang der 1990er-Jahre und viele Arbeitskräfte in der Landwirtschaft werden nicht mehr gebraucht. Eine Gruppe engagierter Menschen sucht nach einer sinnvollen Alternative zur Arbeitslosigkeit in der Region südlich vom Plauer See. Es entsteht der „Verein zur Förderung angemessener Lebensverhältnisse“ (FAL e.V.).

Mithilfe von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) kann unter Leitung des Vereins ein Fachwerkhaus in Retzow saniert und darin eine Filzwerkstatt gegründet werden. In Wangelin entsteht die europäische Lehmbauschule, eine Lehrwerkstatt für historische und moderne Lehmbautechniken. Im kleinen Ort Gnevsdorf wartet zur gleichen Zeit eine schöne alte Reetdachscheune von 1876 auf eine neue Nutzung. Die Familie Semann hatte für das historische Wirtschaftsgebäude keine Verwendung mehr und es deshalb der Gemeinde übergeben. Diese vertraute das Feldsteingebäude dem FAL e.V. an. Bedingung: Bleibendes für die Region ist zu schaffen. Dort überlegte man: Warum nicht ein Museum für den fast vergessenen Baustoff Lehm in der alten Scheune einrichten? Ein Ort, an dem die in der neu entstandenen europäischen Lehmbauschule Wangelin gefertigten Exponate gezeigt und alte wie neue Lehmbautechniken veranschaulicht werden.

1996 beginnt der Verein mit der Rekonstruktion des Gebäudes. 1999 öffnet das Lehmmuseum seine Türen. Es gibt Antwort auf die Frage: Was ist Lehm? Was kann man daraus machen? Die Besucher können die Geschichte der Nutzung des uralten Baustoffes erkunden, Werkzeuge und Verarbeitungsformen betrachten. Die historische Reise führt von Mesopotamien nach Mecklenburg. Wer weiß schon, dass es in Güstrow eine Lehmbauschule gab? Die farbige Gestaltung von Lehm wird erklärt.

Eine „Olle Fru“ vertellt vom Bau der Lehmhäuser und wie Menschen darin lebten. „Arbeit mit kaum einem Anfang und ohne Ende.“ Sie berichtet über Tagesablauf und Ernährung. Sie verrät die Rezepte von „Himmel und Erde“, „Schwarzsauer“ und anderen alten Gerichten. Und die Getränke dazu? „Jeder sehnte sich nach Bier. Branntwein war wohlfein – ein Mittel gegen alle Krankheiten.“ Bei einer Hochzeit feierte man eine Woche lang. Eine interessante Zeitreise mit kulinarischen Anregungen. Zum Abschluss des Rundgangs lädt im Obergeschoss eine Wanderausstellung zum europäischen Bauen mit Lehm ein.

Marina Stolte betreut seit ein paar Jahren zusammen mit Marita Kienscherf die Museumsbesucher. „Lehm, was gibt es da groß zu sehen?“, dachte sie anfangs. Heute ist Lehm für sie eine faszinierende Masse. Gebäude aus dieser Erde sind antiallergisch, haben ein angenehmes Raumklima. Bei Außentemperaturen über 30 Grad Celsius herrschen in den Innenräumen 24 Grad. Lehm kann auch als Heilmittel eingesetzt werden.

Seit zwei Jahren arbeiten die beiden Frauen ehrenamtlich. Als nach dem Auslaufen von ABM und anderen Arbeitsfördermaßnahmen das erste und einzige Lehmmuseum Europas kurz vor seiner Schließung stand, entschlossen sich die Frauen, weiterzumachen. „Es macht mir Spaß, hier zu arbeiten“, sagt Marina Stolte. „Das Museum ist ein Teil des Kulturgutes, das wir vor dem Verschwinden retten konnten.“

Oft kommen ganze Familien. Kindern macht es sichtlich Spaß, Lehm zu formen. „Im vergangenen Jahr besuchte eine Familie mit drei Kindern unser Mitmachangebot ,Lehmbausommer‘. Die beiden Lütten waren sofort dabei, der 15-Jährige aber fand das völlig uncool. Schließlich ließ er sich überreden, den Werkstoff anzufassen. Er war dann so begeistert, dass er überhaupt nicht mehr aufhören wollte“, weiß die Museumsmitarbeiterin zu berichten.

Übrigens: Die rätselhafte Postsendung enthielt eine besondere Erde, eine Lehmprobe aus Australien. Die Frauen erinnerten sich: Sechs Wochen zuvor hatte ein englischsprachiges Pärchen das kleine Museum besucht und sich die Landkarte angesehen. Auf der Karte markieren farbige Punkte die Orte, von denen Materialproben im Museum vorhanden sind. Australien fehlte damals.

Das Museum gehört zur Lehm- und Backsteinstraße. Auf der 54 km langen Route werden die Herstellung von Backsteinen in Ziegeleien und ihre Verwendung vorgestellt.


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