Tuchfabrik Parchim : Ein Stück Parchimer Industriegeschichte

Die Tuchfabrik 1973 – ein Jahr später wurde der Betrieb mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.
1 von 2
Die Tuchfabrik 1973 – ein Jahr später wurde der Betrieb mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.

Tuchfabrik war wichtiges Standbein der städtischen Wirtschaft – „Maschinen brauchten Vergleich mit den englischen nicht zu scheuen“

svz.de von
26. November 2015, 09:48 Uhr

Das Jahr 1819 ist das Gründungsjahr der Tuchfabrik und damit der maschinellen Tuchfabrikation in Parchim in der Mühlenstraße und zugleich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Industrialisierung. Die Ortswahl war nicht zufällig: Der Maschinenantrieb erfolgte durch das Wasser der Elde. 1859 begann die Modernisierung der Fabrik, wozu auch die Installation einer Dampfmaschine gehörte.

1868 vernichtete ein Brand den größten Teil der Fabrikanlage. Nach dem Wiederaufbau wurde die Tuchfabrik, die sich im Besitz der Stadt befand, verpachtet. 1872 veröffentlichte die „Norddeutsche Post“ einen Artikel über das neu erbaute Werk, der zuvor in der „Rostocker Zeitung“ abgedruckt worden war. Darin heißt es über die Arbeitsabläufe: „Es ist ein hervorragendes Etablissement. Es ist nicht allein so umfangreich, daß in demselben ca. 500 Centner Wolle jährlich verarbeitet werden können, sondern es sind auch alle neueren und neusten Verbesserungen der Einrichtungen in demselben angebracht. Die Maschinen sind aus Chemnitz und mit solcher Genauigkeit gearbeitet, daß ihr Gang nur ein Spiel zu sein scheint und man wenig Geräusch hört. Sie machen der sächsischen Eisenindustrie alle Ehre und brauchen eine Vergleichung mit den englischen Erzeugnissen diese Art nicht zu scheuen ... Zur Speisung und Regulierung der Maschinen sind nicht allein Männer, sondern auch Mädchen und Frauen angestellt.“

Dieser vorbildlichen Tuchfabrik war allerdings kein Glück beschert: Am 16. Juni 1895 vernichtete erneut ein Brand die ganze Fabrikanlage. Der Wiederaufbau – „unterstützt mit Staats- und städtischen Geldern“ – folgte. Ein Beitrag über Handel und Industrie der Stadt Parchim im Jahr 1927 enthält die Beschreibung des neuen Werks, in dem rund 80 Angestellte vorrangig deutsche Merino-Wolle verarbeiteten. Aber auch australische und Kappwollen kamen zum Einsatz. Aus den Rohstoffen entstanden Stoffe für Herrenanzüge, Tuche für Eisenbahn, Post und Sicherheitspolizei und Hemdenflanelle, die laut der Beschreibung „in ganz Deutschland bekannt sind“. Nach Kriegsende 1945 wurde die Tuchfabrik unter Treuhandverwaltung der Sowjetischen Militäradministration gestellt und kam am 30. Juni 1948 in Volkseigentum. In dem Betriebsteil der VEB Norddeutschen Volltuchwerke Malchow wurden ab 1970 Möbelbezugsstoffe und Autopolsterstoffe produziert. Nach der Wende teilte die Tuchfabrik das Schicksal vieler alter DDR-Produktionsanlagen: Auf Produktionstilllegung folgten Vandalismus und schließlich Abriss.

In Parchim lief das so ab: 1990 stellte die Tuchfabrik wegen Absatzschwierigkeiten die Produktion ein, betroffen waren fast 250 Mitarbeiter. Damit endete ein wichtiges Kapitel Parchimer Industriegeschichte. Am 17. Dezember 2005 wurde die leer stehende Fabrik ein Raub der Flammen. Am 7. Mai 2007 begann der Abriss, auf dem Gelände wurde ein Einkaufszentrum errichtet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen