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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Ein Potpourri aus verschiedenen Küchen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hunderttausende Flüchtlinge brachten ihre Lieblingsrezepte und Essgewohnheiten mit nach Mecklenburg

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 00:00 Uhr

„Das Volk lebt meist von Kartoffeln, von dürrem Obst, von Weißkraut, Rüben und Pferdebohnen.“ Diese wenig appetitlich klingenden Worte schrieb der Schriftsteller Karl Julius Weber im 18. Jahrhundert. Er beschrieb damit die Essgewohnheiten der Mecklenburger. Lange Zeit ernährten die sich vom Steckrübeneintopf, Himmel und Erde und gebratenen Heringen. Das änderte sich, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland kamen. 980 000 ließen sich in diesem Teil der sowjetischen Besatzungszone nieder. Prozentual nahm Mecklenburg-Vorpommern bzw. Mecklenburg, wie das Land ab 1947 hieß, also die meisten Vertriebenen auf. Das hatte natürlich Auswirkungen auf die regionale Küche. Die kulinarische Vielfalt wuchs. Besondere „Schätze“ hatten die Ostpreußen im Gepäck. So abwechslungsreich wie die dortige Landschaft, so abwechslungsreich waren ihre Gerichte. Sie schmeckten süß und herzhaft, waren gehaltvoll und sättigend. Die Königsberger Klopse und der Tilsiter Käse gehören seit Langem zu den bekanntesten dieser Köstlichkeiten. Weniger bekannt sind Kümmelfleisch, Buttermilchflinsen, Quarkklößchen und Glumstorte.

Reichhaltig ist auch die schlesische Küche. Eine Vorliebe für Kohl, Gurken, Majoran, Graupen und Trockenfrüchte brachten die Vertriebenen aus dieser Region mit. Beliebte Klassiker waren Apfelklöße, Heringssalat, Kalbspfanne, Kohlrouladen und Rinderrouladen mit Rotkohl. Gern gebacken wurden Plattenkuchen aus Hefe mit Mohn und Streuseln. Bekannt ist bis heute die Pfefferkuchenspezialität Liegnitzer Bombe. Zudem besitzt die schlesische Küche zahlreiche Gerichte, die in der Regel nur zu Heiligabend serviert werden.

Ein wenig Ähnlichkeit mit der schlesischen Küche hat die sudetendeutsche, zumindest was Kuchen und Süßspeisen anbelangt. Mohn und Pflaumenmus kommen häufig zum Einsatz. Gern verputzten die Sudetendeutschen in ihrer neuen Heimat Obstknödel, Buchteln und Kleckselkuchen. Spärlicher sah es bei den Gemüsebeilagen aus. Sauerkraut, süß-sauer gekochtes Weißkraut und Rotkohl gaben den Ton an. Die Salate waren schlicht, oft nur mit Essigwasser angerichtet. Die Sudetendeutschen liebten ihre Böhmischen Knödel. Die in Scheiben geschnittenen Soßenschlucker gab es zu Fleischgerichten.

Wer Eltern oder Großeltern mit ostpreußischen, schlesischen oder sudetendeutschen Wurzeln hat, wird sicher noch viele weitere Gerichte aufzählen können. So manches Sonntagsmahl ist zum Lieblingsessen geworden. Unser persönliches Rezepte-Sammelbuch ist heute jedenfalls ein multikulturelles Potpourri aus mecklenburgisch-ostpreußisch-schlesisch-sudetendeutscher Küche.


 

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