Felix Mendelssohn Bartholdy In Doberan : Ein Postsack voller Briefe

„Ein außergewöhnlich schönes Gebäude“ nannte Felix Mendelssohn Bartholdy in seinen Briefen das Münster.
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„Ein außergewöhnlich schönes Gebäude“ nannte Felix Mendelssohn Bartholdy in seinen Briefen das Münster.

„Passables Klavier und niedliche Aussicht“: Felix Mendelssohn Bartholdy war während seiner Ferien in Doberan ein eifriger Schreiber

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25. November 2017, 00:00 Uhr

Im November 2017 gedenken wir des 170. Todestages von Felix Mendelssohn Bartholdy. 7000 Briefe erhielt der Musiker und alle ließ er in grüne Einbände binden. Fast ebenso viele schrieb er selbst, angefangen mit den ersten in seiner Jugend, von denen bisher nur wenige veröffentlicht wurden.

Das von Carl Begas geschaffene Jugendbildnis  Mendelssohn Bartholdys ist verschollen. Das Foto entstand nach einer Pastellkopie.
Mendelssohn-Archiv

Das von Carl Begas geschaffene Jugendbildnis  Mendelssohn Bartholdys ist verschollen. Das Foto entstand nach einer Pastellkopie.

Deshalb ist man immer überrascht, noch unbekannte zu öffnen, um sie 170 Jahre nach dem Tod des Komponisten zu lesen. Interessant an diesen Nachrichten ist, dass sie bereits auf der ersten Ferienfahrt von Berlin an die Ostsee verfasst wurden. Keine Sehenswürdigkeit, Begegnung, kein Wetter mitzuteilen ließ der Reisende aus. Und das für ihn Interessanteste war die von allen Seiten erklingende Musik. „Ich schlage gleich zwei Klappen: Anregung für neue Noten, Erlebnisse fürs Briefeschreiben.“ Letzteres wurde in der Familie Mendelssohn Bartholdy wie ein sportlicher Wettbewerb ausgetragen, häufig mit witzigen Wort- und Satzverdrehungen: Jeder wollte alles wissen, besonders, wenn einer von ihnen auf Reisen ging wie ihr 15-jähriger Felix mit Vater Abraham. Beide wurden umfassend vorbereitet, was sie den Zuhausegebliebenen mitzuteilen hatten, als sie am 2. Juli 1824 mit der Frühpost aus Berlin von der Haustür ihrer Wohnung mit „miserablen Pferden, schlimmstem Wagen und schlecht gelauntem Postillion starteten und in Gransee den ersten Halt einlegen mussten“, schrieb Felix der besorgten Mutter Lea und weiter, dass er das Paket bei Bekannten abgab und sich noch schnell über ihren Kuchen hermachte, von dem kein Krümchen übrigblieb. Dass sie danach neun Stunden bis zur nächsten Rast in Güstrow benötigten, er im rumpelnden Postwagen seine Notenhefte durchsah und seiner Schwester Fanny signalisierte, die vergessenen Notenblätter zu suchen und ihm zu ihrem Reiseziel Dobberan – alte Schreibweise – zu schicken. Danach wäre er wie stets durch die Gassen Güstrows bis zum Pferdemarkt, Dom und zurück zur Pfarrkirche geschlendert, um für Beckchen, die jüngste Schwester, Reiselustiges zu notieren. Die Postmeilen von Güstrow bis nach Dobberan zogen sich „wegen des abscheulichen Wetters hin. Aber die wenigen heiteren Augenblicke waren genügend, um ein hübsches fruchtbares Land und die schönsten Feldblumen zu zeigen“. Gegen Mittag stiegen sie bei Herrn Präpositus Friedrich Ludwig Röper, dem ersten Prediger der Klosterkirche, ab. Ihr Gastgeber war 56 Jahre alt und für Felix ein „netter alter Herr mit passablem Klavier und niedlicher Aussicht“. Und wie wir aus Briefen von Berliner Badegästen wissen, Verfechter gesunder Lebensweise. Er vertrat sie, seit er seinem ersten Badegast, dem berühmten Berliner Arzt Christoph Wilhelm Hufeland Unterkunft geboten hatte und Dobberan und Heiligendamm zum ersten und beliebtesten deutschen Seebad aufstiegen.

So etwas Neues hatte sich herumgesprochen und auch Felix angeregt schreiben lassen, „alles hier in Dobberan ist gesund: die Luft, das Wasser. Der Garten ist 10 Mal größer als der unsrige an der Spree und die Erdbeeren sind süßer und mit Sahne.“ Mahnende Sätze der älteren Schwester, ja nichts zu vergessen, ließen Felix kontern, sie mit einem Postsack voller Briefe zu überschütten, aber nächster Adressat sei sein geliebter Lehrer Zelter.

Außerdem sei ihm nun endlich etwas Interessantes begegnet, über das zu melden sich lohne: „Die Kirche ist ein außergewöhnlich schönes Gebäude aus dem 12ten Jahrhundert. Sie ist aus Backsteinen erbaut, liegt mitten in einem ziemlich großen Park … Sie ist einfach und grandios. Besonders liebe ich die äußere Ansicht und ein kleines, rundes Türmchen, welches man das Beinhaus nennt.“ Doch das Innere der Kirche hat es ihm ebenso angetan, denn „es ist ganz prächtig und die Hauptformen sind imposant“, wonach er einschränkt, dass die Restauration der Kanzel und des Gestühls nicht seinem Geschmack entsprächen, wohl aber „die Orgel. Sie ist sehr alt. 226 Jahr für eine Orgel ist sehr viel und es fehlen in beiden Manualen und im Pedal die halben Töne … auch stocken ein Dutzend und das Unterklavier ist unbrauchbar.“ Felix kennt sich aus, hat er doch in Berlin selbst Unterricht im Orgelspiel.

Als er am Ende seiner Ferien durch das Rostocker Tor rollte, lagen noch 23 Schaffensjahre vor ihm. Mit seiner Musik zum „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare (1554 - 1616) beginnt sein internationaler Ruhm. Er komponiert über 187 Werke, Sinfonien wie die Schottische und Italienische, die Reformationssinfonie, über 200 Lieder, die großen Oratorien Elias und Paulus.

Mit nur 24 Jahren wird er zu einem der jüngsten Leipziger Gewandhauskapellmeister, und er setzt sich mit Hilfsfonds für verarmte und die Förderung junger Musiker ein. Sein Werk konnten weder der Judenhass Richard Wagners noch die nationalsozialistische Verfemung totschweigen.
 

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