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Straßennamen in Schwerin : Ein Platz für Tante Marie

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Benennung von Straßen der Residenzstadt Schwerin erfolgte oft nach Mitgliedern der fürstlichen Familie

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Dass Schwerin eine Residenzstadt war, in der nicht die Bürger, sondern der Großherzog das Sagen hatte, konnte im 19. Jahrhundert jeder Besucher schon an den Straßennamen erkennen. Da die Landesregierung zum Beispiel in der neu angelegten Paulsstadt den Bau der Straßen komplett selbst bezahlte, nahm der Großherzog auch das Recht der Straßenbenennung für seine Familie in Anspruch. 1841 entschied Großherzogin Alexandrine, eine Straße nach ihrem 14-jährigen Sohn Wilhelm und einen Platz ihrer 17-jährigen Tochter Luise zu benennen. Außerdem ordnete sie – keineswegs unbescheiden – an, dass die schönste Straße, die neue Esplanade am Pfaffenteich, ihren eigenen Namen tragen sollte. Zwei Jahre danach benannte Großherzog Friedrich Franz II. einen weiteren Platz nach seiner Tante Marie und eine Straße nach seiner Tante Helene. 1853 erhielten auch sein bereits verstorbener Onkel Gustav und seine Frau Auguste eine eigene Straße.

Der insgesamt dreimal verheiratete Landesherr nutzte diese Möglichkeit immer wieder gerne, um seinen Frauen ein besonderes Hochzeitsgeschenk zu machen. Nach Großherzogin Anna wurde im Juli 1864, zwei Monate nach ihrer Heirat, eine Straße benannt, und Prinzessin Marie von Schwarzburg-Rudolstadt erhielt eine solche schon im Mai 1868, noch bevor sie überhaupt ihr Jawort gegeben hatte. Geehrt wurden in der Regel lebende, oft noch recht junge Familienmitglieder, ohne jede Rücksicht auf politische oder historische Leistungen. Es galt, Verwandten eine Freude zu machen, nicht historische Persönlichkeiten zu ehren. Längst verstorbene Angehörige der Dynastie, so bedeutend diese einstmals auch gewesen sein mochten, wurden nicht berücksichtigt.

Nach und nach regte sich aber doch Widerstand im städtischen Magistrat gegen diesen selbstherrlichen Anspruch. Der alte Bürgermeister Bade beharrte zwar darauf: „Daß der Magistrat der Residenz persönlichen Wünschen und unschuldigen Liebhabereien sich entgegenkommend beweise, halte ich für ganz unverfänglich und fast selbstverständlich“. Die jüngeren Senatoren aber sahen das anders und setzten durch, dass künftig der Rat und nicht der Großherzog die Straßennamen aussuchte. Wenn von nun an Straßen nach Mitgliedern der großherzoglichen Familien benannt wurden, ging die Initiative in der Regel von Schweriner Bürgern aus. Während der Magistrat ein entschiedener Verfechter historischer Straßennamen war, entdeckten die Anwohner, dass ein Appell an den Großherzog die beste Möglichkeit bot, sich eines ungeliebten Straßennamens zu entledigen. 1874 meinten die Bewohner der Faulen Grube (heute Buschstraße): „Welcher Name nun für diese Straße in Zukunft beliebt werden sollte, ist uns völlig einerlei, wir können immer nur gewinnen“. Um den Großherzog auf ihre Seite zu ziehen, schlugen sie den Namen seines neuen Schwiegersohns Großfürst Wladimir vor, wozu Friedrich Franz II. gerne seine Zustimmung gab. Danach herrschte für längere Zeit Ruhe auf diesem Gebiet. Der meist in Cannes lebende Friedrich Franz III. interessierte sich wenig für seine Residenz, deren Bürger ihrerseits nicht viel für ihn und seine Familie übrig hatten. Erst 1901 mit dem Regierungsantritt des jungen Friedrich Franz IV. änderte sich das wieder. Von der alten Untertänigkeit war freilich nichts mehr zu spüren. Obwohl der junge Herr bereits 1904 die Prinzessin Alexandra von Braunschweig-Lüneburg geheiratet hatte, unternahm der Magistrat zur Erbitterung des jungen Ehemannes jahrelang nichts, um eine Straße nach seiner Frau zu benennen. 1910, am Ende seiner Geduld, beauftragte er schließlich den Staatsrat von Pressentin damit, dem Magistrat unmissverständlich seine Wünsche zu erläutern, worauf die Stadt umgehend den neu gebauten Teil der Werderstraße in „Alexandrastraße“ taufte und auch noch gleich seinen Onkel, den Afrikaforscher Herzog Adolf Friedrich, mit einer eigenen Straße ehrte. Die letzte dieser Namensgebungen fand 1913 statt, als der Magistrat, zum Dank für die Eingemeindung des Schlossgartengebiets, hier eine Straße nach Cecilie, der Schwester des Großherzogs, und eine nach Christian Ludwig, dem gerade geborenen zweiten Sohn des Landesherrn, benannte.

Die Weimarer Republik, die ihre Existenz der Abdankung des Großherzogs verdankte, ließ die alten Straßennamen gleichwohl unangetastet. Erst die Nationalsozialisten nahmen Anstoß daran. Der Oberbürgermeister stellte 1939 fest: „Es gab ganze Stadtviertel in Schwerin, deren Straßen die Namen sämtlicher Mitglieder des Großherzoglichen Hauses bis zu den jüngsten Prinzen hinunter trugen. Unter ihnen war eine Reihe von Fürsten, deren Charakter und deren deutsche Haltung mehr als zweifelhaft war“. Alle 25 Straßen, die nach Mitgliedern des Fürstenhauses benannt waren, wurden jetzt umbenannt. Die meisten trugen ihren neuen Namen nur wenige Jahre, bevor 1945 die nächste Umbenennungswelle begann.

Nur in ganz wenigen Fällen kehrte die Stadt nach 1990 zu den alten Namen zurück. Mit dem Marienplatz, der Alexandrinen- und Helenenstraße gibt es heute nur noch wenige Straßen in der vormaligen Residenzstadt Schwerin, die die Namen von Angehörigen der großherzoglichen Familie tragen. Wobei es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, dass der Marienplatz, heute der wichtigste innerstädtische Platz, nach einer völlig unbedeutenden mecklenburgischen Prinzessin heißt, die mit einem ebenso unbedeutenden Herzog von Sachsen-Altenburg verheiratet war.

 


 

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