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Heinrich Seidel : Ein Mecklenburger aus der Schweiz

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Juni dieses Jahres jährt sich zum 175. Mal der Geburtstag des Ingenieurs und Schriftstellers Heinrich Seidel. Eine Erinnerung in sechs Teilen

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erstellt am 28.Jan.2017 | 00:00 Uhr

Der erste Satz in Heinrich Seidels 1894 erschienenen Autobiographie „Von Perlin nach Berlin“ vermeldet eine persönliche Katastrophe: „Es geht eine dunkle Sage, daß der Urahn meiner Familie wegen irgendeines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht habhaft werden konnte, sein Bildnis an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist.“ Allerdings gibt der Autor gleich anschließend zu, auch nicht so recht zu wissen, ob diese familiäre Sage auf Wahrheit beruhe oder nicht, sie habe ihm aber stets ein gewisses Vergnügen bereitet.

Der erste seiner Vorfahren, von dem Heinrich Seidel Genaueres wusste, war der Vater seines Urgroßvaters, ein wahrscheinlich aus bäuerlichem Geschlecht stammender Buchhalter in Dresden. Dieser hatte zwei Söhne – Gottlieb und Heinrich. Heinrich, der offenbar ziemlich mutig und ohne Menschenfurcht war, studierte Theologie und wurde später Pastor in dem Dorf Mecklenburg bei Wismar.

Heinrich Seidel schloss an diese Information die aufschlussreiche Bemerkung an: „… wie denn schon seit alter Zeit das Land Mecklenburg seinen Bedarf an Geistlichen und Lehrern nicht aus eigener Produktion zu decken vermochte und solche vielfach von außerhalb zu beziehen genötigt war. Dagegen an Rechtsgelehrten leidet es Überfluß und Landleute, Kaufleute, Offiziere und Ingenieure exportiert es in Mengen.“ Aber zurück zur Seidelschen Familiengeschichte.

Dieses Foto des Pfarrhauses verrät, warum Heinrich Seidel hier ein „Kinderparadies“ fand.
Dieses Foto des Pfarrhauses verrät, warum Heinrich Seidel hier ein „Kinderparadies“ fand. Foto: Seidel
 

Der Herzog, der ihn hatte predigen hören, schickte den Pastor aus dem Dorf Mecklenburg nach Parchim, wo er am 21. August 1811 als Pastor primarius starb. Allerdings hatte er in Parchim bis an sein Lebensende erheblich geringere Einnahmen als auf der vorherigen Stelle. Dieser Urgroßvater, der während seiner Amtszeit übrigens am 2. November 1800 den in Parchim geborenen späteren Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke taufte, hatte mehrere Töchter und zwei Söhne – Heinrich und Georg. Der älteste, Heinrich, – also Seidels Großvater – studierte Medizin und wurde Arzt in Goldberg. Dort starb er allerdings sehr früh im Alter von nur 33 Jahren, da er sich am damals grassierenden Lazarettfieber angesteckt hatte. Zu dieser Zeit war sein am 4. Februar 1811 geborener Sohn Heinrich Alexander Seidel und künftiger Vater von Heinrich Seidel gerade mal vier Wochen alt.
Dieser verlebte seine erste Jugend in Goldberg, besuchte später das Gymnasium in Schwerin, studierte in Rostock und Berlin Theologie und wurde nach längerer Zeit als Hauslehrer in Dobbin bei Krakow 1839 als Pastor in das Dorf Perlin nahe Wittenburg berufen. Und dort sollte schon bald die eigentliche Lebensgeschichte des Ingenieurs und Schriftstellers Heinrich Seidel beginnen, der sich zeitlebens immer sehr, sehr gern an sein „Kinderparadies“ in Perlin erinnern sollte.

Am 8. Oktober 1841 heiratete der junge Pastor eine gewisse Johanne Römer aus dem Pachtgute Pogreß ganz in der Nähe von Perlin und „am 25. Juni 1842, kam ich zur Welt“, wie Heinrich Seidel schreibt und nicht vergisst hinzuzufügen, „genau an demselben Tage, an dem zwanzig Jahre zuvor der alte E.T.A. Hoffmann die Augen schloß“. Diesen vielseitigen Künstler hat Seidel sehr geliebt und die Erstausgaben seiner Werke fleißig gesammelt. Und dem Bericht über seine Taufe merkt man an, dass hier jemand schreibt, der später mit dem neuen Verkehrsmittel Eisenbahn zu tun hatte: „Bei der Taufe wurde mir als dem ältesten Sohne, wie es nun schon Familienbrauch geworden war, der Rufname Heinrich zuerteilt, zudem erhielt ich außerdem noch eine Menge anderer, und wenn ich mit allen zugleich vorfahre, so macht es den Eindruck, als wenn ein Güterzug durch eine ebene Wiesenlandschaft dampft. Man prüfe einmal selbst, wie es sich ausnimmt: Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel.“

Die Perliner Zeit dauerte bis Anfang 1852. In seiner Erinnerung erschien sie ihm sie als die eines ungetrübten Glücks: „Der Ort war aber auch ein richtiges Kinderparadies. An das neu erbaute geräumige Haus schloss sich ein großer Garten mit unzähligen Obstbäumen und Beerensträuchern. Er enthielt viele Lauben und dichte Gebüsche, in denen man einsam hausen und Robinson und Einsiedler spielen konnte, und in der Nähe des Hauses bildete er einen Winkel, die sogenannte Kapellenecke; hier schloß sich unmittelbar, nur durch eine niedrige Feldsteinmauer getrennt, der Kirchhof an, wie eine Fortsetzung des Gartens.“

Dort in Perlin lernte der von Kind an einen Hang zum einsiedlerischen Leben zeigende Pastorensohn sehr früh lesen und las auch sehr viel – meist auf Knien vor einem Stuhl liegend. Die schöne Zeit ging allerdings zu Ende, als sein Vater der Familie mit bewegter Stimme mitteilte, dass sie nun bald Perlin verlassen und nach der Residenzstadt Schwerin ziehen würden, da er dorthin an die Nikolaikirche berufen sei. Das war Ende 1851 und für den damals neunjährigen Heinrich Seidel keine gute Nachricht.

 

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