Schrecken der Nazizeit : Ein Mann, der durch die Hölle ging

Der junge Hans-Jürgen Repro: Brun (3)
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Der junge Hans-Jürgen Repro: Brun (3)

Was hätte aus dem jungen Hans-Jürgen Soldin, der lyrisch überaus begabt war und seine Heimatstadt Ludwigslust in den schönsten Worten beschrieb, nicht alles werden können. Doch grausame Jahre lagen vor dem 1920 geborenen Ludwigsluster.

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11. Dezember 2013, 19:10 Uhr

Was hätte aus dem jungen Hans-Jürgen Soldin, der lyrisch überaus begabt war und seine Heimatstadt Ludwigslust in den schönsten Worten beschrieb, nicht alles werden können. Doch es kam anders. Grausame Jahre lagen vor dem 1920 geborenen Ludwigsluster.

Gemeinsam mit den Geschwistern wuchs der Junge, dessen Vater jüdischen Glaubens war, in der Kanalstraße auf, wo die Eltern einen Kurzwarenladen betrieben. In der Weltwirtschaftskrise musste das Geschäft aufgegeben werden und die Familie zog in ein Gebäude in der Schweriner Chaussee. Der Vater bekam Arbeit in den Lederwerken Neustadt-Glewe, während die Mutter sich als Weißnäherin durchs Leben schlug.

So war der Traum der Eltern, den begabten und intelligenten Hans-Jürgen aufs Gymnasium zu schicken und später Kunst studieren zu lassen, denn er wollte Maler werden, bereits durch die wirtschaftliche Lage ausgeträumt.

In der Schule hatten Hans-Jürgen Soldin und Willi Schuldt frühzeitig unter den Schikanen des Klassenlehrers Hoffmann, eines frühen Mitglieds der NSDAP, zu leiden: Soldin als jüdischer Mischling und Schuldt als Sohn des KPD-Reichstagsabgeordneten Hermann Schuldt.

1933, nach der Machtübernahme Adolf Hitlers, mussten die Soldins ihr Haus an einen Nationalsozialisten „verkaufen“ und waren gezwungen, oft die Wohnungen in Ludwigslust zu wechseln, bis sie in einem Stall in der sogenannten chemischen Fabrik am Lascher Weg zwei Räume mit löchrigem Dach zugewiesen bekamen.


„Täglich musste ich 500 Bomben montieren und tragen“


Im Frühjahr 1934 aus der Schule entlassen, fand Hans-Jürgen Soldin zunächst Arbeit im Lederwerk Neustadt-Glewe. Nachdem der Betrieb „arisiert“ wurde, das heißt, die jüdischen Eigentümer enteignet wurden, verlor auch Hans-Jürgen Soldin seinen Job. Als Arbeitsloser versuchte er in Berlin eine Anstellung zu finden, was nicht gelang. Stattdessen war es der Mutter gelungen, ihm eine Lehrstelle als Buchbinder zu besorgen. Am 2. Januar 1936 trat Hans-Jürgen Soldin die Lehre an.

„Dieser Lebensabschnitt machte mich um einiges reicher und ich erhielt eine solide Ausbildung“, erinnerte er sich. Als die Zeit gekommen war, dass sich Hans-Jürgen Soldin auf die Gesellenprüfung vorbereiten konnte, wurde ihm dies mit den Worten: „Juden werden in unserem deutschen Staat zu solch einer ehrenhaften Prüfung nicht zugelassen“ verwehrt. Da tat auch der Hinweis, dass Hans-Jürgen Soldin christlich getauft und 1935 konfirmiert worden war, nichts zur Sache. Er musste weiterhin als angelernter Hilfsarbeiter arbeiten. Am 7. Februar 1940 nahm er als Dienstverpflichteter eine Arbeit in Dömitz auf. Die „Chemische Fabrik Dömitz“ war ein am Stadtrand seit 1938 aufgebauter moderner Rüstungsbetrieb, zu dem das „Bereitschaftslager“ gehörte, in dem Hans-Jürgen Soldin eine Unterkunft zugewiesen wurde. „Da hier noch andere Einwohner Ludwigslusts ihre Quartiere bezogen hatten, war es wie ein Lauffeuer herum: Der Nichtarier Soldin ist hier. So hatte ich gleich von Anfang an die Hölle auf Erden. Täglich musste ich 500 Bomben montieren und tragen.“

Diese Tortur währte nicht lange. Hans-Jürgen Soldin erhielt den Gestellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst und musste am 20. März 1940 in Waren/Müritz antreten. Für den bevorstehenden Fronteinsatz in Frankreich gedrillt, wurde die Einheit nach Eröffnung des Feldzuges im Mai 1940 zunächst nach Lille verlegt und sollte an der Invasion Englands teilnehmen. Diese scheiterte.

Hans-Jürgen Soldin erlebte die Grausamkeit des Krieges. Er sah zerbombte französische Städte und die Massengräber von Wormhoudt, wo SS-Einheiten französische und britische Kriegsgefangene erschossen hatten.

Nach Deutschland zurückgekehrt, musste sich Hans-Jürgen Soldin wieder zur weiteren Dienstverpflichtung in der Munitionsfabrik Dömitz melden. Hier wohnte er in dem in der Nähe liegenden Bereitschaftslager, diesmal im Haus 58, zusammen mit bis zu 3000 deutschen Frauen und Männern, weiblichen Arbeitsdienstlern, Zwangsarbeitern aus Frankreich, den Niederlanden und der Tschechoslowakei, Frauen aus Hamburger Zuchthäusern und nach dem Überfall auf die Sowjetunion Zwangsdeportierten.

Im Bereitschaftslager bestand eine Theatergruppe unter Leitung des Österreichers Ernst Reißenbauer. Als SD-Mann getarnt, war er der führende Kopf einer Widerstandsgruppe, der sich Hans-Jürgen Soldin über das Theaterspielen anschloss. Zu den Aktivitäten der Gruppe, die sich zu illegalen Zusammenkünften in der Wohnung von Ernst Reißenbauer traf, gehörten Absprachen zu Sabotageaktionen in der Munitionsfabrik sowie das Abhören der „Feindsender“ London und Moskau. Das war bei Todesstrafe verboten.

Hans-Jürgen Soldin erinnert sich: „Wenn also die Füllungen der Munition durch das Aushaken der Apothekerwaage unterschiedlich waren, konnte man im Prinzip keinem einen Vorwurf machen. Die primitive Anzeige konnte dies gar nicht registrieren. Dadurch erfolgte eine Gewichts- und Druckverlagerung beim Pressen, das Knirschen während des Pressens überhörte ich stets und folgerichtig wurde dieser Körper, der eine Überdosis an Pulver erhielt, sodass dadurch eine zu starke Dichte entstand, beim Ausstoß durch die zu hohe Reibung zur Detonation gebracht“.

Manchmal bewirkten die Detonationen, dass die Presse bis zu 14 Tage ausfiel, in ganz schweren Fällen bis zu sechs Wochen. Jeder Tag Produktionsausfall in der Rüstungsindustrie verkürzt den Krieg. Das war die Devise der Widerstandsgruppe.

Am Montag, dem 17. Dezember 1943, gegen 11.25 Uhr, explodierte eine Füllstation im Betriebsteil „Tor I“. Das gesamte Gebäude flog in die Luft. Obwohl Hans-Jürgen Soldin als Dienstverpflichteter in „Tor II“ damit nichts zu tun hatte, wurde er wegen der häufigen Detonationen „seiner“ Presse der Sabotage bezichtigt. Trotz brutalster Verhörmethoden konnte die Gestapo Hans-Jürgen Soldin keine Sabotage nachweisen, stattdessen erhielt er die Aufforderung, sich in Parchim zu melden. Dort wurde er am 27. November 1944 verhaftet und mit anderen Mecklenburgern in einem Güterwaggon über Ludwigslust, Wittenberge, Stendal und Magdeburg nach Neu-Staßfurt, einem Außenlager des KZ Buchenwald, gebracht.

Mit Fetzen am Leibe musste Hans-Jürgen Soldin im strengen Winter 1944/45 am Ausbau der Stollen für die Luftwaffe arbeiten, in der die sogenannten Vergeltungswaffen „V I“ und „V II“ von KZ-Häftlingen gefertigt werden mussten.

Wie durch ein Wunder überlebte Hans-Jürgen Soldin. Amerikanische Truppen befreiten den halb Verhungerten im April 1945. Von der Besatzungsmacht zunächst als Polizist eingesetzt, stellte sich Hans-Jürgen Soldin von Anfang an dem Wiederaufbau im Kreis Quedlinburg zur Verfügung. 1955 wurde er zum Bürgermeister von Gernrode gewählt.

Als Bürgermeister baute Hans-Jürgen Soldin 1968 Kontakte zu der Stadt Bachant in Nordfrankreich auf und ein Jahr später wurde offiziell die Städtepartnerschaft besiegelt. Ein Umstand, der besonders bemerkenswert ist, denn es gab zu der Zeit kaum Partnerschaften zu westeuropäischen Städten.

Am 20. Mai 2011 starb Hans-Jürgen Soldin, der Mann, der durch die Hölle ging und so zu dem wurde, was er war, in Gernrode.

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