zur Navigation springen

Kunst : Ein märchenhaftes Weihnachtsbild

vom

Francke-Altar „Die Anbetung des Kindes“ war einst im Besitz des Schweriner Museums und gehört heute der Hamburger Kunsthalle

svz.de von
erstellt am 18.Dez.2015 | 09:26 Uhr

Der Bildtypus der Anbetung des Kindes ist beliebt im 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der „Schönen Madonnen“ und des „Weichen Stils“. „Die Anbetung des Kindes“ aus dem Thomasaltar der Englandfahrer, 1435 gemalt von Meister Thomas Francke, erinnert an ein Bühnenbild: Auf dem Boden in der Mitte unten liegt das nackte Kind, scheinbar gehalten von den bandartigen Lichtstrahlen, die oben zusammenlaufen und von Gottvater ausgehen, der als bärtiger alter Mann mit Segensgestus aus dunklen Wolken auftaucht. Die Himmelsfläche hinter ihm ist eine gleichmäßig mit goldenen Sternen besetzte rote Fläche. Wo sie an „die Erde“ stößt, steht links ein dickstämmiger Baum und darunter in kleinerem Format ein Wald. Die Hirten in Rückenansicht wenden sich dem herabfliegenden Engel zu, der ein Spruchband entfaltet mit den Worten „Gloria in excelsis“. Maria – ins Weiß der Unschuld gekleidet – kniet links vom Kind, zu dem sie sich im Gebetsgestus hinabneigt. Die Worte ihres Gebets stehen deutlich lesbar auf dem in Schnörkeln endenden Spruchband „Dominus meus, deus meus“. Sie akzeptiert also das Wunder, für das drei Engel, die ihren blauen Mantel halten, eine weitere Bestätigung sind. Rechts fressen – recht irdisch – Ochs und Esel aus einem Trog. Umgrenzt wird die Vordergrundszene durch Felsen, hinter denen sich die Schwärze einer Höhle verbirgt. Erstaunlich für einen Künstler in Hamburg. Ein Stall als Ort des Geschehens wäre im norddeutschen Raum üblich.

Viele Besonderheiten also zeichnen dieses Gemälde aus. Kürzlich erschien ein prächtiger Katalog-Band „Aus Mecklenburgs Kirchen und Klöstern“, in dem Kristina Hegner  nach vierzigjähriger Arbeit im Staatlichen Museum Schwerin ihre Forschungsergebnisse zusammenfasst. Wer dieses Buch durchblättert, wird stutzen, unter den zahlreichen Farbtafeln auf Meister Franckes Altarbild zu treffen, das im Besitz der Hamburger Kunsthalle ist. Wie kommt dieses Bild in dieses Buch? Als Vergleichsbeispiel? Oder gibt es ein Duplikat? Durchaus nicht. Denn eine Zeit lang gehörte der Altar wirklich dem Schweriner Museum.

Welche spannenden Kämpfe es um den Besitz gegeben hat, erläutert der Beitrag von Gero Seelig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweriner staatlichen Museum: Ursprünglich stand der Altar in der Hamburger Johanneskirche, was lange Zeit nicht bekannt war. Auch die Herkunft des Malers bleibt fraglich. Nach der Reformation, als viele „katholische“ Kirchenkunst in Abstellräumen verschwand und später im Kunsthandel  landete, mag auch dieser Altar aus der Kirche geraten sein. Nicht bekannt ist bis heute, auf welchen Umwegen er in den Besitz des privaten Sammlers Ferdinand von Kirchner kam, der im 19. Jahrhundert in dänischen Diensten stand. Bei der Versteigerung der Sammlung Holm 1836 in Kristiansand in Norwegen wird der Leiter der Schweriner Kunstsammlung Eduard Prosch auf den Francke-Altar aufmerksam. Laut Frachtbrief gelang ihm der Kauf 1859.

Proschs Nachfolger Friedrich Schlie erkannte den Altar als Werk Meister Franckes, als theoretisch bekannten Englandfahrer-Altar. Das mobilisierte Alfred Lichtwark, den Direktor der Hamburger Kunsthalle, der bemüht war, hochrangige Hamburger Kunstwerke in die Stadt zurückzubringen. Friedrich Schlie hatte große Bedenken, das Werk zu verkaufen. Andererseits konnte er seinen Kollegen verstehen, der alles daransetzen würde, dieses für Hamburg entstandene Werk auch für Hamburg zurückzugewinnen. Lichtwark war als zäher Verhandlungspartner bekannt. Er bot 60 000 Mark, nachdem er mit Hilfe seiner Kollegen Wilhelm Bode (Berlin) und Karl Woermann (Dresden) die Kommission der Hamburger Kunsthalle von der Wichtigkeit des Ankaufs überzeugt hatte. Schlie meldet sich bei dem amtierenden mecklenburgischen Herzog Johann Albrecht an. Am 14. Juni 1898 kommen sie auf Schloss Wiligrad überein, dass bei der Zahlung der doppelten Summe  der Regent seine Zustimmung geben würde. Schlie hofft im Stillen, dass Lichtwark bei einer so hohen Summe passen muss.

Doch er irrt. Lichtwark triumphiert. Schlie erschrickt. Die Abmachung gilt. Walter Josephi, Schlies Nachfolger, spricht vom „schwärzesten Tag in der Geschichte des Schweriner Museums“.

Ein gewisser Trost mag sein: Heute ist Hamburg für einen Schweriner Kunstfreund kein schwer erreichbares Ziel mehr. Und – hätte es den Deal nicht gegeben – nach Güstrow hätte er ohnehin fahren müssen, wo die mecklenburgische Mittelaltersammlung im Schloss präsentiert wird. Unterschiedlich allerdings wäre der Kontext, die direkte Vergleichbarkeit. Meister Francke steht neben Altären Hamburger Zunftgenossen einerseits, stünde neben norddeutschen Altären wie aus Lübeck oder Wismar andererseits.

Seine Strahlkraft aber wird dieses außergewöhnliche Werk immer behaupten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen