Niels Stensen : Ein Lebensweg quer durch Europa

Stensen-Grab in Florenz: Auf dem Sarkophag liegen viele kleine Zettel, mit denen sich Gläubige an den Seligen Niels Stensen wenden.  Fotos: Haescher
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Stensen-Grab in Florenz: Auf dem Sarkophag liegen viele kleine Zettel, mit denen sich Gläubige an den Seligen Niels Stensen wenden. Fotos: Haescher

Niels Stensen war Anatom, Geologe und Bischof: Vor 330 Jahren kam er ins mecklenburgische Schwerin

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26. November 2015, 09:58 Uhr

Gratia et pax, Gnade und Friede, mit diesem Wunsch beginnt Niels Stensen vor 330 Jahren ein Schreiben an den Schweriner Pater Stephani. Er bedankt sich für die freundliche Aufnahme während einer Visitation im Frühjahr des Jahres 1685 und unterzeichnet mit der Abkürzung Nic. Ep. Titiop.vic.ap. – Nicolaus, Bischof von Titiopolis, apostolischer Vikar. Der in schmalen, wohlgeformten Buchstaben verfasste Brief an den Kollegen in „Swerini“ ist aktuell in einer Ausstellung zur 350-jährigen Geschichte des katholischen Gottesdienstes in Mecklenburg nach der Reformation zu sehen. Er ist eines von mehreren Erinnerungsstücken, die hier in der historischen Bibliothek von St. Anna an einen der bedeutendsten Einwohner Schwerins erinnern.

Niels Stensen, gebürtiger Däne, der sich in der Gelehrtensprache Latein Nicolaus Steno nannte, in seiner französischen Korrespondenz Nicolas Sténon und in Italien Niccoló Stenone, war ein großer Europäer. Nicht nur, dass er acht Sprachen perfekt beherrschte: Als Naturwissenschaftler korrespondierte er mit anderen Geistesgrößen seiner Zeit, darunter Spinoza und Leibniz. Er galt als führender Anatom, der als einer der ersten die Muskelstruktur des Herzens nachwies und damit spekulative Ansichten seiner Zeit widerlegte. Als Paläontologe widmete er sich dem Studium von Fossilien und beschrieb den Zusammenhang zwischen der Schichtung von Gesteinen und der zeitlichen Abfolge ihrer Entstehung. Heute wird Stensen als „Vater der Geologie“ bezeichnet. Es ist eine Vielseitigkeit, die an Universalgelehrte wie da Vinci und Goethe erinnert. „Stensen spielte in der gleichen Liga“, ist Dr. Georg Diederich überzeugt. Der langjährige Direktor des Heinrich-Theissing-Instituts hat sich viel mit dem Leben des Mannes beschäftigt, der Ende 1685 als Geistlicher nach Schwerin kam. Warum Stensen im Gegensatz zu anderen großen Wissenschaftlern seiner Zeit nahezu in Vergessenheit geraten war, erklärt Diederich mit dem anderen Weg, den der Gelehrte im Laufe des Lebens einschlug: Er konvertierte 1667 zum katholischen Glauben und wurde 1675 zum Priester geweiht. Dieser Weg ist es, der die Verehrung begreiflich macht, die Menschen Stensen noch heute entgegenbringen. Auf seinem Sarkophag in der Kirche San Lorenzo in Florenz liegen viele kleine bunte Zettelchen. Gläubige haben darauf Wünsche geschrieben oder bedanken sich für die Hilfe des Seligen Niels Stensen in verschiedenen Angelegenheiten. Glaubwürdigkeit, Bescheidenheit und Frömmigkeit sind Eigenschaften, die von dem Geistlichen überliefert sind – und die ihm den Platz im Herzen vieler sichern. 1988 hatte Papst Johannes Paul II. den 1638 in Kopenhagen geborenen Mann selig gesprochen.

Mit der katholischen Lehre war der dänische Protestant in Italien intensiv in Berührung gekommen. Stensen reiste 1666 als Wissenschaftler in die Toskana und fand am Hof der Medici in Florenz in Herzog Ferdinand II. einen großzügigen Förderer. Schon nach kurzer Zeit wurde er Mitglied der Cimento-Akademie, einer von Ferdinand II. und seinem Bruder Kardinal Leopold de Medici gegründeten wissenschaftlichen Gesellschaft, zu deren Mitgliedern Schüler und Anhänger Galileis zählten. In Italien beschäftigte sich Stensen zunehmend auch mit theologischen Studien und entdeckte hier mehr und mehr seine Berufung. Nach der Bischofsweihe 1677 wurde er als Apostolischer Vikar für die katholischen Gemeinden in Norddeutschland nach Hannover geschickt. Weitere Stationen auf Stensens Lebensweg waren Münster und Hamburg, wo sich der Bischof mit Korruption innerhalb des Kirchenapparats und Schäfchen, die wenig bis nichts über ihren Glauben wussten, konfrontiert sah. In Schwerin war die Lage kaum besser: Als Stensen Ende 1685 als einfacher Priester in die Stadt kam, lebten hier 20 katholische Familien. Der Ort hatte knapp 2000 Einwohner – in Florenz war es ein Vielfaches. Christian I. Louis, Herzog von Mecklenburg-Schwerin, war 1663 vornehmlich aus politischem Kalkül zum Katholizismus konvertiert und hatte 1665 vom Reichstag die Erlaubnis erwirkt, katholische Gottesdienste in der Schlosskirche zu feiern. Allerdings hatte der Herzog keinen männlichen Erben. Somit war schon zu Lebzeiten Christians klar, dass die Messen im Schloss nur ein Intermezzo waren – und der Fortbestand katholischen Glaubenslebens nach seinem Tod kaum geklärt. Stensen sah es deshalb nach der Visitation als Aufgabe, beim Herzog auf Dauer die Erlaubnis für Gottesdienste außerhalb der Schlosskirche zu erhalten und dafür einen geeigneten Ort zu finden.

Der Geistliche kannte aber nicht nur dieses Thema. Er widmete sich der Seelsorge und der Schulbildung der Kinder. Sein Ziel, dem Herzog die Genehmigung eines dauerhaften Raums für den katholischen Gottesdienst abzuringen, erreichte er nicht. Ein knappes Jahr nach der Ankunft in Schwerin starb Stensen hier am 25. November 1686. Er wurde im Dom aufgebahrt und später in dessen Kreuzgang beigesetzt. Mehrere Monate nach Stensens Tod bat Herzog Cosimo III., Nachfolger von Ferdinand II., um die Übersendung der sterblichen Überreste nach Florenz. „Aus Angst, dass sich die abergläubischen Seeleute weigern könnten, einen Sarg an Bord zu nehmen, wurde der Leichnam in einer Bücherkiste transportiert“, weiß Dr. Georg Diederich zu berichten. Über den Hafen von Livorno gelangte der Tote nach Florenz und wurde dort im Oktober 1687 in der Gruft der Medici in San Lorenzo unweit des Florentiner Doms beigesetzt. Später erfolgte die Umbettung der Gebeine in eine Seitenkapelle der Basilika. Über dem Sarkophag ist eine Inschrift in lateinischer Sprache angebracht, die Stationen von Stensens christlichem Weg zitiert. „… Schwerin verlor ihn, von Arbeit und Mühen aufgerieben“, lautet eine Passage, „Florenz wollte wenigstens seine Asche zurückerhalten“ eine andere.

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