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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Ein Kampf ums nackte Überleben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Manfred Görtz, Jahrgang 1947, berichtet vom Schicksal seiner Eltern und dem schwierigen Neuanfang

Ostpreußen ist die Heimat meiner Eltern Erna und Eduart Görtz. Ihnen gelang die Flucht in letzter Minute mit einem Schiff, der Helgoland. Die Trecks waren längst alle weg, die Russen standen vor der Tür. Alles Wertvolle an Hab und Gut wurde eingegraben in der Hoffnung, einst zurückkehren zu können.

Aber es waren alles nur Irrtümer, das Potsdamer Abkommen regelte ja alles und es war unbestreitbar eine Zwangsumsiedlung.

Das Leid der Menschen war nicht nur die Vertreibung, es war, wie meine Eltern berichteten, der Kampf ums nackte Überleben. Das eingesetzte Schiff sollte auf See sogar noch gesprengt werden, der Kapitän konnte es verhindern, denn sonst wären sie nicht in Lübeck angekommen. Zwischenzeitlich brach noch an Bord die Ruhr aus und das Ausladen wurde verboten, bis das Rote Kreuz Lübeck es erkämpfte.

Eine Schwester, Brigitte, starb noch in Lübeck. Die Stadt hatte bereits Baracken errichtet, gekocht wurde im Freien. Mein Bruder Günter wurde 1945 in Lübeck geboren, insgesamt waren es fünf Kinder. Mein ältester Bruder Erich wurde 1945 als Fremdenlegionär von Frankreich angeworben und setzte sich von dem herrschenden Elend ab.

Unsere Eltern zogen 1946 in die so genannte Russenzone, wo ich dann 1947 in Roduchelstorf geboren wurde. Grund für den Umzug war die Ernährung, die auf dem Land besser war, zuvor hatte es fast nur Rübensuppe gegeben. Als wir sesshaft waren, hauten Verwandte, die uns gelockt hatten, ab in den Westen. Wir blieben, aber herzlich aufgenommen wurden wir nicht.

Jahre später ging es uns besser. Keiner schenkte uns etwas, wir Kinder wurden sogar beim Obstsammeln gejagt. Die Kinder der Flüchtlinge und der Mecklenburger waren es, die nach Jahren Frieden stifteten. Nur der eigene Überlebenswille und fleißige Arbeit hatten es möglich gemacht, die Wunden heilen zu lassen. Als unser Bruder Erich in der Fremdenlegion in Algerien starb, stand meiner Mutter eine Rente aus Frankreich zu, die aber in die sowjetische Besatzungszone nicht überwiesen wurde. Mein Vater hatte in Ostpreußen bei der Firma Maschinenbau Abs und Söhne gearbeitet, die es auch in Westdeutschland gab. Dort hätte er 2000 DM Rente bekommen, im Osten waren es 94 Mark Invalidenrente. So war es für die Flüchtlinge im Osten ein ungerechter Neustart.

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