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Große Stadtschule Rostock : Ein Haus voller Musik

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Latein, Lesen, Leibesübungen: Aus der Geschichte der Großen Stadtschule am Wall in Rostock

Auf der Bank im Rondell des Innenhofes sitzt Cora. Den Geigenkasten mit der Geige auf den Knien, sieht sie hinüber in den Rosengarten. Endlich – er kommt, das Instrument wie einen Rucksack geschultert, eilt er auf sie zu. Das ist Hannes. Wie sie 14 Jahre jung. Sie begrüßen sich und ich frage sogleich, wie lange sie sich kennen: Seit ihrer gemeinsamen musikalischen Früherziehung am Rostocker Konservatorium.

Ich weise auf die restaurierte Front des klassizistischen Gebäudes der Großen Stadtschule und sie erklären, dass sie vor der Einweihung in verschiedenen alten Gebäuden nördlich vom Hauptbahnhof zum Musikunterricht fuhren, bis im Frühling 2012 dieses schöne Haus als modernes Musikzentrum eingeweiht wurde.

Aber älter ist es schon, sehr viel älter, als ich vermuten würde, und lachend fragen sie, ob mich ihr Bericht auch wirklich interessiert. Und ob.

Sie legen abwechselnd los: Sehen Sie dort vor der St. Michaeliskirche die alte Backsteinmauer? Dort befand sich der Eingang zu einer der kleinen Klipp- oder Winkelschulen, wie sie an jeder der Rostocker Hauptkirchen im Mittelalter unterhalten wurden. Dem Senat der Hansestadt Rostock genügten weder Inhalt noch Form des Unterrichts in Religion und Latein. Er forderte für die Ausbildung des Nachwuchses eine allgemeine Schule in den verlassenen Gebäuden des Johannisklosters und eröffnete 1580 die Große Stadtschule, die älteste Bürgerschule Mecklenburgs.

Nathan Chytraeus (1530-1600), Professor für Musik und Poetik an der Rostocker Universität, wurde erster Rektor. Für 100 Taler, eine freie Dienstwohnung und mit acht Schulmeistern übernahm er die Ausbildung der Schüler. Als streitbarer Humanist redete er keinem nach dem Munde. Mutig vertrat er die modernen Prinzipien des Konzeptes von Philipp Melanchthon (1497-1560) und formulierte sie für seine Schule: „Sollen Schüler frisch und gesund bleiben, müssen sie täglich ihre Leibesübungen haben, sich im Gesang üben. Lernen braucht Zeit, es ist nicht, wie wenn man einen Scheffel Korn in einen Sack schüttet.“

Latein, Rechnen, Lesen, Schreiben, deutsche Sprache, Singen und Leibesübung ließ Rektor Chytraeus zunehmend von Lehrern, die an der Universität als Professoren wirkten, erteilen. Der Zulauf von Schülern wuchs.

Sie kamen aus Patrizierfamilien, waren Adlige aus dem Umland oder außerordentlich Begabte aus Handwerkerkreisen. Können entschied, nicht Herkunft. Das blieb Wahlspruch von Nathan Chytraeus, obwohl die Kosten stiegen und in Folge dessen der Bogen zwischen ihm und der Rostocker Bürgerschaft zersprang: Ihm wurden unlautere Beziehungen zur Gegen-Reformation, zum Calvinismus, nachgetragen. Er musste gehen. Das war ein Verlust für die Große Stadtschule und lange Zeit fand man keinen Nachfolger, der die Schülerschaft so gut vorangebracht hätte wie er.

Bis zum Jahr 1828 hatte die Große Stadtschule einen Ruf erworben, der in dem eines hervorragenden humanistischen Gymnasiums gipfelte. Während das Gebäude jedoch aus allen Backsteinen platzte, plante der Senat einen dringend notwendigen Neubau mit klassischer Fassade nach Plänen des Stadtbaudirektors Theodor von Klitzing. 1864 wurde die neue Große Stadtschule eingeweiht. 1867 folgte der Turnhallenbau mit Aula.

Mit dem neuen Ensemble besaß Rostock eines der schönsten Schulhäuser Mecklenburgs. Das älteste. Denkmalgeschützt. Dazu berühmt durch den Besuch einer ganzen Serie von Schülern, die Außerordentliches in Wissenschaft und Kultur leisteten. Unter ihnen zum Beispiel Johannes Quistorp (1584-1648), Theologe und Universitätsrektor, der niederdeutsche Schriftsteller John Brinckman (1814-1870) und der 1. Mecklenburgische Nobelpreisträger für Medizin, Albrecht Kosselt (1853-1927).

Zur Reihe verdienstvoller Lehrer gehören unter anderem Christian Wilbrandt (1801-1867), Paul Tischbein (1820-1874), Felix Stillfried 1851-1910) und Richard Wossidlo (1859-1939).

In der Franzosenzeit ab 1807 ging es mit der Schule bergab. Keine Theateraufführungen, kein Musikprogramm. Das Haus war Lazarett und Arsenal.

„Halt“, rufe ich staunend über die profunden Geschichtskenntnisse der beiden und Cora fragt, ob mir auffiel, dass bisher nicht von Schülerinnen gesprochen wurde? Sie durften erst 1919, nachdem im 1. Weltkrieg, in dem über 250 Schüler und Lehrer ihr Leben verloren, an die Stadtschule. Von da an verstärkten Mädchen den Chor, übernahmen die weiblichen Rollen in den Darstellungen der Schulaufführungen und sie bereiteten sich im angeschlossenen Lehrerinnenseminar auf den Beruf vor. Und weiter?

Während des 2. Weltkrieges diente die Große Stadtschule wieder als Notunterkunft. Sirenen heulten. Bomben fielen. Unterricht fiel aus. 750 eingezogene Lehrer und Schüler tot. In der Stadt Verwüstung, Plünderungen. Am 8. Mai der erste Friedenstag und wenig später begann der Unterricht für zwei Gymnasien, vormittags das eine, nachmittags das andere im Wechsel. Nach der 3. Schulreform wurde die Große Stadtschule Polytechnische Oberschule „Clara Zetkin“ und blieb es bis 1991.

Hannes erzählt: „Wieder ziehen sieben Jahre lang Gymnasiasten ein. Danach beginnt 2010 der größte Umbau und noch einmal zwei Jahre und wir Musikschüler nehmen das Haus der Musik in unseren Besitz. Die Aula mit modernster Lichtanlage und feinster Akustik. Hören Sie nur den Klang.“ Wir lauschen. Es wird geprobt. Stolz sind beide auf vier Jahrhunderte Musik am Wall in Rostock.

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erstellt am 13.Mai.2016 | 00:00 Uhr

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