Rauchtisch : Ein fast vergessenes Möbelstück

Die beiden Frauen sitzen schmökend neben einem Rauchtisch, auf dem ein Radio steht.
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Die beiden Frauen sitzen schmökend neben einem Rauchtisch, auf dem ein Radio steht.

Der Rauchtisch besaß einmal einen großen Stellenwert in den deutschen Wohnzimmern

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18. März 2016, 00:00 Uhr

Der Rauchtisch hat seinen Ursprung im Orient. Dort diente der wadenhohe Tisch zunächst als Abstellmöbel für Wasserpfeife und Teegläser. Diese Tischchen waren oftmals aus Messing oder gar aus Silber gefertigt und reich mit Ornamenten verziert. In Deutschland und somit auch in Mecklenburg fand der Rauchtisch erst ab dem Biedermeier, also mit Beginn des 19. Jahrhunderts, eine nennenswertere Verbreitung. Zu dieser Zeit war das Rauchen sozial weitgehend akzeptiert und in „besseren Kreisen“ als Mittel zum Ausdruck von gesellschaftlichem Rang, Gelassenheit und Überlegenheit sogar positiv besetzt.

Zunächst diente der Rauchtisch in herrschaftlichen und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in gutbürgerlichen Kreisen sowohl als ein standesgemäßes als auch raumschmückendes Möbelstück, auf welchem dekorative Raucherutensilien oder auch diverse Nippes ihren Platz fanden. Erst ab den 1930er-Jahren fand der Rauchtisch eine flächendeckende Verbreitung bis hinein ins proletarische Wohnmilieu.

Nachdem 1962 jedoch erstmalig die krebsfördernde Wirkung des Rauchens wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, kam dieses Möbelstück allmählich wieder aus der Mode. Bis zu dieser Zeit wurde nicht nur am Arbeitsplatz, in Verkehrsmitteln und sogar in Krankenhäusern, sondern auch zu Hause in der gemütlichen Wohnstube ungeniert geraucht und gepafft. Aus eigenem Erleben ist mir bekannt, dass sich meine Großeltern im südwestmecklenburgischen Neu Kaliß erst Ende der 1950er-Jahre einen solchen Rauchtisch anschafften. Anfertigen ließen sie diesen vierbeinigen Holztisch bei dem im Ort ansässigen Tischler. Das Möbelstück war mit abgeschrägten Ecken gefertigt und verfügte über eine zweite Etage, die als Ablage für Bücher, Zeitschriften oder Zeitungen diente.

Der hölzerne Spiele-Kasten fand ebenfalls seinen Platz, manchmal sogar die Handarbeitsschale der Großmutter. Um den Rauchtisch herum standen zwei Sessel, aus denen sich später auch das Fernsehprogramm verfolgen ließ. Diese kleine gemütliche Ecke der Entspannung, mit oder ohne Tabakrauch, war somit recht typisch für die Region Südwestmecklenburgs. Dort hatten sich dank der im Wanzeberg gefundenen Bodenschätze und des nahen Elde-Kanals zahlreiche Industriebetriebe angesiedelt, die in den umliegenden Dörfern wiederum eine Arbeiterschaft mit ausreichendem Einkommen und einer geregelten Arbeitszeit hervorbrachten.

Der Rauchtisch symbolisierte für zahlreiche Arbeiterfamilien ein wenig kleinbürgerliche Gemütlichkeit. Oftmals befand sich in der Nähe des Rauchtisches eine kleine Hausbar mit Likören oder anderen Spirituosen, durch deren Genuss sich der Tabakrauch noch etwas versüßen oder runterspülen ließ.

Waren die Rauchtische bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch mit Glas-, Marmor-, Kupfer- oder Messingplatten versehen, setzten sich ab den 1930er- Jahren in den bescheideneren Haushalten die einfachen Holztische durch, die meistens mit gehäkelten oder bestickten Deckchen geschmückt wurden. Nicht selten fand auf dem Rauchtisch ein Radio seinen Platz. In den meisten Haushalten aber wurde dieses Möbelstück neben den üblichen Raucheraccessoires mit einer Blume, einem kleinen Bild, manchmal einer Lampe oder einer Konfektschale geschmückt. Zu den üblichen Rauchtischgarnituren gehörten ein dekorativer Aschenbecher, eine Zigaretten- bzw. Zigarrenkiste, ein Tischfeuerzeug und gelegentlich ein Pfeifenständer.

Mein Urgroßvater verwahrte auf dem Rauchtisch auch ein Etui mit seinem Vorrat an Kautabak. In Ostdeutschland und somit auch in Mecklenburg kamen weitestgehend ab den 1950er- Jahren sogenannte Rauchverzehrer in Mode. Solche in Form von Tieren wie beispielsweise Eulen, Hunden oder Katzen gefertigten Schmuckfiguren aus Keramik waren in den meisten Fällen elektrisch betriebene Geräte, die vorzugsweise ebenfalls auf den Rauchtischen ihren Platz fanden. Eine solche auch als Lampe fungierende Keramikfigur diente angeblich dazu, die Zimmerluft vielfach mittels Duftöl vom Rauch zu reinigen.

So wurden in die von innen beleuchteten Figuren Duftessenzen gegeben, die durch eine Glühlampe erwärmt, Wohlgerüche entfalteten und auf diese Weise die Luft reinigen bzw. den Tabakrauch „verzehren“ sollten. Tatsächlich wurde der Tabakqualm aber nur besser im Raum verteilt und durch die Duftaromen überlagert. Elektrisch betriebene Rauchverzehrer sind heute nur noch ein beliebtes Sammlergut und Rauchtische aus den Wohnstuben fast gänzlich verschwunden.

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