Kriminalgeschichte : Ein Einbruch zu dunkler Stunde

Die historische Ansichtskarte zeigt den Schweriner Schlossgarten, in dem Karl Ahrens seine Beute vergrub.
Die historische Ansichtskarte zeigt den Schweriner Schlossgarten, in dem Karl Ahrens seine Beute vergrub.

Gauner hatten es auf die Kasse des Feldartillerieregiments abgesehen. Aufklärung mit Gipsabdrücken von Fußspuren

svz.de von
23. März 2018, 00:00 Uhr

Öllampen, Gaslaternen, elektrisches Licht: Die Straßenbeleuchtung hat eine lange Geschichte und nicht selten hinkte Schwerin hinterher. Nachdem 1884 ein Angebot der Edisonschen Gesellschaft aus Berlin als zu teuer verworfen wird, bleibt in Schwerin erst einmal alles beim Alten – und bei schlechter Straßenbeleuchtung auch vieles im Dunkeln.

Natürlich wird im Schutz der Dunkelheit allerhand Unfug getrieben. Mutwillige Sachbeschädigungen sind meist harmlos. Krawalle, angezettelt von randalierenden Betrunkenen, kommen häufig vor. Auch Einbrüche und Diebstähle haben nachts Hochkonjunktur. So auch am 22. März 1884.

Die Stadt ist an diesem Tag festlich geschmückt. Der Geburtstag des deutschen Kaisers soll zelebriert werden. Schon morgens ziehen Musikkorps durch die Stadt, der Unterricht an den Schulen fällt aus. Gottesdienste werden abgehalten, die Artillerie feuert 101 Kanonenschüsse ab. Militärische Feiern finden in fast allen Lokalen der Stadt statt. Aber nicht alle Einwohner der Stadt haben das Bedürfnis, diesen Tag festlich zu begehen.

Im Haus Münzstraße 1 wohnt der Buchbinder Karl Heinrich Ahrens. Er ist 45 Jahre alt und verheiratet. Wegen Diebstahls und Bettelns ist er mehrfach vorbestraft. Er mag sich nicht damit abfinden, dass sein Leben in bescheidenen Verhältnissen verläuft.

Eng beieinander wohnen Arm und Reich in der kleinen Residenzstadt, zu eng vielleicht. Denn das weckt Begehrlichkeiten. Schräg gegenüber von Ahrens wohnt Major von Heydweiller, Abteilungskommandeur im Großherzoglichen Feldartillerieregiment. Für den Major ist es geradezu Pflicht, seinem Kaiser zu huldigen. Bereits am Nachmittag begibt er sich in die Stadt, um den Feiern beizuwohnen.

Auch sein Bursche Lange verlässt um sechs Uhr das Haus, nachdem er sich vergewissert hat, dass Türen und Fensterläden ordentlich verriegelt, aber auch die beiden Zugänge zum Schlafzimmer des Majors gesichert sind. Denn hier, am vermeintlich sichersten Ort im Haus, befindet sich das Objekt der Begierde, eine vorschriftsmäßig mit Eisen beschlagene Kiste, in welcher die Kasse der ersten Abteilung des 24. Feldartillerieregiments aufbewahrt wird. Die Existenz der Kiste ist kein Geheimnis und ist auch Ahrens nicht verborgen geblieben. Durch seine Bekanntschaft mit Lange ist er mit den Lokalitäten vertraut. Komplizen hat er sich auch besorgt, Schuster Otto Wenck und Zigarrenmacher Johann Winckel, beide ebenfalls vorbestraft, wollen sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Dass sie verheiratet sind und minderjährige Kinder zu versorgen haben, hält sie von dem Gaunerstück nicht ab.

Ahrens observiert das Haus seit dem Nachmittag, als er die Luft für rein befindet, ruft er seine Kumpane heran. Abends um 9 Uhr dringen Wenck und Winckel mit Hilfe alter Schlüssel in das Haus ein. Das Schloss der Schlafzimmertür widersteht ihren Bemühungen, mit einem Stemmeisen wird die Tür aufgebrochen. Die durchaus nicht leichte Kasse schleppen sie über das Hinterhaus ins Freie. Ahrens, der in der Münzstraße Schmiere gestanden hat, stößt wieder zu ihnen.

Das Gelände hinter der Münzstraße ist damals noch unbebaut. Hier befinden sich Gärten und Ackerflächen. Die wenigen hundert Meter bis ans Wasser sind schnell zurückgelegt. Im Beutel liegt ein Boot zur Flucht bereit. Unklar ist, ob sie ein Fluchtziel haben. Sicher wollen sie sich so schnell wie möglich vom Tatort entfernen, aber keiner von ihnen hat vor, die Stadt längerfristig zu verlassen. Die drei rudern in Richtung Zippendorf. Hinter Kalkwerder machen sie halt. Hier wird die Kiste aufgebrochen, Gold, Silber und Papiergeld, über 18 000 Mark, teilen sie unter sich auf. Für sie wertlose Papiere und Sparkassenbücher im Wert von fast 8000 Mark versenken sie mit der Kiste im See. An Land gegangen, trennen sie sich. Winckel und Wenck schlagen den Weg in Richtung Artilleriekaserne ein. Ahrens vergräbt seinen Anteil im Schlossgarten.

Lange können sich die Ganoven ihres neu erworbenen Reichtums nicht erfreuen. Kaum ist der Diebstahl zur Anzeige gebracht, fällt der Tatverdacht auf Ahrens und Winckel. Beide werden noch in derselben Nacht verhaftet. Durch Gipsabdrücke der Fußspuren im Garten wird Ahrens überführt und legt das Geständnis ab, die Tat zusammen mit Winckel und Wenck begangen zu haben. Ihre Geldverstecke müssen sie preisgeben, 2200 Mark bleiben verschwunden.

Ahrens und Wenck werden zu fünf Jahren, Winckel, mit Einbeziehung einer noch nicht verbüßten Haftstrafe, zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Und ein Menschenleben ist auch noch zu beklagen. Zwei Jahre nach der Tat nimmt sich Ahrens’ Ehefrau das Leben. Im sogenannten Beutel am Marstall, wo damals die Flucht zu Wasser begann, ertränkt sie sich. Scham, gesellschaftliche Ausgrenzung und wirtschaftliche Not werden sie in den Selbstmord getrieben haben.


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