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Familie Wehmeyer aus Schwerin : Ein bürgerliches Leben

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Aus der Onlineredaktion

Der Schweriner Carl Wehmeyer bangte während des Krieges um seine Söhne. Dem Jüngsten war die Rückkehr nicht vergönnt

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Ein Grabstein auf dem Alten Friedhof erinnert an die Familie Wehmeyer. Einer der hier Beerdigten ist Carl Wehmeyer. Er wurde in eine unruhige Zeit hineingeboren: Die Revolution von 1848 hat die Machthaber aufgeschreckt und zu Zugeständnissen gezwungen. Jetzt, ein Jahr später, hofft Carl Wehmeyers bürgerlich-liberal gesinnter Vater auf deren Umsetzung. Bernhard Heinrich Wehmeyer, 1809 in Schwerin geboren, besucht das Gymnasium Fridericianum und studiert Jura in Rostock und Jena. In Schwerin lässt er sich als Anwalt nieder. Politisch engagiert er sich im Bürgerausschuss, dem er von 1848 bis 1871 vorsteht, wird Mitglied der ersten Mecklenburgischen Abgeordnetenversammlung und gegen Ende seines Lebens Reichstagsabgeordneter.

Carl Wehmeyers Lebensweg verläuft zunächst ähnlich. Auch er besucht das Gymnasium Fridericianum, leistet seinen Grundwehrdienst im Füsilier-Regiment in Rostock ab und beginnt Jura zu studieren. Zuerst in Rostock, dann an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Kaum hat er das Sommersemester 1870 abgeschlossen, werden seine Studien jäh unterbrochen: Zwischen den deutschen Einzelstaaten und Frankreich ist Krieg ausgebrochen. Wehmeyer wird in das Mecklenburgische Grenadierregiment 89 eingezogen. Anfangs zum Küstenschutz an der Nordsee eingesetzt, wird das Regiment im August nach Frankreich in Marsch gesetzt. In der Folge hat es schwere Kämpfe zu bestehen.

Während der Sohn in Frankreich kämpft, sammelt der Vater in der Heimat Spenden für die Krieger. Am 10. Januar erscheint Bernhard Heinrich Wehmeyer nicht zu einer Sitzung des Bürgerausschusses. Ahnt er schon etwas von der Verwundung seines Sohnes? Dass die Mecklenburgischen Truppen in schwere Kämpfe bei Le Mans verwickelt sind, weiß er sicher. Nachrichten vom Kriegsschauplatz gibt es zeitnah. Der Großherzog selbst hat am 10. Januar nach Schwerin telegrafiert: „Es werden wohl heiße Tage kommen, aber am Erfolg zweifle ich nicht.“

Carl Wehmeyer ist tatsächlich getroffen. Ein Schuss in den linken Unterschenkel verwundet ihn am 11. Januar im Gefecht bei Connere. Für ihn ist der Krieg vorbei. Schneller als anderen gelingt es ihm, in die Heimat zurückzukehren.

Nach seiner Beförderung zum Reserve-Offizier beginnt er, seine Studien fortzusetzen. Nach München kehrt er nicht zurück, stattdessen besucht er die Universitäten Leipzig, Göttingen und noch einmal Rostock. Nach bestandenem Advokaten-Examen wird er am 11. April 1878 bei der Schweriner Justizkanzlei als Advokat zugelassen und zum Notar ernannt.

1884 heiratet Carl Wehmeyer Adine Wachenhusen, Tochter des Militärbaumeisters Ludwig Wachenhusen. Als Adine 1855 geboren wird, ist ihr Vater gerade mit den Bauvorbereitungen für die Artillerie-Kaserne, das heutige Finanzamt, beschäftigt. Jahre später wird er auch den Bau des Militärhospitals, heute noch oberhalb des Schlosspark-Centers gelegen, vollenden. Nachdem Adine drei Söhne geboren hat, stirbt sie 1895 in Schwerin. Drei Jahre später heiratet Wehmeyer ihre Cousine Anni. Sie ist Witwe und bringt zwei Kinder mit. Fünf Kinder wollen nun versorgt sein. Zusammen mit den beiden Dienstmädchen Anna und Ida macht Anni sich an die Arbeit. Das Wohnhaus in der Alexandrinenstraße bietet Platz und Komfort. Wehmeyer hat es von seinem Vater geerbt, hier ist er aufgewachsen, hier werden auch seine Kinder aufwachsen.

Seine Ernennung zum Justizrat am 9. April 1913 liegt in der Norm. Jährlich zu seinem Geburtstag verleiht der Großherzog Statuserhöhungen. Persönlichkeiten aus der Wirtschaft werden Kommerzienräte, Handwerker und Kaufleute Hoflieferanten, aus Notaren und Rechtsanwälten werden Justizräte.

1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Und wie schon sein Vater im Deutsch-Französischen Krieg bangt er nun um das Leben seiner Söhne. Als er am 22. Juni 1915 das Extrablatt der „Mecklenburgischen Zeitung“ in den Händen hält, steht darauf in großen Lettern zu lesen: „Lemberg gefallen“. Dass nicht nur die Stadt Lemberg gefallen ist, sondern auch tausende Soldaten, das weiß er. Dass er seinen jüngsten Sohn Erich nie wiedersehen wird, weiß
er in diesem Moment noch nicht. Die Nachricht vom Tod des Sohnes erreicht die Familie erst zwei Wochen später. Es ist die 49. Kriegswoche, die schlimmste Woche für die Wehmeyers. In diesen Tagen stirbt auch Annis Schwester Mathilde.

1928 ist es ihm vergönnt, sein 50-jähriges Jubiläum im Amt eines Notars zu feiern. Ein Jahr später muss er den Tod seiner zweiten Frau verkraften. Anni Wehmeyer stirbt am 20. Januar 1929 infolge eines Gehirnschlages. Carl folgt ihr ein Jahr später.

Die Geschichte der Wehmeyers ist typisch für eine Familie aus dem Bildungsbürgertum: Die Männer waren akademisch gebildet, die Frauen sanft in ihre Rolle als Hausfrau und Mutter gedrängt. Leid und Not in den Kriegen der Zeit haben sie gemeinsam erduldet, glückliche Zeiten gemeinsam durchlebt, bis der Tod kam und die Bande leise löste.

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