Austellung im Freilichtmuseum Schwerin : Eigener Herd ist Goldes wert

Gesine Kröhnert zeigt in der Ausstellung einen Feldkocher aus dem Ersten Weltkrieg.
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Gesine Kröhnert zeigt in der Ausstellung einen Feldkocher aus dem Ersten Weltkrieg.

Ausstellung im Freilichtmuseum für Volkskunde in Schwerin-Mueß zeigt die Entwicklung der Kochstelle

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10. Oktober 2018, 11:44 Uhr

Katja Haescher Schwarze Küche und Schwarze Magie, Sparherde und Herde „to go“, Drei-Gänge-Menüs und die Erfindung des Kochbuchs – um dies und mehr dreht sich die Ausstellung „Brennpunkt Herd“ im Freilichtmuseum für Volkskunde in Schwerin-Mueß. Sie entfacht Neugier auf einen Gegenstand, der jeden Menschen ein Leben lang begleitet. Ein Gegenstand, der nicht nur Küchengerät ist, sondern Motor und Indikator für gesellschaftliche Veränderungen.

Museumsleiterin Gesine Kröhnert ist Feuer und Flamme, wenn sie über die Präsentation spricht. Oder genauer gesagt über die Sammlung, auf der diese fußt. Jahrzehntelang hatten Carmen und Hans Hoffmeister aus Metelen im Münsterland Herde und Öfen aufgespürt, aus dem Schutt gezogen, vom Trödel geholt, gereinigt und instandgesetzt – rund 150 waren es am Ende. Zusätzlich zu diesen historischen Herden, Brennstellen und gusseisernen Öfen sammelte das Ehepaar Zubehör: Töpfe, Wasserkessel und Aschekästen, Herdringe, Kochbücher und Gemälde mit Darstellungen des Herdfeuers. „Je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr wird mir bewusst, wie einmalig diese Sammlung ist“, sagt Gesine Kröhnert.

Diese Fülle haben Hoffmeisters 2016 der Landeshauptstadt Schwerin übereignet. „Sie machten hier Urlaub, besuchten das Museum und freuten sich, eine Schwarze Küche zu finden“, erzählt die Museumschefin vom ersten und zufälligen Kennenlernen, das mit der Weitergabe eines Schatzes seinen Höhepunkt fand.

Und so wie das Zusammentreffen von Sammlern und Museumsleuten mit der Schwarzen Küche beginnt, beginnt damit auch die Geschichte der ersten Kochstellen unter heimischem Dach. Letzteres hatte über Jahrhunderte nicht einmal einen Schornstein, weshalb der Raum dunkel, von Rauch durchzogen und rußgeschwärzt war. „Der warme Herd als kuschliger Platz im Winter war hier eine Illusion, denn das offene Holzfeuer reichte nur punktuell zum Kochen und hatte kaum einen Heizeffekt“, sagt Gesine Kröhnert. Auch kulinarisch war die Schwarze Küche simpel: Ein Kessel hing über dem Feuer, danach stand Eintopf auf dem Tisch, meist Zusammengekochtes aus Kohl, Graupen und Gartengemüse, Backobst, Pökelfleisch und Speck. Regulieren ließ sich der Kochvorgang, indem man den Kessel mit Hilfe von Haken in der Aufhängung – so genannten Zähnen – näher ans Feuer brachte oder den Abstand vergrößerte. Wer „einen Zahn zulegte“, konnte also schneller „Essen ist fertig!“ rufen.

Effektiv war diese Kochmethode nicht, brandgefährlich außerdem. Deshalb kam die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert auch in der Küche an. Jetzt gingen Konstrukteure daran, mit Hilfe zahlreicher Innovationen das Feuer einzufangen und möglichst wirksam zu nutzen. Diese technische Veränderung ging mit einer gesellschaftlichen einher: „Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Bürgertum und mit ihm ein neuer Anspruch an Wohnen und Lebensweise“, sagt Gesine Kröhnert. In die Küchen hielten gusseiserne Sparherde mit integrierter Back- und Bratröhre und einem Tank für warmes Wasser Einzug. Parallel änderte sich der Speiseplan: Nun gab es die Möglichkeit, auf mehreren „Feuerstellen“ verschiedene Gerichte zeitgleich zuzubereiten. Das war natürlich raffinierter, als alles in einen Topf zu werfen. Und so entstanden, beflügelt von den neuen Wunderwerken in der Küche, die ersten Rezeptbücher. Kolonialwarengeschäfte lieferten exotische Zutaten und Maggi-Würze, Knorr-Suppenwürfel und Liebig’s Fleischextrakt brachten moderne Lebensmitteltechnologie an den Herd. Der war übrigens in vielen Familien eine Anschaffung fürs Leben: Wahre Prachtstücke aus Eisen und Emaille mit passendem Zubehör zeigen in der Ausstellung, dass der Traum von der schicken Einbauküche gar nicht so neu ist.

Trotzdem wurden die Herde im 20. Jahrhundert wieder schlichter. Es waren kleine, emaillierte Weißblech-Massenprodukte, die jetzt auch in Arbeiterhaushalten standen. Mit der zentralen Gasversorgung kamen die ersten Gasherde auf, bei denen aber immerhin noch eine Flamme unter dem Topfboden zischte. Dem nächsten Entwicklungsschritt, dem Elektroherd, standen viele Menschen dagegen skeptisch gegenüber: Zum ersten Mal war das Feuer aus dem Prozess des Kochens verschwunden. „Einige gingen so weit zu behaupten, das Essen würde anders schmecken, irgendwie elektrisch“, weiß Gesine Kröhnert.

Es ist eben eine innige Beziehung, die die Menschen und das Feuer verbindet. Um das Herdfeuer rankte sich deshalb im alten Mecklenburg viel Aberglaube. „Zu Fastnacht muss auf dem Herd gebacken werden, sonst tanzen übers Jahr die Hexen darauf“, heißt es da zum Beispiel. Und bis ins 19. Jahrhundert führte man in Norddeutschland nach Geburt oder Hochzeit die neuen Familienmitglieder an den Herd, um sie den Ahnen vorzustellen.

Zurück in die Küche von heute, in der der Herd zunehmend Hobby-Objekt wird – immer weniger Menschen nutzen ihn täglich. Und wieder ist er dabei Indikator einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Gesine Kröhnert mit Sorge sieht: „Das gemeinsame Essen ist eine Form der Kommunikation, ohne die eine Familie auseinanderfällt“, sagt sie. Ein eigener Herd ist dabei Goldes wert – das weiß auch das Sprichwort.

Und apropos Gold: Gesine Kröhnert wünscht sich jetzt, die wertvolle, einmalige Sammlung der Hoffmeisters dauerhaft zeigen zu können. „Ein fester Ort ist deshalb wichtig, weil ein solches Kulturgut nicht zu oft umgestellt werden darf“, sagt die Expertin. Zumindest die Kochstellen haben aktuell ihre Bühne: Bis zum 31. Oktober ist die Ausstellung „Brennpunkt Herd“ im Museum zu sehen.

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