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Hysterie in Mecklenburg : Ehrenbürger am Fließband

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zahlreiche Städte wollten 1933 Hitler, Hindenburg und Hildebrandt besonders auszeichnen

Mit der Verleihung von Ehrenbürgerrechten zeichnen Städte und Gemeinden Persönlichkeiten aus, die sich durch ihr Wirken um eine Stadt besonders verdient gemacht haben. Diese Möglichkeit zur Ehrung ist den Gemeinden erstmals in den Städteordnungen der beiden mecklenburgischen Freistaaten 1919 zugesprochen und in den Ortssatzungen der Kommunen entsprechend geregelt worden. Die Stadtparlamente berieten und beschlossen die Vorschläge zur Vergabe der Ehrenbürgerschaften, veranlassten die Ausfertigung einer entsprechenden Urkunde und die Eintragung des Honorierten in das Ehrenbuch oder das Ehrenbürgerverzeichnis der Stadt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 und besonders nach der inszenierten Konstituierung des Reichstages am 23. März 1933, dem „Tag von Potsdam“, war das Auswahlkriterium, dass jemand sich Verdienste um eine Stadt erworben haben musste, weitgehend außer Kraft gesetzt und einer massenhaften Hysterie gewichen. Zahlreiche Städte und Gemeinden wollten den Reichskanzler als Symbolfigur des neuen Deutschen Reiches zu ihrem Ehrenbürger ernennen, aber auch Reichspräsident Paul Hindenburg sowie die jeweiligen Reichsstatthalter der Länder und Provinzen waren hoch gehandelte Ehrenbürger-Anwärter. Unzählige Straßen, Plätze und Gebäude wurden umbenannt, Adolf Hitler geweihte Eichen gepflanzt, Hitler-Findlinge aufgestellt, Restaurantbesitzer beabsichtigten, ihre Lokale unter dem Namen „Zum deutschen Reichskanzler Adolf Hitler“ weiterzuführen, Bäcker kreierten Adolf-Hitler-Torten. Als eine der ersten deutschen Städte und als erste mecklenburgische Kommune hatte Bad Doberan auf Beschluss des seit Juni 1932 NS-dominierten Stadtparlaments vor der reichsweiten Machtübernahme der Nationalsozialisten dem Führer der NSDAP und späteren Reichskanzler schon im August 1932 die Ehrenbürgerechte verliehen.

Zwischen März und Juni 1933 folgten mit Rehna, Ribnitz, Rostock und Stavenhagen weitere Kommunen, die sowohl Hitler und Hindenburg als auch den Reichsstatthalter Friedrich Hildebrandt zu Ehrenbürgern ihrer Stadt wählten. Die Stadtvertreter Stavenhagens begründeten ihre Entscheidung im April 1933 im Begleitschreiben zum Ehrenbürgerbrief für Hitler damit, dass er „als Reichskanzler mit starker Hand die nationalen Kräfte des Landes gesammelt, der Korruption Einhalt geboten und unser deutsches Vaterland aus dem Niedergang empor gerissen“ habe. Hildebrandt erhielt die Ehrenbürgerrechte Stavenhagens dafür, dass er „Mecklenburg den Händen der Marxisten und der Reaktion entrissen und sich dadurch große Verdienste um die nationalsozialistische Revolution erworben“ habe. Gleichzeitig erklärten sich die Stadtväter von Stavenhagen „freudig bereit, an dem von Ihnen, Herr Reichsstatthalter, vorgesehenen Aufbau des mecklenburgischen Heimatlandes mitzuarbeiten“ und gelobten, „sich jederzeit rücksichtslos für Sie und Ihre Arbeit einzusetzen.“

Die Stadt Wittenburg verlieh Hitler und Hindenburg die Rechte von Ehrenbürgern, und Neustrelitz zeichnete Hitler und Hildebrandt damit aus, während sich die Städte Bad Sülze, Bützow, Crivitz, Gnoien, Güstrow, Parchim, Schwaan, Schwerin und Waren auf den Reichsstatthalter beschränkten. Von den 52 mecklenburgischen Städten des Jahres 1933 haben also mindestens 16 Gemeinden (30 Prozent) eine Ehrenbürgerschaft an zumindest eine der drei Personen verliehen. Der Reichsinnenminister stoppte diesen im gesamten Reich grassierenden Wildwuchs und wies die Städte und Gemeinden im April 1934 an, Ernennungen von Partei- und Staatsführern zu Ehrenbürgern künftig zu unterlassen und die Benennung von Gebäuden oder Straßen nach lebenden Personen nicht mehr zu erlauben. Die Mädchen-Mittelschule in Wismar und die Knaben-Mittelschule in Schwerin, die sich schon Monate zuvor in „Adolf Hitler-Schule“ umbenannt hatten, baten jedoch darum, diesen Namen weiterführen zu dürfen, da eine neuerliche Umbenennung und die Rückkehr zum ursprünglichen Namen politisch missverstanden werden könnte.

In den folgenden Jahren waren die mecklenburgischen Städte mit der Verleihung von Ehrenbürgerschaften sehr zurückhaltend. Bekannt ist lediglich die im Januar 1934, anlässlich seines 75. Geburtstages, erfolgte Ernennung von Richard Wossidlo zum Ehrenbürger der Stadt Waren, womit dessen volkskundliche Forschungstätigkeit ausgezeichnet wurde. Außerdem ernannte im März 1939 die Stadt Rerik den Prähistoriker Robert Beltz zum Ehrenbürger, der mit seinen Ausgrabungen in Alt Gaarz der jungen Stadt zu einiger Popularität verholfen hatte.

Rechtlich und formaljuristisch gesehen erlischt eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tode des Geehrten, weshalb sich eine postume Aberkennung stets erübrigt. Dennoch hielten es unmittelbar nach Kriegsende und bis in die Gegenwart hinein zahlreiche Städte für notwendig, die einstmals verliehenen und nunmehr unliebsamen Ehrenbürgerschaften für nichtig zu erklären. Erregte Debatten in den Stadtparlamenten und nicht immer sachgerechte Diskussionen in den Medien begleiteten diese symbolische Distanzierung. So beschloss das Rostocker Stadtparlament im Juli 1990 die Aberkennung der Ehrenbürgerrechte für Hindenburg, Hitler und Hildebrandt. Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zum G8-Gipfel in Heiligendamm wurde im April 2007 das von Bad Doberan an Hitler verliehene Ehrenbürgerrecht für nichtig erklärt, und im Oktober 2013 beschlossen auch die Stadtverordneten von Stavenhagen, Hindenburg, Hitler und Hildebrandt die lange erloschenen Ehrenbürgerwürden abzuerkennen.

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