Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Egoismus kannten wir nicht“

Ingeborg und ihr kleiner Bruder Albert mit ihrer Mutter Johanna Braasch, die sich um viele Flüchtlinge kümmerte.
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Ingeborg und ihr kleiner Bruder Albert mit ihrer Mutter Johanna Braasch, die sich um viele Flüchtlinge kümmerte.

Ingeborg Schmidt erinnert sich daran, wie sich ihre Mutter nach dem zweiten Weltkrieg für heimatlos gewordene Menschen einsetzte

svz.de von
20. August 2016, 00:00 Uhr

In der Fremde stranden mit nichts – diese Erfahrung mussten die meisten der Flüchtlinge im und nach dem zweiten Weltkrieg machen. Und viele bekamen zu spüren, dass sie nicht willkommen waren. Doch gibt es auch andere Beispiele. Ingeborg Schmidt erinnert sich daran, wie ihre Mutter den Ankommenden in der ersten schweren Zeit half.

Seit Generationen lebt meine Familie auf der Insel Rügen. Ich wurde Anfang des Krieges 1939 dort geboren und habe deshalb auch mehr die „Auswirkungen des Krieges“ wahrgenommen.

Meine Großeltern und später auch meine Eltern hatten eine Gastwirtschaft. Unser Vater war längst in amerikanischer Gefangenschaft, sein Bruder in russischer Gefangenschaft auf der Krim. Ihre Frauen saßen mit uns Kindern zu Hause allein mit tausend Ängsten. Was die Frauen während der ganzen Zeit des Krieges leisteten, ist unvorstellbar. Ihnen gebührt noch heute große Anerkennung und Dank in höchstem Maße!

Mit Kriegsende wurden wir sowjetische Besatzungszone, ein Begriff, mit dem wir viele Entbehrungen assoziierten. Bald kamen viele Verwandte als Flüchtlinge aus Ostpreußen zu uns. Meine Großtante kam mit ihrer Tochter, die bald nach der Ankunft an Typhus starb. Aus Gotenhafen flüchtete die Familie der Schwester meiner Mutter. Sie hatten einen schrecklichen Transport auf einem Lkw, der mit Munition beladen und nur mit einer Plane bedeckt war. Die vierköpfige Familie fand vorerst Unterkunft bei uns und siedelte später zu unserem Großvater nach Saßnitz über.

Aus Gotenhafen kam mein Großonkel mit seiner Frau. Ihre Flucht war eigentlich mit dem Schiff „Wilhelm Gustloff“ vorgesehen. Die Gustloff war ein Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“, das im Zweiten Weltkrieg als Lazarettschiff, Truppentransporter und Wohnschiff der Kriegsmarine eingesetzt wurde. Bei ihrer Versenkung durch ein sowjetisches U-Boot vor der Küste Pommerns am 30. Januar 1945 kamen möglicherweise mehr als 9000 Menschen ums Leben. Aus unerklärbaren Gründen wurden die Sachen meiner Verwandten „verschifft“, doch sie selbst gingen nicht an Bord. Was für ein Schicksal!

Die beiden wohnten dann bei uns. Meine Mutter und wir Kinder versorgten und betreuten sie bis ans Lebensende. Aus Stettin kam die Familie des Bruders meines Vaters, dazu weitere Verwandte, es waren zehn Personen, die in einem der Gasträume logierten.

Da wir einen Garten, Hühner und Kaninchen hatten, versuchte meine Mutter alle zu beköstigen und vom Bauern etwas Milch für die Kinder zu bekommen. Diese Familien bekamen später geeignete Unterkünfte.

Auch später wurden wir nicht von den Auswirkungen des Krieges verschont. Die russischen Kommandeure und Soldaten kamen, beschlagnahmten unser Haus, Hof, alles! Alle mussten erst mal raus. Nur meine Mutter, Oma und wir Kinder durften in einem Zimmer bleiben. Das war mit Disziplin und höchsten Einschränkungen verbunden.

In unser Haus kam eine russische Apotheke, gegenüber war ein Lazarett. Die Russen gaben unseren Hühnern ihr Futter aus Mutters schönsten Porzellanbonbonnieren. Ich weiß nicht, wie viele Ängste meine Mutter als einzige junge Frau ausgestanden hat. Auf unseren Hof wurden im Wechsel oft Kühe, Pferde, Hühner, Schafe gebracht, die von Bauernhöfen fortgetrieben und danach abtransportiert wurden.

Als mein Vater dann später aus der Gefangenschaft kam, wurde er in der Kommandantur eingesperrt, weil er an Russen, die ihn lebensbedrohlich attackierten, Schnaps verkauft hatte. Als unser Haus wieder geräumt wurde, kam die kasernierte Volkspolizei in die Gastwirtschaftsräume. Irgendwie ging das Leben dann weiter. Von den Erträgen des Gartens kochten meine Mutter und Oma Suppen. Lange Schlangen von Bedürftigen bildeten sich vor unserem Haus. Für uns Kinder war es trotz aller Tragik des Ganzen sehr aufregend und interessant. Egoismus kannte man in dieser Zeit nicht!

Wenn man eine Parallele zur heutigen Flüchtlingssituation zieht, dann bleibt bei allen Entbehrungen in meiner Geschichte eine Botschaft: Für ein menschenwürdiges Miteinander einzutreten lohnt sich allemal!


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