zur Navigation springen

Flucht, Vertreibung, Neuanfang: Ihre Geschichte : Dramatische Flucht über die Ostsee

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Martin Werner aus Schwerin floh als Jugendlicher mit der „Potsdam“ nach Saßnitz / Eine zweite Flucht endete in Schwerin

Die Flucht. Diese beiden Worte bedeuten für mich wie für viele Menschen einen bedeutenden Einschnitt in meinem Leben. Mein Name ist Martin Werner und ich bin 1930 in Elbing, Westpreußen geboren. Meine Eltern besaßen hier eine große Tischlerei.

Ende 1944 war es dann soweit. Zwar brachten die Wehrmachtsberichte laufend Siegesmeldungen, aber der in der Ferne zu hörende Geschützlärm und die Trecks, die durch unsere Stadt kamen, redeten eine andere Sprache. Am 23. Januar 1945 wurde in der Familie beschlossen, dass mein Vater mit einem Fahrzeug mit Hab und Gut nach Berlin wollte, Mutter und ich mit dem Zug dorthin zu Verwandten – beides blieb eine Illusion. Wir standen in Elbing, Hauptbahnhof, auf einem übervollen Bahnhof, weder gab es Fahrkarten noch hielt ein Zug. Dann gab es in der Nähe Explosionen und ich erkannte in der Abenddämmerung, dass es sich um sowjetische Flugzeuge handelte. Ich zerrte meine Mutter, von Angst getrieben, auf den Bahnhofsvorplatz. Jetzt hielten die sowjetischen Maschinen mit ihren Bordwaffen in die wartenden Menschen auf den Bahnsteigen – ein infernalisches Gemetzel!

Zu Hause wurde beschlossen, die Flucht mit dem Rodelschlitten anzutreten. Mein Vater hatte richtig erkannt: Mit dem Fahrzeug ist kein Durchkommen. Dann ging es los – ich habe erst viel später begriffen, wie meinen Eltern wohl zumute war, als sie einen „Abschiedsgang“ durch Betrieb und Wohnung machten. Sie sahen die Lage real und gaben sich keinen Illusionen hin. Die Bekleidung wurde mehrfach angezogen, es war sehr kalt.

Während der Flucht habe ich mich meistens auf Böden versteckt und dort übernachtet. Die„Kettenhunde“, Feldjäger oder Feldpolizei, fragten nicht nach Ausweisen, sondern entschieden nach Augenschein, ob jemand in der Lage sei, dem Dritten Reich noch zum „Endsieg“ zu verhelfen. In Gr. Zünder musste die Weichsel überquert werden. Dies geschah mit einer primitiven Fähre bei starker Strömung und Eisgang. Es gingen nur drei, vier Treckwagen auf die Fähre und das bei einem zig Kilometer langen Stau. Mancher Wagen lag im Straßengraben, weil die Gespanne am Ende ihrer Kräfte waren. An den Wagen hingen oft eingerollte Teppiche. So makaber es klingen mag – es waren tote Angehörige, die wegen des gefrorenen Bodens nicht bestattet werden konnten.

Irgendwann fanden wir uns in Danzig in einem D-Zug wieder, der nach Westen fahren sollte. In den Wagen gab es eine unvorstellbare Enge. Der Zug wurde dann auf ein Abstellgleis geschoben und die Lok abgekoppelt. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur noch einen Fluchtweg in Richtung Westen – über die Ostsee.

An der Pier lagen unter anderem zwei Passagierschiffe, die „Wilhelm Gustloff“ und die „Potsdam“. Die „Gustloff“ nahm niemanden mehr auf. An der Gangway der „Potsdam“ stand SS, die darauf achtete, dass nur Frauen und Kinder und alte Leute an Bord kamen. Mit viel Glück und durch großes Gedränge gelangten wir an Bord. Hier fiel auf, dass keine Rettungsboote vorhanden waren. Später habe ich erfahren, dass die „Potsdam“ zum Flugzeugträger umgebaut werden sollte – als Erstes hatte man die Rettungsboote entfernt! Schätzungsweise waren jetzt fünf- bis sechstausend Menschen an Bord und somit war das Schiff völlig überladen. Wir wurden in einen Gepäckraum im Vorschiff eingewiesen. Der Stahlboden war mit Holzpaletten ausgelegt. Die provisorischen Toiletten waren für alte Leute und Kinder, besonders bei Seegang, nicht erreichbar. Zwangsläufig wurde die Notdurft am Schlafplatz erledigt und die Fäkalien schwappten unter den Paletten durch den Raum.

Wir hatten noch einen nächtlichen Bombenangriff. Es entstand kein Schaden, aber es wurde allen klar, wie verwundbar das Schiff war und dass es keine Fluchtmöglichkeit gab. Alarm gab es, als die vor uns fahrenden Minensuchboote eine Mine im Suchgerät hatten. Meine Neugier trieb mich zum Bug, um mir das Manöver anzusehen. Die Matrosen versuchten die Mine durch Gewehrschüsse zur Explosion zu bringen – nur die kleinen Fühler waren bei Seegang schwer zu treffen. Dann brachte man ein MG in Stellung. Ich sah nur noch eine gewaltige Wassersäule – dann ging bei mir „das Licht aus“. Ich wurde über Deck an die nächsten Aufbauten geschleudert – zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.

Schließlich lag die „Potsdam“ auf Saßnitz’ Reede. Der Hafen konnte nicht angelaufen werden, da der Tiefgang des Schiffes zu groß war. Nun begann eine recht abenteuerliche Ausschiffung. An einem Ladebaum befestigte man ein großes Netz, in welchem eine Holzplattform war. Auf dieser Plattform hatten ca. 15 bis 20 Personen Platz. Nun wurde das Netz außenbords gehievt und runtergelassen. Unten lagen Fischerboote, welche die Netze in Empfang nahmen.

Da die kommunalen Strukturen noch vorhanden waren , wurden wir mit dem Zug nach Stavenhagen beordert. Hier wurden die Flüchtlinge auf einzelne Dörfer und die Bauern aufgeteilt. Wir hatten Pech, denn wir landeten bei einem Ortsbauernführer, der ein überzeugter Nazi war und immer noch siegen wollte. Hier sollte mein Vater noch zum Volkssturm eingezogen werden. Nachts haben wir dann Tüzen verlassen. So sind wir zum zweiten Mal geflüchtet. Jetzt kamen wir nach Schwerin, wo wir das Kriegsende erlebten und wo unsere Flucht endete.

Als Fazit möchte ich feststellen: Wir wurden in Mecklenburg gut aufgenommen. Meine Generation wurde mit Dingen konfrontiert, die uns allzu früh reifen ließen – mit einem Wort: Unsere Jugend wurde uns gestohlen. Obwohl ich heute zufrieden als Rentner in Schwerin lebe, hat sich ein Wunsch nicht erfüllt – dass es in Deutschland keine Armee mehr geben möge – übrigens ein Wunsch von Millionen Bürgern nach dem Krieg. Es sei noch vermerkt: Weder diese Zeilen noch Bücher noch Filme können die Wirklichkeit eines Krieges und seine Auswirkungen realistisch darstellen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen