Schloss Schwerin : Drängeln bei der Fürstenhochzeit

Fürstenhochzeit im Schloss: Herzogin Elisabeth zu Mecklenburg und Erbgroßherzog Friedrich August von Oldenburg am 24. Oktober 1896.
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Fürstenhochzeit im Schloss: Herzogin Elisabeth zu Mecklenburg und Erbgroßherzog Friedrich August von Oldenburg am 24. Oktober 1896.

Schlosskirche war für große Trauungen zu klein / Nur drei Angehörige des großherzoglichen Hauses heirateten hier zwischen 1857 und 1918

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03. Juli 2015, 12:00 Uhr

Obwohl das Schweriner Schloss eine eindrucksvolle Kulisse für romantische Hochzeiten bildet, wurde es bis zum Ende der Monarchie erstaunlich selten für diesen Zweck genutzt. Das Schloss war 1857 vollendet, 1918 dankte der Großherzog ab. In diesen 61 Jahren heirateten 15 Angehörige des großherzoglichen Hauses. Die Trauungen fanden grundsätzlich am Wohnort der Braut statt, außer der Bräutigam stand im Rang deutlich über der Braut. Das war in Mecklenburg gleich zweimal der Fall. 1874 heiratete Herzogin Marie einen russischen Großfürsten und 1905 Herzogin Cecilie den deutschen Kronprinzen. Für beide war es ein ziemlicher sozialer Aufstieg, und die Hochzeiten wurden in St. Petersburg und in Berlin gefeiert.

Wenn nicht in Kaiser-, sondern nur in Königshäuser eingeheiratet wurde, war der Rangunterschied offenbar deutlich geringer. Als Herzogin Alexandrine den dänischen Kronprinzen heiratete, bestand der König jedenfalls nicht auf Kopenhagen als Ort der Trauung. Schwerin ging trotzdem leer aus. Die Braut lebte mit ihrer Mutter, der Großherzoginwitwe Anastasia, in Frankreich und hier in der deutschen Kirche in Cannes nahm der Schweriner Oberhofprediger Wolff am 24. April 1898 die Trauung vor.

Tatsächlich gab es in der ganzen Zeit so nur drei fürstliche Hochzeiten in Schwerin. Die erste am 5. Mai 1881 war eine eher peinliche Angelegenheit. Die Braut Prinzessin Marie von Windisch-Grätz war katholisch, und Papst Leo XIII. hatte sich hartnäckig geweigert, sie von der Verpflichtung zu befreien, die Kinder aus dieser Ehe katholisch zu erziehen. Da das junge Paar stürmisch verliebt war, brannte die Braut durch und wurde in der Schlosskirche allein durch einen evangelischen Geistlichen mit Herzog Paul Friedrich, dem zweitältesten Sohn des Großherzogs, getraut. Der protokollarische Aufwand war gering. Gäste waren keine geladen. Damit die Kirche nicht völlig leer war, ordnete der Großherzog wenigstens die Anwesenheit der ranghöchsten Hof- und Staatsbeamten an. Die Bevölkerung der Residenz erfuhr erst im Nachhinein von dem Ereignis. Papst und Brautvater waren außer sich vor Zorn und erklärten einhellig, diese Trauung als nicht gültig anzusehen. Herzogin Marie musste also ohne den Segen ihrer Kirche und ihrer Familie in Sünde, quasi „in wilder Ehe“, mit Herzog Paul Friedrich zusammenleben.

Da hatte die nächste Hochzeit am 17. November 1886 zwischen Herzogin Charlotte und Prinz Heinrich XVIII von Reuß der Schweriner Bevölkerung schon mehr zu bieten. Es gab ein reichhaltiges Festprogramm mit einem Galadiner im Goldenen Saal. Zahlreiche illustre Gäste, unter ihnen auch der deutsche Kronprinz, hatten ihr Kommen angekündigt. Jeder, der in Mecklenburg Rang und Namen hatte, wollte dabei sein. Angesichts dieses Andrangs war die Schlosskirche viel zu klein. Hofmarschall von Stenglin musste eine harte Auswahl treffen. Um beim Diner jeweils die Plätze abwechselnd mit Damen und Herren besetzen zu können, bevorzugte er adelige Beamte, die ihre adelig geborenen Ehefrauen mit zu Hofe nehmen durften – während die bürgerlichen Beamten nur als Person hoffähig waren und ihre in der Regel bürgerlich geborenen Frauen zu Hause lassen mussten.

Diese für eine korrekte Tischordnung vorteilhafte Lösung führte auch zu Kränkungen. Die beiden jungen Ministerialräte von Oertzen und Baron von Hammerstein wurden eingeladen, und der viel dienstältere Ministerialrat Ehlers ging leer aus. Wutentbrannt schrieb Ehlers an das Hofmarschallamt: „Zu den in den letzten Tagen stattgehabten Hoffestlichkeiten bin ich mit einer Einladung nicht ausgezeichnet worden. Ich gestatte mir ehrerbietigst mitzuteilen, dass ich der älteste Ministerialrath bin, nicht nur im Ministerium des Innern, sondern vor sämtlichen Ministerialräthen“. Stenglin bedauerte, konnte aber nicht helfen: „Da es wegen der für Festlichkeiten sehr beschränkten Räume des Schlosses und wegen des zahlreichen Fremdenbesuches nicht möglich war, die Einladungen soweit auszudehnen wie es sonst am hiesigen Hofe üblich ist“.

Immerhin war es bei dieser Hochzeit noch möglich gewesen, alle Adeligen teilnehmen zu lassen und sogar noch einigen verdienten Kammerfrauen Platz auf der Empore der Kirche einzuräumen. Davon konnte bei der letzten Fürstenhochzeit in der Schlosskirche am 24. Oktober 1896 nicht mehr die Rede sein. Alle, wirklich alle, wollten dabei sein, wenn Herzogin Elisabeth dem Erbgroßherzog von Oldenburg das Jawort gab. Immerhin war der Goldene Saal groß und indem man auf ein Diner verzichtete und stattdessen ein Konzert gab, ließen sich hier 600 Personen unterbringen. Das eigentliche Problem war die Schlosskirche, deren Kirchenschiff mit kaum 170 Quadratmetern viel zu klein war. Selbst nachdem sämtliche Bänke entfernt waren, reichte die Zahl der zur Verfügung stehenden Stehplätze keineswegs aus. Dass das Hofmarschallamt trotzdem nicht auf die viel größere Domkirche auswich, verdeutlicht wie kein anderes Zeichen die Bürgerferne und die adelige Exklusivität des Schweriner Hofes, der gerne „unter sich“ bleiben wollte. Bürgerliche wie der Rektor der Rostocker Universität, der zehn Jahre zuvor noch hatte teilnehmen dürfen, wurden nun nicht mehr eingeladen. Aber selbst für die Adeligen war nicht genug Platz. Hofmarschall von Hirschfeld musste dem mecklenburgischen Gesandten von Oertzen mitteilen: „Obwohl bereits in Folge des ungeheuren Andranges überall eine Überfüllung eingetreten ist, so stelle ich für Ihre Gemahlin und Tochter Einladungen zum Concert zur Verfügung. Die Kirche bietet keinen Raum mehr für ferneren Zutritt“.

Im Altarraum standen außer dem Hofprediger, der die Trauung vollziehen sollte, immerhin 13 weitere Pastoren zu seiner Unterstützung, die zwar nichts zu tun hatten, aber auf diese Weise einen wirklich guten Platz ergattert hatten. Um das Brautpaar gruppierten sich dann zuerst die Höchsten und Allerhöchsten Herrschaften mit ihrem Gefolge, an ihrer Spitze Kaiser Wilhelm II, dann folgten die anderen Gäste. Insgesamt drängten sich über 380 Menschen im Schiff und weitere 120 auf den beiden Emporen der Kirche. Mit 500 Personen war die Schlosskirche eindeutig an der Grenze ihres Fassungsvermögens angelangt. Da alle stehen mussten, verzichtete der Pastor auf eine zu lange Predigt und zügig wurden unter Glockengeläute und Kanonendonner die Ringe gewechselt. Bernd Kasten

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