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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : „Dieser Krieg war irre“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Johannes Schramm wurde 1923 in Bessarabien geboren. 17 Jahre erlebte er eine glückliche Kindheit und Jugend – bis der Krieg ihn zwang, auf seine Freunde zu schießen

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erstellt am 01.Apr.2017 | 00:00 Uhr

„Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, denke ich an Adolf Hitler. An den Satan, den größten Verbrecher aller Zeiten.“ Johannes Schramm zeigt auf seine Beine. Kurz vor Kriegsende gerieten er und seine Kameraden unter Beschuss. 20 Kugeln trafen den jungen Soldaten, verletzten ihn schwer. In einem Viehwagen wurde er ins Kriegslazarett nach Amberg gebracht – am 19. Februar 1945. „Ich hatte viel Blut verloren. Vier Monate bleib ich dort. Dann kam ich in amerikanische Gefangenschaft.“

Johannes Schramm wollte nie auf andere schießen. „Wie soll ich Menschen töten, mit denen ich Tür an Tür zusammengelebt habe?“ Trotzdem griff er zur Waffe. „Am Ende hatte ich keine Wahl. Ich hatte nichts zu sagen. Die Nazis haben bestimmt, wer leben darf und wer nicht. Das war deren Politik. Mit Menschsein hatte das nichts mehr zu tun. Das waren Bestien.“

Die ersten 17 Jahre seines Lebens wohnte der heute 93-Jährige in Hoffnungstal, einem 2000-Seelen-Ort in Bessarabien. „Wir haben Landwirtschaft betrieben und uns vollständig selbst versorgt. Im Dorf gab es eine Kirche und eine Schule“, erinnert er sich. „125 Jahre lebten die Menschen in Frieden und Freundschaft, bis sie 1940 enteignet wurden.“

Viele Jahre später, es war im Mai 2011, fasste Johannes Schramm seine Gedanken über seine Kindheit und die Kriegsjahre in Gedichten zusammen. Er würde gerne noch einmal durch Hoffnungstal spazieren, beim örtlichen Tanz den Mädchen schöne Augen machen. Die Schrecken des Krieges möchte er vergessen. „Meine Jugend war goldig und erbärmlich zugleich. Mir graut es jedes Mal, wenn ich von den Verbrechen auf der Welt höre.“ Johannes Schramm war nie wieder in Bessarabien. In seinem Heimatdorf wurde direkt nach der Umsiedlung seiner Familie ein Flugplatz errichtet. „Es war der erste Sonntagmorgen im Juni 1940, als mein Vater einen Flieger am Himmel entdeckte. Er sagte damals zu mir: ,Jetzt sind wir verloren.’ Er sollte Recht behalten.“ Noch im Oktober kam die Familie in ein Umsiedlungslager nach Rabensteinfeld in Sachsen. „Man sagte uns, wir würden uns erneut eine Landwirtschaft aufbauen können.“ Doch im Krieg seien die Versprechungen nur leere Worte gewesen. 1941 wurde Johannes Schramm eingezogen. Zunächst war er für die Kfz-Division verantwortlich, dirigierte dort die Instandsetzung der Fahrzeuge. Später wurde er als Panzerpionier an der Oderfront eingesetzt. Dass er fließend russisch spricht, hätte dem jungen Mann im Zweiten Weltkrieg mehr als einmal das Leben gerettet. Johannes Schramm erinnert sich an eine Begegnung mit einem russischen Soldaten. „Ich war auf der Suche nach einem Pferd und einem Wagen, mit dem wir die verwundeten Kameraden transportieren konnten, als plötzlich ein junger Mann vor mir stand und seine Waffe auf mich richtete. Ich sollte mich ergeben. Als ich auf Russisch antwortete, war das Eis gebrochen. Wir haben zusammen eine Zigarette geraucht. Dieser Krieg war irre.“

1945 bekam Johannes Schramm eine Lehrstelle in einer Landmaschinenfabrik. Einige Monate später erhielt er einen Brief von seiner Mutter. Die Familie hatte zwischenzeitlich ein Stück Land in Polen bekommen und wollte sich nun in Mecklenburg niederlassen. Der Vater verschwand 1943. „Niemand wird je erfahren, was mit ihm passiert ist. Er hatte Nachtwache und kam nicht mehr nach Hause.“ Der Brief der Mutter beinhaltete eine Bitte: Als alleinstehende Frau bekam sie kein Land. Der Sohn musste helfen. Zwei Monate dauerte die Reise aus der westdeutschen Besatzungszone nach Mecklenburg, begleitet von Schleusern. „Mutter freute sich. Sie hatte mir schon eine Frau besorgt.“

Die Liebe zerbrach. „Für ihre Familie war ich immer ein Flüchtling.“ 1973 lernte Johannes Schramm seine jetzige Frau Gelinde kennen. Beide haben einen Sohn. Beide waren in der Landwirtschaft tätig. Er zunächst als Neubauer und später als Anbauberater und Saatgut-Anerkenner, sie in der Saatgut-Zucht. Inzwischen lebt Johannes Schramm seit 72 Jahren in Mecklenburg und seit 43 Jahren in Rostock. „Wir hatten nie das Interesse, woanders hinzugehen. Wir haben uns hier eingenistet. Meine Heimat aber ist in Bessarabien – dort, wo ich geboren bin.“

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