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Johannes Brahms in Norddeutschland : Diese Küste ist wie eine Sinfonie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Er komponierte auf Rügen und dirigierte sein Deutsches Requiem in der Schweriner Paulskirche

„Ohne die Musik von Johannes Brahms, wäre ich keine Musikerin geworden“, sagt Helene Grimaud. Die während der Musikfestspiele in Mecklenburg-Vorpommern gefeierte französische Konzertpianistin ist überzeugt davon, mit Kompositionen für ihr Instrument, das auch Johannes Brahms das liebste war, an Ausdrucksstärke und Gefühlstiefe gewonnen zu haben. In seiner Musik stecke die Natur und sehr viel Menschenliebe, beides suche sie wie dieser auf Spaziergängen. So Helene Grimaud.

Jahrzehnte zuvor begab sich der von ihr Verehrte ebenso wie sie in Nordostdeutschland auf Melodienpfade. Er muss, um seine Gedanken musikalisch zu äußern, auf ausgedehnten Wanderungen nachdenken, wie das Naturerlebnis in Melodien, in Noten zu setzen ist. Denn „…es steht alles da…“, sagte Johannes Brahms zu einer seiner Klavierschülerinnen, Florence May, „alles, was wir empfinden, steht in den Noten.“ Ja, aber bis das Notenblatt auf dem Pult liegt und erklingt, ist es ein langer, arbeitsreicher Weg und dazu suchte Johannes Brahms Ruhe, in jedem Sommer an einem anderen Ort. 1876 kam er nach Ratschlägen von Freunden aus Wien nach Sassnitz. Der Ort befand sich, begleitet von Kreideabbau und Fischindustrie, auf dem Weg von einem Fischerdorf zum Seebad. Als Johannes Brahms anreiste, lag die Ortschaft in einer waldreichen Senke, nur die Kirchturmspitze ragte heraus. Sommerquartiere gab es in den schilfgedeckten Fischerkaten, ursprünglich, ein-fach, und wenig komfortabel. Sie entsprachen jedoch ganz den Vorstellungen des berühmten Komponisten, Chordirigenten, und exzellenten Pianisten. Hier auf Rügen wollte er die große Musikform seiner ersten Sinfonie in die Partitur zwingen. Würde es ihm gelingen? 14 Jahre lang rang er um die Fassung und hoffte sehr, sie auf Rügen zu vollenden.

Gerade hier, denn er liebte Norddeutschland - das war sein Zuhause. Dort in Hamburg, im Gängeviertel, wurde er am 7. Mai 1833 geboren. Er besuchte die Schule und sein Vater, Flügelhornist, die Musikalität seines Sohnes früh erkennend, schickte ihn zum besten Klavierunterricht, zu Otto Friedrich Willibald Cossel mit der Bitte: „Mien Jehann sall so väl lernen wie Sie, Herr Cossel, denn weiß er genug. Hei will jo so giern Klavierspeeler warden.“ Johannes wird ein Klavierspieler und ein hervorragender dazu, denn der Knabe lernt schnell. Mit zehn Jahren tritt er öffentlich auf und erntet einen so großen Erfolg, dass es sogleich auf Amerikatournee gehen sollte, was Vater und Klavierlehrer verhindern. „Dat is väl to fräuh, Jehann!“ Trotz Geldnot wird weiterhin gründlich studiert. Dafür ziehen Vater und Sohn Abend für Abend in die Hamburger Berge – heute St. Pauli, um zum Tanz aufzuspielen. Später sprach Johannes Brahms davon nicht, wie er überhaupt mehr schwieg als redete. „Wozu klönen?“ murmelte er. „Musizieren wir gemeinsam.“

In den Sommerwochen auf Rügen ist Johannes Brahms überglücklich: Vor Sonnenaufgang ist er unten am Strand. Gehen, schauen, arbeiten. Er hört seine Musik im Innersten, verwirft sie, bis er sie gut findet, um sie zu notieren. Er wandert durch Wälder nach Glowe, sieht zum Jasmunder Bodden hinüber, rastet in Juliusruh, und kommt bis Arkona. Diese Küste ist wie eine Sinfonie, teilt er seinem Freund Theodor Billroth mit. Auf dessen Wunsch besucht er das Elternhaus Billroths in Bergen und spaziert zurück ins Ferienquartier nach Sassnitz. Bei wem Brahms es mietete, dieser Nachweis fehlt bis heute.

Auf seinen ausgedehnten Streifzügen kommt der Komponist mit der Fassung seiner 1. Sinfonie zügig voran. Er ist 43 Jahre alt und voller Schaffensfreude. Sein Werkverzeichnis ist bereits mit Kammer-, Klavier- und Vokalmusik, Orgelfugen und - präludien, Liedern für Singstimmen und Chor sehr umfangreich. Wie schafft er das?

Langsam und gründlich bildet er das „Abzweigen eines Motivs aus dem anderen heraus“, schreibt Hanslick an Clara Schumann, „um immer weitere Variationen, immer Neues zum Erklingen zu bringen… das sind Arbeitsgrundsätze, auf die Johannes sein ganzes Schaffen aufbaut.“ In Sassnitz auf Rügen ist genau dieses Gestaltungprinzip in seiner ersten Sinfonie zu spüren. Brahms schreibt: „Über dem Bass erfinde ich wirklich neu, ich erfinde in ihm neue Melodien, ich schaffe…“

Nach einer Wanderung meldete der Meister überglücklich scherzend und mit dem geheimnisvollen Zeichen F. A. E. – Frei, aber einsam – am Ende der Partitur, seinem Verleger Fritz Simrock (1838 - 1901), dass seine erste Sinfonie in c-Moll, op. 68, „in den Wissower Klinken hinge“. Ein großes Aufatmen spricht aus den Zeilen des Komponisten.

Wenige Monate später, am 4. November 1876, wird das Werk von der Großherzoglichen Badischen Hofkapelle unter der Stabführung von Felix Otto Dessoff in Karlsruhe uraufgeführt. Zurück nach Wien folgen drei weitere Sinfonien und Lieder, das 2. Klavierkonzert, sein großes Violinkonzert und auch Violine und Cello werden mit einem Doppelkonzert bedacht. Fünfzigjährig kommt Johannes Brahms in die Musikstadt Schwerin, um mit der Aufführung seines Deutschen Requiems in der Paulskirche des verstorbenen Großherzogs Friedrich Franz II. zu gedenken. Am Notenschrank neben der Orgel hinterließ er sein Autogramm.

Eine letzte Reise nach Italien, Ferien in Bad Ischl. Brahms beendet „Vier ernste Gesänge“ und stirbt am 3. April 1897 in Wien.

Marianne Strack

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