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Flucht, Vertreibung, Nuanfang - Ihre Geschichte : Die Zukunft auf Lehm gebaut

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Aus der Onlineredaktion

Die Vertriebenen Anselma und Rudolf Weigel begannen nach dem Krieg als Neubauern in Mecklenburg ein neues Leben

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Uropa war ein interessanter Mann. Einer, der mehrere Instrumente spielte – Klarinette, Geige, Gitarre und Zither, sein Lieblingsinstrument. Das holte er so manchen Sonntag hervor, wenn er bei uns zu Besuch war. Noch im hohen Alter fuhr er die 26 Kilometer von seinem Dorf bei Crivitz nach Schwerin mit dem Rad. Karg, fast ärmlich sah es bei ihm zu Hause in Wessin aus. Kehrte Rudolf von seiner Runde im Hühnerstall zurück, trug er eine Schlappmütze voll Eier. Wie einen Schatz bewahrte er diese auf.

Lange ist es her. Selten, dass ich noch an ihn denke. Doch jetzt, wo ich mich mit der Bodenreform von 1945 und der Neuordnung der Eigentumsverhältnisse nach dem Krieg in Ostdeutschland beschäftige, tue ich es wieder. Und ein wenig lichtet sich der Nebel. Bewunderung steigt auf für das, was er und seine Frau Anselma, die ich nicht mehr kennen lernte, hier in Mecklenburg aus dem Boden gestampft haben.

Der Krieg hatte die beiden, wie 980 000 weitere Flüchtlinge auch, in diesen Teil der sowjetischen Besatzungszone verschlagen. Mitten aufs platte Land. Die Berge sind wohl auch das, was die beiden Sudetendeutschen alsbald vermisst haben werden – nach ihrem jüngsten Sohn, der im Krieg gefallen war und ihrem guten Leben, das sie in ihrer alten Heimat (Reichen) geführt hatten. Da gab es ein schönes Haus, herzliche Nachbarn und natürlich das Sägewerk, in dem Uropa mit seinen Angestellten fleißig Speichen für Räder herstellte. Als Stellmacher und Holzhändler streifte er auf der Suche nach schönen Bäumen stundenlang durch das Elbtal und die Wälder. Sein Freiheitsdrang und die Naturverbundenheit werden wohl der Grund dafür gewesen sein, in Mecklenburg als Neubauer anzufangen.

Neubauern, das waren jene Menschen, die nach der Bodenreform von 1945 in der sowjetischen Besatzungszone ein je acht Hektar großes Stück Land bekamen. Land, das man vorher Tausenden Gutsbesitzern einfach weggenommen hatte. Dabei un-terschied sich der Anteil der enteigneten Flächen von Bundesland zu Bundesland. Da es in Mecklenburg besonders viele große Güter und ausgedehnte Ländereien gab, wurden hier 33 Prozent der Flächen enteignet, in Thüringen mit seinen kleineren Bauerngütern waren es hingegen nur sechs Prozent.

Jedenfalls wird dieses Land unter den zahllosen Vertriebenen, Umsiedlern und ehe-maligen Gutsarbeitern aufgeteilt. Ziel der Regierung ist es, die landwirtschaftliche Produktion wieder anzukurbeln und das Versorgungs- und Arbeitsproblem zu beseitigen. Immerhin gefährdete der Ansturm der vier Millionen Flüchtlinge ernsthaft den Aufbau der DDR. Anfang 1949 machten 24 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge aus. In Mecklenburg war sogar jeder zweite Einwohner ein Vertriebener. Drei Viertel aller Flüchtlinge lebten zunächst wegen der günstigeren Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Land. Also wurde der Plan zur Bodenreform, der bereits in den 1920er- und 30er- Jahren seitens der KPD bestand, aufgegriffen und durchgeführt. Insgesamt entstehen durch die Bodenreform 210 000 Neubauernstellen in der DDR. Allein in Mecklenburg sind es mehr als 70 000. Eine davon gehört nun Rudolf und Anselma Weigel. Aller Anfang ist schwer. Zu schwer. Sie besitzen weder Geld noch Werkzeug, Maschinen, Ackergeräte, Tiere, nicht einmal ein Haus. Hinzu kommt, dass Vertriebene oft die schlechtesten Böden erhalten. „Und so war es auch bei meinen Eltern“, erinnert sich Tochter Anneliese. „Wir bekamen einen halben Hektar Wald und acht Hektar Ackerland, auf dem nichts richtig gut gewachsen ist. Außer-dem lag es am weitesten vom Haus entfernt.“

Und dennoch. Es geht voran. Sie halten durch, während andere Neubauern die Flin-te ins Korn werfen und in die Stadt ziehen, wo die Verschmelzung mit der eingesessenen Bevölkerung rascher vor sich geht als in kleinen Dorfgemeinden. Beharrlich schützen die Alteingesessenen ihr Eigentum. Tochter Anneliese erinnert sich noch an die erste Zeit, an die Schwierigkeit, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, die ja nur Plattdeutsch sprachen. „Wir hatten das Gefühl, dass die Menschen hier hinterm Mond lebten. Sie trugen Filzpantoffeln statt richtiger Schuhe, besaßen keine vernünftige Kleidung. Zu essen bekamen wir bei unserer Ankunft kaum etwas. Dem Hund des Hofbesitzers ging es besser als uns. Wir empfanden die Einheimischen als ein sehr komisches Volk.“

Doch im scheinbar veränderungsfeindlichen Mecklenburg bleibt den Alteingesessenen nichts anderes übrig, als sich mit den Neuankömmlingen zu arrangieren. Zum Glück gab es auch Dörfler, die den Weigels halfen. Zum Beispiel beim Hausbau. Auf primitivste Weise stampften die ihr Lehmhaus aus dem Boden. Mit selbstgefertigten Werkzeugen und Geräten. Lehm wurde aus den Wiesen gestochen, Steine fürs Fundament gesucht und mühevoll mit Pferd und Wagen zur Baustelle transportiert. Im Dezember 1949, kurz nach Gründung der DDR, war das neue Heim fertig. Es wird der Familie zum emotionalen Halt. Tatsächlich kann sich die DDR-Regierung zu dieser Zeit mit dem Integrationserfolg der Bodenreform brüsten. Immerhin bewirtschaften alsbald 91 000 „Umsiedler“ jene Neubauernhöfe. Mancherorts entstehen sogar ganze Neubauerndörfer.

Das Haus ist fertig, doch das Leben wird für Anselma und Rudolf Weigel nicht eben leichter, zumal sie nicht mehr die Jüngsten sind. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ackern sie auf den Feldern. Nur zum Mittagessen kehren sie kurz heim. Auf diese Weise pückern alle Neubauern im Dorf vor sich hin. Ein volkswirtschaftlich unsinniges Unterfangen. Die neuen kleinbäuerlichen Betriebsstrukturen führen zum Rückgang der Produktion. Es entstehen Engpässe in der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung. Letztlich zeigt sich, dass Neubauernbetriebe nur durch massive Subventionen überleben können. Schließlich führt die Situation dazu, dass ab 1952 landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) gegründet werden. Der rigorosen Kollektivierung der Landwirtschaft kann sich kaum ein Neubauer entziehen. Dank des doppelten deutschen Wirtschaftswunders entspannt sich im Laufe der 1950er-Jahre die Versorgungslage.

Alltag zieht auch bei den Weigels ein. Trotz der vielen Arbeit gibt es diese glückli-chen Augenblicke. Wenn die Kinder und Enkel aus der Stadt anreisen. Wenn beim Schlachtefest die Leber- und Blutwürstel so schmecken, wie in der alten Heimat. Wenn Rudolf sich über die Zither beugt und spielt...

Immer häufiger sitzt das Ehepaar nun auf der Bank vorm Haus. Während die Katze um ihre Beine streicht, schauen sie hinüber zu den Kornfeldern. Irgendwie müssen die beiden fest daran geglaubt haben, dass Mecklenburg ihre zweite Heimat werden kann. Glaube versetzt Berge. Ihre Berge. Wie oft werden sie sie dennoch vermisst haben?

Die Geschichte wiederholt sich manchmal doch: Neubauern-Erben werden 1992 ohne Entschädigung enteignet. Unter Kanzler Helmut Kohl beseitigt der Bundestag das Eigentumsrecht in rund 70 000 Fällen. Betroffen sind Erben der Neubauern, die nicht mehr in der Landwirtschaft tätig sind. Viele Erben klagen. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gibt der Bundesrepublik recht – wegen der komplizierten Lage nach der Wiedervereinigung.
 

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