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Film „Was wäre, wenn..“ : Die „Wende“ kam 30 Jahre früher

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Film „Was wäre, wenn...“ lief im Herbst 1960 in ein paar Kleinkinos und verschwand dann im Archiv

Die „Wende“ von 1990 fand schon 30 Jahre zuvor in dem ostmecklenburgischen Städtchen Dargun statt. Bereits damals wollten dort viele Bürger die Rückkehr in den kapitalistischen „Westen“. Was war passiert? Noch recht stolz verkündete das Zentralorgan „Neues Deutschland“ der Sozialistischen Ein-heitspartei Deutschlands (SED) am 5. Juni 1959: „Hedda Zinners neue Komödie ,Was wäre, wenn…?‘ ist unter aktiver Teilnahme der Bauern im Bereich der Maschinen- und Traktorenstation (MTS) Dargun entstanden.“

Die Uraufführung werde zum zehnten Geburtstag der Republik an 14 Theatern stattfinden. Zinner erhielt für ihr Stück den Lessing-Preis der DDR des Jahres 1960. Im selben Jahr war auch der gleichnamige Film der DEFA fertig. In ihm agierten damalige Stars wie Willi Narloch und Gerd Ehlers, aber auch damals noch recht unbekannte Mimen wie Manfred Krug. Eine Testvorführung des 90 Minuten langen Schwarz-Weiß-Streifens fand noch in Dargun statt. Doch danach verschwand der Film in der Versenkung.

Die Schriftstellerin Hedda Zinner hatte im fernen Berlin-Pankow die Idee zu ihrer Komödie: „Was geschähe, wenn die DDR den ehemaligen Herren weichen müsste, unsere Republik, behaftet noch mit manchen Fehlern und Mängeln, aber fähig, ein Leben ohne Monopole und ohne Erwerbslosigkeit, mit Möglichkeiten und Arbeit für alle aufzubauen?“ In einem fiktiven Dorf an der Grenze zu Westdeutschland tauchen elegant gekleidete Mercedes-Fahrer auf. Schnell kursiert das Gerücht, im Rahmen eines Gebietsaustausches soll die Gemeinde an den „Westen“ fallen. Der 1945 geflüchtete Graf wird heimkehren. Das spaltet die Bevölkerung. Aus dem „Schloss“ entwendete Gegenstände tauchen dort wieder auf. Bauern wollen aus der Genossenschaft heraus bzw. erst gar nicht hinein. Der Typ des „Wendehalses“ taucht auf. „Was wäre, wenn…“ fragte und hieß denn auch die Dorfkomödie. In dieser klärte sich am Ende auf: Die „Vorhut aus dem Westen“ waren Vertreter der DDR-Filmfirma DEFA, die im Dorf drehen wollten.

Doch wie kam Zinner mit ihrem Stück nach Dargun? Das begann auf einer Filmkonferenz: „Da wurde ein Mann angekündigt, der ganz aus der Reihe fiel: stiernackig, breit, Sprache mit sächsischem Anklang, nicht sehr artikuliert. Aber was dieser Hannes Hauck, Parteisekretär des MTS-Bereiches Dargun, sagte, ließ aufhorchen.“ Der Mann griff „nicht immer fein“, die DEFA an. Deren Filme gingen oft an der Wirklichkeit vorbei. Zinner sprach den SED-Parteisekretär an, vereinbarte eine Zusammenarbeit. Zinner kam an den Klostersee: „Indem ich den Bauern von Dargun mein Exposé vorlas, ihnen meine Absichten erzählte und sie bat, mir mit ihrer Kritik zu helfen. Sie sagten ihre Meinung, sie diskutierten, sie erhitzten, ereiferten sich, es wurde ihr Stück, sie nahmen sich seiner an, als ob sie es zu schreiben hätten.“

Regelmäßig fuhr Zinner nach Dargun, stellte ihre entstehende Komödie vor. Die Bauern „nahmen kein Blatt vor den Mund“, korrigierten sie. „Auch das fertige Stück las ich zuerst den Bauern vor. Der Saal des Gasthofes war bis zum letzten Platz besetzt.“ Zinner lud die Schau-spieler der Berliner „Volksbühne“ nach Dargun ein, damit diese die Menschen kennen lernen, die sie verkörpern sollten. „Jeder wurde ein persönlicher Gast eines Bauern,… nicht nur von LPG-,sondern auch von Einzelbauern“, schrieb Zinner 20 Jahre später. Die Schauspieler erlernten bei ihren Gastgebern das Melken und das Hantieren mit der Forke. Für Hans Voß, ein besonders tüchtiger Einzelbauer, sei das letzter Anstoß gewesen, eine neue LPG zu gründen. Zur Premiere reisten die Darguner in zwei Bussen und mehreren Pkw an die Spree. In dieser Hochstimmung verfilmte die DEFA das Theaterstück. „Der Film wurde leider nicht gut“, urteilte Zinner und zitierte die „Wochenpost“: „Ein gutes Stück – kein guter Film.“

Doch die Wirklichkeit sah wohl vielschichtiger aus. Schon die Abnahme des Streifens erfolgte unter Vorbehalt: „Da eine restlose Klärung der Probleme nicht erfolgte, gilt der Film zunächst als abgenommen“, heißt es im Protokoll. Parteisekretär Hauck sei einzuladen. Desgleichen ist in Dargun eine Testvorführung einzuplanen. Von dieser berichtete Erich Rottenau, Volkskorres-pondent der SED-Tageszeitung „Freie Erde“, am 21. September 1960: „Der Inhalt dieses Films war in den Märztagen dieses Jahres die große Frage vieler werktätiger Einzelbauern. Und genau wie im Film entschieden sich unsere Bauern für den richtigen Weg, für die sozialistische Großproduktion.“

1960 fand der „sozialistische Frühling“ in der DDR statt. Die Einzelbauern wurden mehr oder minder freiwillig zum Eintritt in die sozialistische LPG „aufgefordert“. In dieser Situation passte den DDR-Oberen der Film „Was wäre, wenn…?“ nicht mehr. „Die meisten dargestellten Menschen“, so eine interne DEFA-Kritik, „wirken angesichts der scheinbar bevorstehenden Ausgliederung nach Westdeutschland äußerst labil.“

Film-Regisseur Gerhard Klingenberg dazu später: „Wir zeigten gewissermaßen ein Röntgenbild vom inneren Zustand der DDR. Beim leisesten Anstoß kippten drei Viertel der Dorfbewohner sofort um.“ Die Idee zum Film hatte Zinner „während einer der eben zu Ende gegangenen Tauwetterperioden gehabt. Inzwischen war das Klima aber umgeschlagen, daher der Gesinnungswandel der mutigen Autorin, die ihre Stoffe nach der jeweiligen parteipolitischen Linie konzipierte.“

Wie auch immer. Somit fand die „Wende“ von 1990 schon 30 Jahre vorher in Dargun statt. Der Film lag viele Monate auf Eis, lief im Herbst 1960 in ein paar Kleinkinos und verschwand dann im Archiv.

Gerald Gräfe

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