Auf den Spuren des Herzogs : Die Veränderungen nach dem Zeitsprung

Ein Asandedorf heute
1 von 3
Ein Asandedorf heute

Der Biologe Armin Püttger-Conradt berichtet von seinen Erlebnissen auf den Spuren des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg

von
29. Januar 2016, 16:33 Uhr

Es ist schon einige Jahre her, als ich im Schaufenster eines Kieler Antiquariats ein Buch vorfand, von dem ich zwar schon gehört hatte, es aber noch nicht kannte. Der Kopf eines traditionellen Afrikaners befand sich darauf, und der Titel lautete: „Ins Innerste Afrika“. Der Autor war Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg. Ich erwarb das alte schwergewichtige Buch und las es zügig mit immer größer werdender Begeisterung durch.

Tatsächlich war ich selbst bereits auf den Spuren des aus Schwerin stammenden Afrikaherzogs, wie er zu Lebzeiten allgemein genannt wurde, gereist und die Orte und Landschaften, die er beschrieb, mir wohlbekannt. Neun Jahre lebte ich als Biologe in Afrika, die meiste Zeit davon im Kongo, lebte mit einer Gruppe von Nashörnern in der Savanne und befuhr mit Einbäumen die Urwaldströme. Und nun dieses rund 100 Jahre alte Werk.

Was mich am meisten faszinierte, waren Vergleiche die ich anstellen konnte zwischen damals und heute. Der mehrere Generationen umfassende Zeitsprung hat die meisten Länder Zentralafrikas verändert, in vielen ist die Moderne eingebrochen. Damals noch in unseren Augen wild und unerschlossen, sind nach der Unabhängigkeit eigenständige Regierungen entstanden, die mehr oder weniger die Geschicke der Länder in die Hand nahmen. Inzwischen sind moderne Hochhauszentren, dichter Autoverkehr und Smartphones an der Tagesordnung, zumindest in den städtischen Bereichen, und doch findet sich in ländlichen Bereichen gerade in Ländern wie dem Kongo noch das alte Afrika, nahezu so, wie es Herzog von Mecklenburg beschrieb.

Später kam mir sein zweibändiges Afrikawerk über seine zweite große Forschungsexpedition in die Hände, „Vom Kongo zum Niger und Nil“, ebenfalls mit wunderbaren Abbildungen und Beschreibungen des alten Afrikas. Und wieder stieß ich auf mir bekannte Spuren. Als die Expedition vor mehr als einem Jahrhundert die Landschaften der Asande- und Mangbetustämme im Nordosten des Kongo durchquerte, fand man damals beinahe täglich Dutzende an Spuren der heute ausgerotteten Nördlichen Weißen Nashörner, die mir selbst durch meine Forschungsarbeiten noch so vertraut waren. Der Afrikaherzog reiste nicht als Entdecker, sondern als Forscher. Für ihn waren die Orte derjenigen, die nur wenige Jahrzehnte vor ihm die afrikanischen Wildnisse als erste bereisten wie Eduard Schnitzer, Georg Schweinfurth oder Henry Morton Stanley, von Interesse, um selbst Vergleiche anzustellen. Er kannte ihre Bücher und ging mit seinen Mitarbeitern begeistert den neuen Aufgaben nach, die Natur und Kultur der Region zu erforschen. Es ging nicht um Besitznahme oder Kolonisation, sondern darum, Wissen zu bereichern. Was den Herzog heute noch ehrt, ist das große Verständnis und Einfühlungsvermögen zu den afrikanischen Bevölkerungen.

Das Leben der Afrikaner in den Savannen und im Urwald ist abseits der urbanisierten Städte gerade im Kongo nahezu unverändert. Aufgrund politischer Instabilitäten, Ausbeutung und Bürgerkriegen ist dieses Land in seiner Entwicklung weit zurückgeblieben. Würde der Afrikaherzog heute den Kongo erneut besuchen, wie ich ihn kennen lernte, würde er ihn mit anderen Augen betrachten. Angst vor marodierenden Milizen, Kindersoldaten, UN-Hilfscamps, all das würden sein altes Afrikabild zerstören. Die Berggorillas, denen er sich widmete, fände er verjagt und verängstigt, die Nashörner ausgerottet. Am freundlichsten würde er Ruanda, damals deutsches Schutzgebiet, wieder vorfinden, nachdem ein furchtbarer Krieg zweier Ethnien schreckliche Gräuel anrichtete – Völker, bei denen er so gute Aufnahme und Einsicht in ihre hohe Kultur erhalten hatte. Inzwischen ist wieder ein kleines Musterland aus den Trümmern entstanden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen