zur Navigation springen

Kühlungsborn : Die überwachte Urlaubsidylle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Geschichten aus dem Museum: Der Turm am Strand von Kühlungsborn beherbergt Erinnerungen an Grenze und Flucht

Der 39-jährige Erfurter ist nun schon seit 16 Stunden im Wasser. Er ist durchtrainiert, sportlich, fit. Die Ostsee misst gerade mal neun Grad Celsius. Kälte breitet sich im Körper aus. Seine Kräfte beginnen zu schwinden. Doch die dänische Küste, sein ersehntes Ziel, zeichnet sich allmählich deutlicher am Horizont ab. Das macht Mut. Plötzlich ein Schiffsgeräusch. Ein Boot der DDR-Grenzbrigade Küste nähert sich. Es ist der 17. September 1982 gegen 11 Uhr am Vormittag.

Es sind Schicksale wie dieses, an die heute der einstige Grenzturm in Kühlungsborn erinnert. Wer die Metallleitern im schlanken Turm hinaufsteigt, genießt zur Belohnung einen fantastischen Blick über Küste und Ostsee. Mit dem Fernglas lassen sich Schiffe bis in 16 Kilometer Entfernung gut beobachten. Bis Ende 1989 war der feldgraue Spargel von einem Streckenmetallzaun umgeben und nur wenigen Menschen zugänglich. Auf seinem Dach prangte ein riesiger Scheinwerfer von fast einem Meter Durchmesser. Acht verschließbare Schießscharten befanden sich in der umlaufenden Fensterfront des 15 Meter hohen Turmes, der 1972 aufgestellt wurde. Zwei Grenzsoldaten saßen im Ausguck und registrierten jede Bewegung. Volkspolizei, Transport- und Wasserschutzpolizei, Zoll und Stasimitarbeiter suchten nach verdächtigen Personen. Im Ort gab es freiwillige Helfer der Grenztruppen und der Volkspolizei. Die Leiter der Erholungsheime waren instruiert. Die Gepäckaufbewahrung erkannte verdächtige Pakete. Wenn ein Fremder mit einem Paddel durch den Ort lief, erfolgte eine Meldung.

„Mit dem Mauerbau 1961 veränderte sich hier vieles. Die Ruderboote verschwanden, für Wasserfahrzeuge brauchte man Genehmigungen und die Promenade wurde nachts von Scheinwerfern abgesucht“, erinnert sich Knut Wiek. „Der Gedanke an Flucht war bei den Menschen ständig präsent. Man sah die Fähren nach Gedser und Trelleborg. Es war natürlich gefährlich, darüber zu reden – zu leicht konnte man als Fluchthelfer eingesperrt werden, wenn man Kenntnis von solchen Dingen hatte und sie nicht meldete“, so der Vorsitzende des Vereins Grenzturm in Kühlungsborn.

Wiek wuchs in der Nähe des Grenzbauwerkes auf. „Man fühlte sich an der Ostsee immer beobachtet. Die Bedingungen für den Wassersport, Tauchen und Segeln unterlagen zunehmenden Einschränkungen“, ärgert sich der Taucher.

Als 1990 Pioniereinheiten zum Abriss des Beobachtungsbauwerkes anrückten, war ihm jedoch klar, dass er das nicht zulassen konnte. Der Überwachungsturm musste als Erinnerungsort erhalten bleiben, fand Wiek – und als frisch gewählter Bürgermeister dafür auch Mittel und Wege. Der SPD-Mann erntete damit viel Kritik von Bürgern, die die innerdeutsche Grenze aus ihrem Gedächtnis streichen wollten. 1991 wurde der Turm zum historischen Denkmal erklärt.

Den Wachturm für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, stellte eine weitere He-rausforderung dar. Die Statik musste überprüft und gesichert werden. Das kostete viel Geld. In der Zwischenzeit eroberte die Natur den Platz um das Bauwerk zurück. 2002 gründete sich der Verein Grenzturm e.V., der heute 30 Mitglieder aus Ost und West hat. Seit 2005 ist das Denkmal öffentlich zugänglich. Vor zwei Jahren kam das Grenzturmmuseum hinzu. Die Ausstellung darin zeigt die Geschichte der deutschen Teilung und die Entwicklung der Grenzüberwachung von 1945 bis 1989. Sie veranschaulicht die vielfältigen Fluchthilfsmittel und erzählt Schicksale von Flüchtlingen. Eine der Geschichten beschreibt die Flucht der vierköpfigen Familie Kostbade am 13. Oktober 1988. Eltern und Kinder starteten von Kühlungsborn, als dichter Nebel über Küste und See lag. Sie benutzten ein schwarz gestrichenes Schlauchboot mit Außenbordmotor. Der Vater hatte das Vorhaben akribisch vorbereitet und dabei erfahren, dass vor Fehmarn und Dänemark mobile Vorpostenboote kreuzten. Gegen 20 Uhr stach die Familie in ihrer Nussschale in die stürmische See und erreichte nach zehn Stunden unbeschadet die Insel Fehmarn. Ihr Boot übergaben Kostbades vor ein paar Jahren dem Verein.

Die erwähnten Vorpostenboote waren Jahre zuvor dem Mann aus Erfurt zum Verhängnis geworden. Er hatte mit Taucherausrüstung und Aqua-Scooter 16 Stunden lang die Ostsee durchquert, bevor er kurz vor seinem Ziel entdeckt wurde. Leider verliert sich hier die Spur. Der Verein möchte mehr erfahren und gerne Kontakt mit dem Erfurter aufnehmen. 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen