Mecklenburger berichtet : Die „Tankdrachen“ bei Cambrai

Die Kränze mit den Poppies, Mohnblumen, erinnern an die gefallenen Soldaten. Dieses Bild vom Mai 2017 aus Flesquières bei Cambrai zeigt den Verfasser (r.) vor dem Tank „Deborah“
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Die Kränze mit den Poppies, Mohnblumen, erinnern an die gefallenen Soldaten. Dieses Bild vom Mai 2017 aus Flesquières bei Cambrai zeigt den Verfasser (r.) vor dem Tank „Deborah“

Großbritannien setzte seit 1916 vermehrt Panzer im ersten Weltkrieg ein. Ein Mecklenburger berichtet von den „feuerspeienden Gefährten“

svz.de von
17. November 2017, 12:00 Uhr

Seit 1916 war Großbritannien dazu übergegangen, vermehrt Panzer – damals „Tanks“ genannt – an der Westfront einzusetzen. Anfangs hatte der Einsatz dieser neuen Waffe Angst und Schrecken bei den deutschen Stellungstruppen verbreitet, denn auch in der Berichterstattung wurde der Tank mit dem Drachen der Siegfried-Sage verglichen, der durch den deutschen Helden-Soldaten zu besiegen sei. Eher pragmatisch stellte sich bald das deutsche Militär auf diese neue Bedrohung ein, indem man neuartige panzerbrechende Munition einführte und die Geschützbesatzungen der Feldkanonen darin ausbildete, Ziele im direkten Richten zu beschießen. Im weiteren Verlauf des Kriegsjahres 1917 blieben aus diesen Gründen größere Erfolge mit Tanks an der Westfront aus. In der britischen Führung begannen Zweifel zu wachsen, ob der Tank überhaupt das erfolgversprechende neue Waffensystem sei, um die Wende für die Alliierten im Krieg herbeiführen.

Das Kriegsjahr 1917 verlief für die Alliierten nicht nur enttäuschend, sondern man musste auch für das nächste Jahr mit einem erstarkenden Gegner an der Westfront rechnen. An der Ostfront hatte Russland erhebliche Niederlagen hinnehmen müssen. Es war absehbar, dass Russland – geschwächt durch die Revolution – aus dem Krieg ausscheiden würde. An der Alpenfront hatte nur noch der massive Einsatz britischer und französischer Divisionen den Zusammenbruch Italiens verhindert. Die geschickte Führung deutscher Truppen an der Westfront trug dazu bei, dass trotz erheblicher alliierter nummerischer Überlegenheit keine größeren Fronteinbrüche zu verzeichnen waren. In dieser Situation forderte der Kommandeur des britischen Tankkorps, General Hugh Elles, einen geschlossenen Großeinsatz aller britischen Tankverbände. Der Plan sah einen überraschenden Schlag an einem ruhigen – aber panzergünstigen – Frontabschnitt vor. Während sich die Fachleute für einen örtlich begrenzten Angriff bei Cambrai einsetzten, plädierten die Führung der 5. Armee und der Oberkommandierende Haig persönlich für einen strategischen Ansatz, der den großen Durchbruch mit zusätzlichen Kavalleriedivisionen befürwortete.

Cambrai galt bei den deutschen Truppen als ruhiger Frontabschnitt; man sprach vom „Sanatorium der Westfront“ oder der „Sommerfrische“. Neben Divisionen mit älteren Jahrgängen wurden abgekämpfte Regimenter zur Regeneration hier in Stellung gebracht. So auch das mecklenburgische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 90, das in den vorangegangenen Kämpfen hohe Verluste hatte verzeichnen müssen.

Als die Briten am 20. November 1917 mit 476 Tanks und sechs Divisionen auf breiter Front bei Cambrai angriffen, befanden sich die drei deutschen Stellungsdivisionen in aussichtsloser Lage: Im gesamten Angriffsabschnitt gelang der Durchbruch. Nur wenige deutsche Verteidiger konnten Widerstandspunkte bilden, die den britischen Angriffswellen zeitweise standhielten.

Als ehemaliger Angehöriger des mecklenburgischen Regimentes berichtet der Schweriner Studienrat Dr. Wilhelm Bibelje in der Truppengeschichte von 1925 über den Angriff: „Ein Teil unserer Infanterie zog sich vor dem Gegner, dem sie nichts anhaben konnte, zurück; ein anderer Teil ließ die Tanks ruhig vorbeifahren und eröffnete das Feuer auf die englische Infanterie, die dicht gedrängt unmittelbar hinter den schützenden Stahlwänden der feuerspeienden Gefährten heranrückte. Aber sofort blieben einige Tanks am Grabenrand stehen und flankierten unsere Grabenbesatzung. Durch dieses Flankenfeuer trieben sie nun die hilflosen Infanteristen in die Unterstände, in die sie dann, am Graben entlang fahrend, hineinschossen …“

Trotz der großen Anfangserfolge wurde der strategische Durchbruch bei Cambrai nicht erzielt. Der britische Angriff wurde am zweiten Tag der Offensive durch eilig an die Front geworfene Reservetruppen gestoppt. Nur zehn Tage später begann der deutsche Gegenangriff, der schließlich das verloren gegangene Terrain wieder in deutsche Hand brachte. Noch heute – nach über 100 Jahren – sind Orte der Schlacht im Gelände erkennbar. Überall vor Cambrai gibt es britische Soldatenfriedhöfe: Dort wo sie fielen, fanden sie ihre letzte Ruhe. Auf der deutschen Kriegsgräberstätte Cambrai mit mehr als 11 000 Gefallenen ruhen auch die Angehörigen des mecklenburgischen Reserve-Infanterie-Regimentes 90.

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