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Alt Kaliß : Die Suche nach Obdach

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit der Unterbringung der Flüchtlinge standen Bürgermeister vor einer Herausforderung – so auch in Alt Kaliß

svz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 14:36 Uhr

An einem frühen Morgen im Herbst 1945 erhielt Ernst Böttger, Bürgermeister von Neu Kaliß, vom Landrat in Ludwigslust die Mitteilung, dass von dort eine größere Anzahl Umsiedler aus dem Sudetenland unterwegs sei und dass die Menschen im Ortsteil Alt Kaliß unterzubringen seien. Der Dorfschulze musste umgehend Fahrzeuge organisieren, denn unter den Umsiedlern waren alte und kranke Menschen. Um im Saal der Gaststätte ein zunächst provisorisches Nachtlager herzurichten, mussten von den Bauern Stroh und Decken eingefordert werden.

Als nur wenige Stunden später die ermatteten Menschen am Bahnhof in Neu Kaliß die Waggons verließen, gewahrten die Helfer, dass auch Familien mit mehreren Kindern untergebracht werden mussten. Der Bürgermeister sah sich vor ein riesiges Problem gestellt. Die Bereitschaft der Dorfleute zur Aufnahme war gering, kaum einer wollte in diesen ohnehin schweren Zeiten noch durch Einquartierung belästigt werden. Mit zwei Helfern machte sich Ernst Böttger auf den Weg, um freien Wohnraum zu „organisieren“. Besonders hartnäckigen Widerstand leistete die Mutter des letzten Alt Kalißer NS-Ortsbauernführers. Selbst auf das energischste Drängen des Bürgermeisters verweigerte sie einer jungen Mutter mit zwei Kindern das Obdach.

Mit Appellen, Mahnungen und Drohungen gelang es schließlich, auch den letzten Bedürftigen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Doch es fehlten Betten! Viele Kalißer hatten ihre eigenen Bettgestelle und Federkissen auf dem Heuboden versteckt, um sie den Flüchtlingen nicht zum Gebrauch überlassen zu müssen. Der Inhaber der Polzer Sägerei, Runow, sagte Hilfe zu. Ein Anruf beim Landrat brachte Klärung über die Vergütung bzw. die Abschreibung des Holzkontingents. Am nächsten Tag konnten die benötigten Bretter bereits aus der Polzer Sägerei abgeholt werden.

Bereits nach wenigen Tagen und Wochen bemühten sich die meisten Quartiergeber, ihre „Untermieter“ wieder loszuwerden. Doch der größte Teil der Neuankömmlinge blieb in Alt Kaliß und fand hier ein neues Zuhause.

Ähnliche Sorgen hatte Bürgermeister Ernst Böttger nochmals einige Jahre später. So wurden eines Tages fünf entlassene deutsche Kriegsgefangene vor der Alt Kalißer Bürgermeisterei abgesetzt. Die noch mit russischen Uniformen bekleideten ehemaligen Wehrmachtssoldaten hatten während des Krieges das Zuhause und ihre Angehörigen verloren. Sie gehörten zu den letzten Männern, die 1945 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten. Der Bürgermeister teilte die Männer jenen Frauen als Hilfe zu, deren Männer im Krieg geblieben waren. Drei Witwen heirateten später die ihnen „zugeteilten“ Helfer, die beiden anderen Männer gingen noch vor 1961 über die Elbe in den Westen.

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