Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Die Schwachen starben unterwegs

Eugenie Schormanns Familie im Jahr 1943. In der hinteren Reihe sind von links Schwester Agnes, Eugenie, der Knecht und der Vater zu sehen, davor Großmutter und Mutter und vorn der kleine Leo.
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Eugenie Schormanns Familie im Jahr 1943. In der hinteren Reihe sind von links Schwester Agnes, Eugenie, der Knecht und der Vater zu sehen, davor Großmutter und Mutter und vorn der kleine Leo.

Die 87-jährige Eugenie Schormann hat die Geschichte ihrer Flucht nie vergessen. Täglicher Kampf um knappe Lebensmittel

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03. Juni 2016, 00:00 Uhr

Hunger, Kälte, Tod. Eugenie Schormann, geborene Krüger, war 16 Jahre alt, als ihre Familie aus ihrer Heimatstadt Dabie in der heutigen Woiwodschaft Großpolen vertrieben wurde. Nach verschiedenen Stationen in Mecklenburg, darunter Flessenow, Malchow und Mönchbusch bei Alt Schwerin, zog sie nach ihrer Hochzeit nach Leisten. Die 87-Jährige lebt heute bei ihrer Tochter in Plau am See. Schon vor längerer Zeit hat sie ihre Erinnerungen an die Flucht und die erste Zeit in Mecklenburg aufgeschrieben.

Endlich im Spätherbst 1945, es war schon kalt, war unsere Ausreise. Auf Pferdefuhrwerken mit wenig Gepäck wurden die deutschen Familien nach Swinice auf einen eingezäunten Platz gebracht und einen Tag dort festgehalten. Auch wir waren dabei. Am nächsten Tag ging der Treck in unsere Kreisstadt Turek, etwa 30 Kilometer entfernt. Auf die Pferdewagen konnten nur Kinder und alte Leute, alle anderen mussten laufen.

Unterwegs kamen immer wieder Räuber aus Büschen und aus dem Wald. Sie rissen uns das wenige Gepäck, das wir noch besaßen, vom Wagen. Meiner Mutter zog man in Unjeow auf einer Brücke über die Warthe den Mantel aus und weil sie sich wehrte, wollte man sie in den Fluss stoßen. Meiner Schwester Agnes hat man die Schuhe von den Füßen gezogen, sie war da erst zwölf.

Endlich erreichten wir den Sammelplatz, eine große leere Scheune. Dort wurde jede Familie registriert und total abgesucht. Essen und Trinken gab uns niemand. Es dauerte lange, bis wir endlich zu einem Bahnhof kamen und dort in Viehwagen gestopft wurden, bis die voll waren. Wir hofften, Angst und Schrecken wären nun bald vorbei, aber weit gefehlt. Inzwischen schneite es und es gab immer noch nichts zu essen. Die Schwachen und Kranken starben unterwegs und wenn der Zug anhielt, wurden sie rausgelegt. Hielt der Zug unterwegs, versuchten viele, etwas Essbares zu finden. Man freute sich, wenn es eine rohe Zuckerrübe vom Waggon war.

Endlich, am 7. Dezember 1945, kamen wir in Bad Kleinen bei Schwerin an. Da standen wieder Pferdefuhrwerke, aber mit klapprigen und ausgehungerten Pferden, die sollten den ganzen Transport ins Lager bei Flessenow bringen. Auch auf diese Fuhrwerke durften nur die Schwächeren, alle anderen mussten laufen. Doch das wenige Gepäck, das wir noch hatten, konnten wir selbst tragen.

In Flessenow wurden wir in die bereitstehenden Baracken verteilt. Alle waren froh, dass die Strapazen ein Ende hatten. Nach langer Zeit gab es ein warmes Mittagessen und das auch in den folgenden Tagen: Dürrgemüse-Suppe, eine Kelle pro Person, und 200 Gramm Brot am Tag. Die Kleinkinder bekamen täglich eine Tasse Milch.

Das Lager musste wohl vorher von Gefangenen bewohnt worden sein. Alle rückten, so gut es nur ging, aneinander, um der Kälte zu widerstehen. Im Lager waren tausende Menschen untergebracht, bald herrschten Fleckfieber und Typhus. Täglich kam ein Fahrzeug und sammelte die Toten ein. Bis dahin waren wir noch alle beisammen, zu unserer Gruppe gehörte noch Edith Zülke, sie war allein und seit Polen bei uns. Auch in unserer Baracke gab es Tote, es waren ein älteres Ehepaar aus meiner Heimat und Frau Zado. Ihre drei kleinen Jungs blieben allein, der Vater war Soldat. Ursachen waren Strapazen, Kälte und Hunger. Das bisschen Essen reichte nicht aus. Um die drei Kinder kümmerte sich eine Schwägerin.

Ab und zu mussten wir alle in den Keller des Schlosses zur Entlausung. Da musste man sich nackt ausziehen und wurde eingepudert, die Sachen kamen in einen Beutel und wurden in einen Räucherofen gehängt, unten war Feuer. Aber das brachte nicht viel, einige Tage später war alles wie vorher. Der Winter 1945 war sehr kalt. Mein Bruder Leo wurde auch noch schwer krank, es war wohl Lungenentzündung. Wir glaubten, dass er nicht überleben würde. Im Lager war auch ein Arzt für die vielen Flüchtlinge. Er hatte kaum Arznei und herrisch war er auch. Bald gab es auch Durchfall, woran auch viele starben. Der Arzt sagte nur: „Fresst nicht so viel, dann werdet ihr auch nicht so viel scheißen.“ Meinen neunjährigen Bruder hat er ins Krankenhaus eingewiesen. Damals war das Krankenhaus im Schloss eingerichtet. Die Kranken hatten es besser, sie hatten ein Bett, ein wenig Wärme und auch ein warmes Essen. Leo war bald wieder gesund.

Ich war damals 16 Jahre alt. Immer wieder hörte ich mich um, wo etwas zu essen zu holen war. So war im Nachbardorf ein Gut, das von den Russen besetzt war. Dort wurde gedroschen und die brauchten auch Arbeiter. War man frühzeitig da, konnte man bleiben für eine Mittagsmahlzeit: Pellkartoffeln aus dem Schweinedämpfer und eine Schrotsuppe, mit Magermilch gekocht.

Jeder der Flüchtlinge versuchte, einen Beutel Körner zu klauen, den versteckte man außerhalb der Scheune, um ihn später zu holen. Hatte ich ein paar Kilo zusammen, bin ich damit zur Mühle nach Ventschow, um sie gegen Mehl einzutauschen und so hatten auch meine Angehörigen etwas für eine Suppe. Es machte uns allen schwer zu schaffen, dass es kein Salz gab. Ich ging auch in der Umgebung viel betteln um ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln. Manchmal bekam man auch etwas zu essen, aber der Bettler waren zu viele. An das Weihnachtsfest 1945 kann ich mich nicht mehr erinnern. Es fiel wohl aus!

Es kam eine Zeit im Lager, da wurden zum Kartoffelschälen Kräfte in der Küche gebraucht. Meine Mutter war als Stubenälteste unserer Baracke gewählt. Sie musste sich um die Belange der Leute kümmern. Durch sie kam ich in die Schälküche. Nun ging es uns schon wieder etwas besser. Ich konnte etwas mehr zu essen haben und die anderen bekamen meine Portion.

Im März 1946 erhielten wir plötzlich den Bescheid, unsere Sachen zu packen. Wir kamen mit dem Zug nach Waren-Müritz, wieder in ein Barackenlager; doch zum Glück nur einige Tage. Dann hieß es: In den Zug! Mit vielen anderen fuhren wir nach Malchow, dort standen in der Nähe des Bahnhofs abermals Baracken. Doch es kam schon der Frühling und es wurde wärmer. Was mit uns weiter geschehen würde, wussten wir nicht.

In Malchow lebten wir drei Wochen, dann wurden wir gefragt, ob wir in die Stadt oder aufs Land wollten. Wir entschieden uns – an den langen Hunger denkend – für das Land. Glaubten wir doch, auf dem Land könnten wir besser durchkommen.

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