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Flucht, Vertreibung, Nauanfang - Ihre Geschichte : „Die schlimmste Zeit meines Lebens“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Harry Schneider aus Schwerin erlebte den Tod des Vaters, Umsiedlung, Vertreibung und Flucht – Bilder aus dieser Zeit verfolgen ihn bis heute

Harry Schneider, Jahrgang 1937, musste auf der Flucht aus dem Wartheland miterleben, wie sein Vater von sowjetischen Soldaten erschossen wurde. Als Waisenkinder gelangten der Junge und seine Schwestern auf Umwegen nach Berlin. Später studierte Harry Schneider und arbeitete als Lehrer für Biologie und Chemie. Er ist in Schwerin zu Hause und hat mit seiner Frau Renate drei Kinder, sechs Enkel und eine Urenkelin.

Meine Vorfahren stammen aus Deutschland. Mein Großvater entschloss sich umzusiedeln. Er zog wie viele andere Deutsche nach Wolhynien (West-Ukraine) und kaufte hier eine große Landwirtschaft. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges siedelte er mit Familie nach Lettland um. Hier kaufte sich mein Großvater in Kurmahlen im Kreis Goldingen eine neue Landwirtschaft. Nachdem Oma und Opa verstorben waren, erbte mein Vater diese Wirtschaft. Meine Eltern heirateten Weihnachten 1924 und bekamen sechs Kinder, von denen drei verstarben.

Eines Tages kam dann die Hiobsbotschaft: Alle Deutschen müssen Lettland verlassen! Es war die Folge des unseligen Paktes zwischen Hitler und Stalin. Damit begann für alle Baltendeutschen, also auch für uns, die über viele Jahre hinweg dauernde, nie vergessene Leidenszeit.

Die Umsiedlung von Kurmahlen (Lettland) nach Mühlbach (Westpreußen) muss fürchterlich gewesen sein. Ich war erst zwei Jahre alt und weiß das meiste nur aus Erzählungen der Älteren.

Das Haus, das wir zugewiesen bekamen, war baufällig und stand abseits vom Dorf. Mein Vater konnte sich damit nicht anfreunden und ging auf die Suche nach einem anderen Hof. Er fand ihn in Mühlbach im Wartheland. Hier waren die Polen vertrieben worden und mein Vater übernahm einen der freigewordenen Bauernhöfe. Das geschah 1939. Der Reichsgau Wartheland, den die Nazis geschaffen hatten, sollte unsere Heimat sein. Hier lebten wir aber nur von 1939 bis Anfang 1945. Eingeschult wurde ich 1944.

Am Ende dieses Jahres bemerkten wir Kinder die Unruhe im Dorf. Die älteren Männer mussten zum Volkssturm und haben den Bahnhof Tag und Nacht bewacht. Wir konnten alles nicht begreifen. Erst im Januar 1945 habe ich mitbekommen, dass etwas Furchtbares passieren wird. Die schlimmste Zeit meines Lebens begann: die Flucht.

Im Januar begann die große Winteroffensive der Roten Armee. Die Gauleitung unterschätzte das Tempo der Offensive, so dass der Befehl zur Flucht viel zu spät kam, erst am 20. Januar, und schon am 21. Januar begann der Treck.

Auch bei uns auf dem Hof schlug dieser Befehl wie eine Bombe ein. Meine Mutter war schon 1942 verstorben, meinen Vater hatten sie zum Volkssturm geholt. Meine Schwester Erika und ich haben den Leiterwagen zusammen mit dem Knecht und der Magd mit dem beladen, was meine Schwester bestimmte. Sie war 14 Jahre alt, ich sieben. Im letzten Augenblick kam meine Schwester Ilona aus der Schule in Hohensalza mit dem Zug an. Es ging los bei extrem kaltem Wetter von minus 40 Grad. Unser Vater fehlte uns sehr. Ganz zufällig traf er uns am nächsten Tag, er war aus dem Volkssturm entlassen worden, weil wir drei Kinder allein auf der Flucht waren. Zusammen ging es weiter. Als vor uns ein Wald sichtbar wurde, kam uns im Galopp ein Panje-Wagen entgegen mit vier SS-Offizieren. Sie riefen immer: „Kehrt um! Die Russen kommen!“ Es war der 27. Januar 1945. Viele Russen stürmten aus dem Wald, umzingelten jeden Wagen und durchsuchten ihn. Wir Kinder konnten vor lauter Angst nur zuschauen und heulen. Unserem Vater befahlen sie abzusteigen und nahmen ihn bis zum Waldrand mit, umstellten ihn und auf das Kommando eines Offiziers erklang eine Gewehrsalve. Wir sahen unseren Vater umfallen. Er war tot!

Ich persönlich habe erst später so richtig begriffen, was da geschehen war. Dann mussten wir unseren Wagen umdrehen und als Waisenkinder in unser altes Dorf zurückfahren. Auf dem Rückweg kam plötzlich von hinten eine Kolonne Russenpanzer, so dass wir mit unserem Wagen an die Seite fahren mussten, um nicht überrollt zu werden. Durch den hohen Schnee übersah unser Knecht den Graben. Der Wagen kippte und wir rollten in den Schnee.

Der ganze Wagen mit unserem Hab und Gut war verloren. Knecht und Magd liefen davon, die Russen nahmen die Pferde mit und wir standen weinend am Straßenrand. Was für ein Glück für uns, dass eine Frau aus unserem Dorf anhielt und uns mitnahm. Sie war auch allein mit ihren drei Kindern, ihr Mann war im Krieg gefallen.

Auf der Weiterfahrt legten wir auf einem großen Gutshof eine Pause ein. Nachts kamen immer die Russen. Meine Schwester Erika wurde jeden Abend als Junge verkleidet. Nach acht Tagen mussten wir weiter, unsere gute Fee nahm uns wieder mit. Auf dem Weg nach Mühlbach erlebten wir noch viele schreckliche Momente. Vor Angst zogen wir immer die Köpfe ein, wenn über uns Flugzeuge brummten. Im Schnee lagen alte Menschen und kleine Kinder – alles Tote! Grauenvoll! An einer Stelle fiel die Straße rechts ab und endete in einer Vertiefung. Wir sahen zerbrochene Wagen, tote und lebende Pferde, lebende und tote Menschen. Bis heute habe ich diese Bilder nicht vergessen.

Schließlich landeten wir dort, von wo wir geflüchtet waren. Alle Deutschen wurden in einer zerfallenen Baracke untergebracht und mussten bei den Polen arbeiten. Ich hütete Kühe. Nachts schlief ich auf einem zugigen Dachboden. Ich habe jede Nacht erbärmlich gefroren, denn mein „Bett“ waren Stroh auf dem Betonboden und eine alte Decke. Im Januar 1946 kam dann für uns die Erlösung! Es gelang Verwandten von uns, für uns Waisen Ausreisepapiere zu besorgen. Nach drei Tagen Fahrt kamen wir in Berlin an. In Tempelhof im amerikanischen Sektor wurde ein Waisenhaus bis Mai 1946 unsere erste deutsche Heimstatt. Trotz aller widrigen Umstände hatten wir endlich auch glückliche Tage. In das Heim kamen immer wieder Ehepaare, die Kinder adoptieren wollten. Eines dieser Paare wollte Ilona und mich mitnehmen, aber Erika nicht. Da haben wir uns strikt geweigert: Wir wollten zusammen bleiben. Einige Tage später geschah dann das größte Wunder: Unsere Tante Magda, die Schwester meines Vaters, war da und nahm uns mit. Endlich ein Zuhause, es flossen viele Tränen vor Glück. Meine Odyssee war noch nicht zu Ende, doch das ist eine andere Geschichte.

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