Unglückliche Liebe : Die reiche Herrin auf Groß Plasten

Elsa von Michael, Gemälde von 1904
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Elsa von Michael, Gemälde von 1904

Weil sie ihm keinen Erben gebar, ließ sich Dr. Friedrich von Michael von der Großindustriellentochter Elsa Haniel scheiden

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05. Januar 2018, 00:00 Uhr

Mit einem Privatvermögen von 30 Millionen Mark war die Braut mehr als eine Partie für Friedrich Heinrich Christian Ludwig August Karl von Michael. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts galt sie, abgesehen von dem mit einer Prinzessin von Großbritannien, Irland und Hannover verheirateten blinden Mecklenburg-Strelitzer Großherzog Friedrich Wilhelm, als die reichste Person zwischen Schwerin und Neustrelitz.

Elsa Haniel war die Tochter des Duisburger Großindustriellen Julius Haniel und der Henriette Luise Caroline Böcking, Tochter des Stahlbarons Heinrich Rudolf Böcking. Als Haniel-Tochter war sie Großaktionärin eines Konzerns, der heute noch zu den Top 10 der 500 größten deutschen Familienunternehmen zählt.

Hatten die Haniels bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein eine Heiratspolitik betrieben, bei der Cousins Cousinen oder die Kinder befreundeter Industrieller ehelichten, um Familie und Besitz zusammenzuhalten, änderte sich das mit Gründung ihrer Aktiengesellschaft Gute Hoffnungshütte in Oberhausen 1873. Jetzt suchte die Familie eher Verbindungen zum Adel und zur militärischen Elite des Reiches.

Das Werben Friedrich von Michaels, des promovierten Mecklenburger Juristen, Erbe zweier großer Güter um die 20-jährige Ruhrpott-Prinzessin fiel da auf fruchtbaren Boden. Er konnte ihr den Adelstitel bieten, den sich Vater Julius Haniel wünschte, sie ihm eine gute Mitgift und angesichts ihrer Jugend die Aussicht auf einen Erben. Der 35-jährige Bräutigam benötigte dringend einen Stammhalter. In Schönhausen nahe Strasburg war bereits ein Familienzweig erloschen. In Bassow und Voigtsdorf bei Friedland zeichnete sich Ähnliches ab. Und für Groß Plasten und Ihlenfeld fehlte noch sein Nachfolger. Der Besitz der erst 1844 in den Adelsstand aufgenommenen Familie musste gesichert werden.

Am 15. August 1892 heirateten Friedrich und Elsa in Groß Plasten. Großzügig investierte er ihr Geld in den Umbau des alten Herrenhauses, dessen Mansarddach ausgebaut wurde und das im Stil des wilhelminischen Neobarocks einen prunkvollen zweigeschossigen Flügelanbau mit vorgelagertem Säulenaltan, siebenachsiger Seeterrasse und zweiläufiger Treppe in voller Hausbreite erhielt. Darüber hinaus wurde kräftig auf dem Gut investiert. Es entstanden neue Speicher, Werkstätten, Wirtschaftsgebäude und – wohl unter dem Einfluss der jungen Herrin auf Groß Plasten – ein Kindergarten, eine neue Schule und sogar eine Arztpraxis.

Darüber hinaus wurden die Wohnverhältnisse der Gutsarbeiter verbessert. Großzügigkeit in Hinblick auf das Gemeinwohl gehörte zur Familienkultur der Haniels und trug zu deren geschäftlichem Erfolg bei. Das hatte Elsa zu Hause gelernt.

Im Zusammenhang mit der Modernisierung des Gutsbetriebes wurde ab 1898 außerdem eine neobarocke Kapelle errichtet, deren Entwurf Franz Schwechten lieferte, der als der angesagte Kirchenbaumeister seiner Zeit und Lieblingsarchitekt des Kaisers galt und für diesen u. a. die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gebaut hatte. Zur Kirchenweihe am 12. Oktober 1901 konnten Friedrich und Elsa von Michael neben dem Schweriner Großherzog Friedrich Franz IV. auch Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, seit 1895 Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, begrüßen, in der sich auch der Gutsherr von Groß Plasten engagierte. Zum Kolonialkongress 1905, auf dessen Tagesordnung die Frage stand, ob der Islam „eine Gefahr für unsere afrikanischen Kolonien ist“, reiste Dr. Friedrich von Michael allerdings schon wieder als Single. Seine Ehe war 1904 auf sein Betreiben geschieden worden. Über die Gründe muss man nicht spekulieren. In zwölfjähriger Ehe war kein Kind geboren worden.

Elsa von Michael zog es nach Bayern, wo sie 1919 aufgrund ihres vielfachen sozialen Engagements und ihres Einsatzes für verwundete Soldaten im Ersten Weltkrieg Ehrenbürgerin von Berchtesgarden wurde. In die Geschichte ist die Industriellentochter, die zwölf Jahre auch Mecklenburger Gutsherrin war, allerdings durch den Bau von Schloss Elmau eingegangen. Dort fand vor zwei Jahren der erste nach dem Treffen in Heiligendamm von Deutschland ausgerichtete G7-Gipfel statt. Elsa hatte den Schlossbau zwischen 1913 und 1915 mit 1,85 Millionen Mark, nach heutigem Wert etwa 24,9 Millionen Euro, fast vollständig allein finanziert und damit den kirchenkritischen protestantischen Theologen und „charismatischen Seelenführer“ Johannes Müller unterstützt. Ihr soziales Engagement, das ihr die Anerkennung als „Wohltäterin von Berchtesgarden“ einbrachte, setzte die Haniel-Tochter auch fort, nachdem sie 1921 den verwitweten Grafen Franz von Waldersee geheiratet hatte und mit ihm bis zu dessen Tod sechs glückliche Jahre auf seinem Gut in Schleswig-Holstein erlebte und von seinen Kindern die Liebe erhielt, die ihr fehlende eigene Kinder nicht geben konnten. Die Gräfin von Waldersee, geschiedene von Michael, geborene Haniel, starb 1955. Ihre Fürsorge und Wohltätigkeit wirkten Jahrzehnte über ihren Tod hinaus.


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