Schwerin : Die Jagd nach dem „Sandmann“

Adolf Seefeld, polizeiliche Aufnahme vom 6. April 1935
Adolf Seefeld, polizeiliche Aufnahme vom 6. April 1935

Vor 80 Jahren begann in Schwerin der Prozess gegen den Serienmörder Adolf Seefeld. Wandernder Uhrmacher tötete zwölf Jungen

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29. Januar 2016, 16:31 Uhr

Das Grauen kam schleichend über Mecklenburg, Brandenburg und Ostholstein. Immer wieder stoßen Förster und Suchtrupps auf die Leichen vermisster Kinder. Ausnahmslos Jungs, zwischen vier und zwölf Jahren alt. Sie sind unverletzt, liegen in Schonungen und „sehen aus wie kleine Engelchen“ – in ihren damals sehr beliebten Matrosenanzügen. Da sie meist in der kalten Jahreszeit starben, gingen die Ärzte von Erfrieren als Todesursache aus. Andere tippten auf Pilzvergiftung oder „heimliches Rauchen“.

Seit im Februar 1935 in Schwerin binnen einer Woche der elfjährige Hans Joachim Neumann und der neunjährige Hans Zimmermann verschwanden, glaubt Oberstaatsanwalt Beusch nicht mehr an natürliche Todesfälle. Er geht von einer Mordserie aus. Bereits im Februar 1933 war der zehnjährige Alfred Praetorius aus Rostock „abgängig“. Seine Leiche tauchte ein knappes Jahr später im Schilf der Warnow auf. Im April wurde nahe Wittenberge der zwölfjährige Kurt Gnirk aufgefunden, im November bei Ludwigslust der zehnjährige Ernst Tesdorf. Zwei Jahre darauf sollte Gustav Thomas (8) aus Wittenberge seinem Mörder begegnen. Im Oktober 1934 fand man den vierjährigen Arthur Dill und den sechsjährigen Edgar Dittrich eng umschlungen bei Neuruppin. Schon im Januar 1933 war Hans Korn (9) in den „Schlutuper Tannen“ bei Lübeck gestorben. In der Nähe hatte einen Monat zuvor „ein alter Mann mit einem komischen Hut“ einen 13-Jährigen gebeten zu helfen, eine Bohrmaschine aus dem Waldstück zu holen. Doch der Junge bekam Angst und rannte davon.

Nun setzt sich der Staatsanwalt mit der Berliner Kriminalpolizei in Verbindung, die sich auch schon die Köpfe über mysteriöse Todesfälle von Kindern zerbrochen hatte. Im Herbst 1934 waren der siebenjährige Günther Tieke aus Oranienburg und Erwin Wischnewski (11) aus Brandenburg tot aufgefunden wurden. Im Jahr zuvor wurden die sterblichen Überreste des achtjährigen Wolfgang Metzdorf aus Potsdam bei Schloss Lindstedt in der Altmark entdeckt. Die Ermittler vermuten, dass der „Sandmann“ – man wählte den Namen, weil die Opfer wirkten, als seien sie „in friedlichem Schlafe“ gestorben – mit „Onkel Ticktack“ identisch sein könnte. Der wandert über die Dörfer und zaubert „blankgeputzte Uhren“ aus dem Rucksack.

Im März 1935 wird ein 40-jähriger Handlungsreisender, der sich in der Nähe von Tatorten herumgetrieben hatte, festgenommen. Er erhängt sich in seiner Zelle. Dem Aufatmen, den Sandmann endlich erwischt zu haben, folgt das Entsetzen, als mit dem Mord an Gustav Thomas die Serie weitergeht.
Nun verlegt Kriminalrat Hans Lobbes von der Berliner Mordkommission seinen Arbeitsplatz nach Schwerin.

Gustav Thomas war gemeinsam mit einem alten Mann in dunklem Mantel und einem Filzhut „mit einer Krempe wie eine Untertasse“ gesehen worden, als in Bad Doberan eine Anzeige gegen den reisenden Uhrmacher Adolf Seefeld einging. Der hatte versucht, einen Jungen in den Wald zu locken. Ähnliches war in Ludwigslust geschehen. Am 3. April 1935 wird Seefeld in Wutzetz im Kreis Ruppin festgenommen.

„Onkel Ticktack“ ist, wie sich nun beim Studium der „Verbrecherkriminalakten“ aus Rostock und Schwerin herausstellt, kein unbeschriebenes Blatt: Er kommt am 6. März 1870 in Potsdam zur Welt, lernt Schlosser und wird Arbeiter. Dann packt ihn der Wandertrieb. In Lübeck lernt er eine Frau kennen, er heiratet. Ein Sohn wird geboren. Das Paar geht auseinander, zumal Seefelds homosexuelle Veranlagung durchbricht. Er war als Kind von Männern missbraucht worden. Seefeld wird für die nächsten 40 Jahre keinen festen Wohnsitz mehr haben und keiner geregelten Arbeit nachgehen. Insgesamt 23 Jahre „saß“ er wegen Sittlichkeitsdelikten an Jungen – zum Teil in psychiatrischen Anstalten, da er Symptome von Geisteskrankheit zeigte.

Ein Zeitabgleich der Kripo ergibt: Kein Kind kam zu Schaden, wenn der Sandmann hinter Gittern war. Umgekehrt kam heraus, dass er zur Zeit der Verbrechen auch am Ort der Verbrechen war. Doch Seefeld leugnet hartnäckig. Auch als Spürhunde die verscharrten Leichen der Schüler Neumann und Zimmermann entdecken, gesteht er nicht.

Am 21. Januar 1936 beginnt vor dem Schweriner Schwurgericht der Prozess. Die Frage, wie die Kinder zu Tode kamen, kann nicht geklärt werden. Neben Strangulierung (wofür es keine Spuren gab) tippen die Experten auf Äther oder Chloroform. Einige glauben, dass der Mörder die Knaben betäubte, missbrauchte und dann am Tatort zurückließ, wo sie entweder an der Droge starben oder erfroren.

Für Giftmord sprach, dass Seefeld sich entsprechender Kenntnisse gerühmt hatte. Er wird am 22. Februar 1936 zum Tode verurteilt. Dann nimmt sich die Gestapo des Verurteilten an. Unter Folter gibt Seefeld zu, die Kinder durch Geschenke oder Versprechungen in die Wälder gelockt und vergiftet zu haben. Er gesteht weitere Knabenmorde. Der Wert dieser Geständnisse sei dahingestellt. Ihm werden rund 100 Missbrauchsfälle, darunter mindestens 30 Morde zwischen Berlin und Hamburg seit etwa 1893 angelastet.

In Gestapohaft wird Seefeld zum Nachweis seiner Giftmischerqualitäten gezwungen, die tödlichen Gifte selbst herzustellen. Seine Bemühungen „kosteten“, so der Berliner Kriminalrat Hans Lobbes, „eine Maus das Leben, ließen aber einen Hund unbeeindruckt“.

Adolf Seefeld stirbt am 23. Mai 1936 in Schwerin unter dem Fallbeil.

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