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Strelitzer Herzogin Dorothea Sophie : Die heimliche Regentin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Kunsthistorikerin Friederike Drinkuth rückt die Strelitzer Herzogin Dorothea Sophie auf den ihr zustehenden Platz in der Geschichte

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erstellt am 03.Sep.2016 | 10:22 Uhr

„Neustrelitz entstand im Auftrag von Herzog Adolf Friedrich III. von Mecklenburg Strelitz“ – so steht es auf der Webseite der Stadt. Doch jetzt sieht es so aus, als müsste dieser Fakt korrigiert werden. Denn Quellen offenbaren nun eine andere historische Person: Dorothea Sophie, Gemahlin des Großherzogs und wie es aussieht, hinter ihm die wahre Regentin des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz.

Eine Frau als Gründerin einer barocken Residenzstadt? Dr. Friederike Drinkuth ist davon überzeugt. Sie hat Dorothea Sophie in den vergangenen Jahren gut kennen gelernt: im Archiv beim Studium von Briefen, Rechnungen und Tagebucheintragungen, Protokollen, Reden und anderen Überlieferungen. Aus dieser umfangreichen Recherche ist ein Buch mit dem Titel „Männlicher als ihr Gemahl“ entstanden, das im Juli 2016 im Schweriner Thomas-Helms-Verlag erschienen ist. Ein Buch, für das die Autorin den Annalise-Wagner-Preis 2016 erhielt. „Das freut mich natürlich als Anerkennung meiner Arbeit – aber auch deshalb, weil Dorothea Sophie nun wieder die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr gebührt“, sagt die Kunsthistorikerin, die das Referat Staatliche Schlösser und Gärten in MV leitet.

Vor acht Jahren arbeitete Friederike Drinkuth als Kuratorin in Schloss Mirow. Vorher war sie in Plön tätig gewesen und stellte bei ihren Recherchen zum Strelitzer Herrscherhaus fest: „Diesen Weg von Plön nach Strelitz hat vor mir schon mal jemand gemacht: Dorothea Sophie.“

Dorothea Sophie wurde am 4. Dezember 1692 als Tochter des Herzogs Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön und seiner Frau Dorothea von Braunschweig-Wolfenbüttel geboren. Ihr Vater war ein berühmter Feldherr, das Plöner Geschlecht verwandt mit dem dänischen Königshaus. Dessen war sich die Tochter bewusst: „Sie war eine enorm stolze Plönerin und hatte ordentliche Standesdünkel“, sagt Friederike Drinkuth. 1709 heiratete die Prinzessin den sechs Jahre älteren Erben des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz, der ein Jahr zuvor als Adolf Friedrich III. die Regentschaft übernommen hatte.

Dabei soll er sich allerdings nicht durch Stärke und Entschlossenheit ausgezeichnet haben. Friedrich der Große bezeichnete ihn später gar als „sehr blöde“. Und als während des Nordischen Krieges russische Soldaten nach Strelitz strömten, floh der Herzog in die Exklave nach Ratzeburg, während seine Frau ausharrte. „Männlicher als ihr Gemahl“ schrieb der Historiker Hans Witte – ein Zitat, das sich Friederike Drinkuth als Titel für ihr Buch geborgt hat: „War einfach eine Steilvorlage“, sagt sie.

Doch warum stellten frühere Historiker nicht die Frage, wer Anfang des 18. Jahrhunderts im Herzogtum Strelitz die Hosen anhatte? „Biographien waren eher männlich geprägt“, sagt Friederike Drinkuth. Als der irische Reiseschriftsteller und Historiker Thomas Nugent den Neustrelitzer Hof nur ein Jahr nach Dorothea Sophies Tod besuchte, nennt er deren Gemahl als Erbauer des Schlosses und alleinigen Stadtgründer. Von ihr – kein Wort. Die tatkräftige Frau geriet in Vergessenheit.

Friederike Drinkuth hat jetzt mit ihrem Buch die Aufmerksamkeit auf Dorothea Sophie gerichtet. Und nicht deshalb, weil „Frauenpower“ zeitgemäß ist, sondern weil alle Fakten für die These der heimlichen Regentin sprechen. Die Entdeckung, dass eine Frau erfolgreich die Geschicke des Herzogtums lenkte, stellt dabei für die Autorin keine Besonderheit dar: „Regierende Frauen sind im 18. Jahrhundert nicht unüblich“, sagt sie und nennt Maria Theresia und Katharina die Große. Ungewöhnlicher sei es da schon, dass Neustrelitz als Residenz von einer Frau gegründet wurde. „Dorothea Sophie hat sicher keine Weltgeschichte geschrieben. Aber sie hat Strelitzer Geschichte geschrieben“, sagt Drinkuth.

Doch wie kam es nun zur Neugründung einer Residenzstadt? 1712 brannte das Schloss im alten Strelitz ab – für den Regenten nicht nur als Verlust des Wohnortes eine Katastrophe: „Man brauchte ein Gehäuse der Macht, um ernst genommen zu werden, ein Schloss als politischen Funktionsbau“, sagt die Historikerin. Besonders im Falle des jungen Herzogtums Strelitz, das erst 1701 entstand, war das ein Problem.

Rund 20 Jahre fehlte das Schloss. Jahre, die in die Regierungszeit Adolf Friedrich III. (bis 1752) fielen, der jedoch bei der Entscheidung für den Wiederaufbau zögerte. 1720 übernahm nach Aktenlage Dorothea Sophie die Kontrolle über die Finanzen und arbeitete zielstrebig auf den Schlossbau hin. Doch schnell war ihr auch klar: Spott und Mitleid, hervorgerufen durch die fehlende standesgemäße Residenz, ließen sich nur mit einem Paukenschlag abschmettern und vergessen machen. Dieser Paukenschlag war die Gründung einer neuen Stadt.

1733 unterzeichnete Adolf Friedrich III. die Gründungsurkunde von Neustrelitz, in den Aktionen und der Umsetzung ist es aber ganz klar Dorothea Sophie, die dahintersteht. „Dorothea Sophie war klug genug, im Namen ihres Mannes zu regieren“, sagt Friederike Drinkuth. So blieb zum einen die Ordnung gewahrt und ihr zum anderen die Handlungsfreiheit. In dem Buch beschreibt die Autorin das Kalkül, mit dem die Herzogin parallel zum Schlossbau die Stadtplanung vorantrieb und dabei ein Vielfaches der Kosten aufwendete, die ein Wiederaufbau in Strelitz gekostet hätte. So machte sie mit ihrem Hang zur Prachtentfaltung auch enorme Schulden.

1732 war das neue Residenzschloss schließlich fertig – und der Machtanspruch und die von Gott gegebene Stellung des Souveräns erneut in Stein gemeißelt. Damit spielte das Fürstenhaus in der Wahrnehmung eine ganz andere Rolle: „Ich bezweifle sehr, dass König Georg III. jemals Prinzessin Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz geheiratet hätte, hätte es in Neustrelitz kein Schloss gegeben“, sagt Friederike Drinkuth.

Neben ihrer Rolle als Bauherrin förderte Dorothea Sophie die Musik. Außerdem wurde am Hof viel Theater gespielt – die Herzogin selbst soll Stücke dafür geschrieben haben. Dazu kamen Maskenbälle und Friederike Drinkuth staunte nicht schlecht, als unter den Kostümen aus dem Nachlass Dorothea Sophies auch eine Maskerade als „Hamburger Bürgermeister“ erwähnt war.

Nach dem Tod ihres Mannes 1752 wurde Dorothea Sophie, deren zwei Töchter bereits früh gestorben waren, auf einen Witwensitz in Fürstenberg an der Havel abgeschoben. Als Regent folgte ein Neffe des Herzogs, Adolf Friedrich IV., der allerdings noch minderjährig war – als Interessenvertreterin ihres Sohnes hatte mit Elisabeth Albertine erneut eine Frau das Sagen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

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