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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Die Heimat immer im Herzen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Klaus Michaelis aus Herren Steinfeld flüchtete mit Mutter und Geschwistern aus Pillau über die Ostsee

svz.de von
erstellt am 04.Mär.2017 | 00:00 Uhr

„Michaelisstraße“ steht auf dem Schild in der Einfahrt des Hauses in Herren Steinfeld. Scherzhaft zeigt es, wer hier zu Hause ist – aber auch, dass Zuhause wichtig ist. Das weiß Klaus Michaelis nur zu genau. Er hat schon einmal seine Heimat verloren: 1939 wurde er im ostpreußischen Methgethen, sieben Kilometer von Königsberg entfernt, geboren. Er ist das dritte Kind der Familie. 1941 und 1942 kommen zwei weitere Brüder zur Welt, die jedoch nur drei und ein Jahr alt werden. Der Vater arbeitet als Lokführer. Methgethen liegt an der Eisenbahnstrecke nach Pillau und Ernst Michaelis fährt hier eine kleine Rangierlok.

Wenn sich Klaus Michaelis heute an die Zeit in Ostpreußen erinnert, denkt er an hohe Kiefern und Blaubeersträucher. Sie säumen die Waldparzelle, auf der sich Ernst und Anna Michaelis Anfang der 1940er-Jahre ein Häuschen bauen. Als gelernter Maurer macht der Vater alles selbst. Neben dem Haus errichtet er einen Erdbunker, in dem die Familie Schutz sucht, wenn in Königsberg die Sirenen heulen und der Himmel über der Stadt rot ist.

Längst sind die leichten Tage vorbei, an denen der Vater den Kindern eine Schaukel in die Bäume hängte und sich sein erstes Moped kaufte. „Es war eine Wanderer 98, und er war sehr stolz. Aber er hatte nicht lange etwas davon. Das Moped wurde fürs Militär abgeholt und Vater erhielt das Versprechen: Wenn wir den Krieg gewonnen haben, bekommst du einen Volkswagen“, erzählt Klaus Michaelis.

Statt in ein Auto setzt Ernst Michaelis seine hochschwangere Frau und die drei Kinder Herold, Helga und Klaus im Januar 1944 in einen Güterwaggon und fährt sie mit seiner Rangierlok nach Pillau. Von dort sollen sie mit dem Schiff über die Ostsee flüchten. Der Vater bleibt in Ostpreußen, gebunden von seinem Dienst.

Als Anna Michaelis und die Kinder in Pillau ankommen, herrscht Chaos. Tausende Menschen drängen sich im Hafen. Wer auf ein Schiff will, muss sich einen Registrierschein holen. „Als meine Mutter den Schein hatte, war das Schiff überfüllt und wir kamen nicht mit“, erzählt der Herren Steinfelder.

Weil die Mutter hochschwanger ist, nimmt die Besatzung eines Minensuchbootes die Familie bis Swinemünde mit. Von dort macht sich die Familie nach Heringsdorf auf den Weg. Dort werden Mutter und Kinder getrennt. Die drei Kinder erreichen mit dem Zug Rehna und kommen dort ins Kinderheim. Die Mutter bringt in Boltenhagen das Baby zur Welt. Es ist ein Junge, Eckhard. Er stirbt nach wenigen Wochen. Von Rehna werden die Geschwister in ein anderes Heim gebracht. Klaus hat keine lange Hose, nur eine kurze und Strümpfe, die an einem Leibchen befestigt werden. Er friert viel. Eines Morgens sind seine Strümpfe verschwunden – gestohlen. Die Mutter hat inzwischen im Forsthaus in Rehna ein Zimmer bekommen und macht ihre Kinder ausfindig. Der Besitzer des Hauses hat einen Transporter und holt Herold, Helga und Klaus im Kinderheim ab. „Wir wurden empfangen wie frisch geboren“, kann sich Klaus Michaelis noch heute an diesen freudigen Tag erinnern.

In der Nähe des Hauses in den Benziner Tannen schlagen die Russen Holz. Nachts schlagen sie mit Gewehrkolben gegen die Tür und suchen die Mutter. Den Ruf „Wo Matka“ hat Michaelis nicht vergessen. „Unsere Mutter hat sich stets versteckt. Das war nicht einmal, das war zigmal“, sagt er. Später erhalten Mutter und Kinder in einem anderen Haus ein Zimmer unterm Dachboden. „Da habe ich mir eine solche Lungenentzündung geholt, dass bei jedem Husten Blut aus dem Mund kam“, erzählt Michaelis weiter. Nur langsam wird er gesund. Dann ein erneuter Schicksalsschlag: Klaus’ älterer Bruder Herold stirbt im Krankenhaus an einer Dickdarmverschlingung. „Mit dem Pferdewagen wurde er nach Schönberg gebracht, aber dort konnten sie nichts mehr für ihn tun.“ Herold wird nur 14 Jahre alt.

Es ist eine Zeit, in der es an allem fehlt: an Lebensmitteln, Kleidung, medizinischer Versorgung. Klaus und seine Schwester Helga gehen Ähren stoppeln, die Mutter kocht Melde und Brennnessel. Schuhe gibt es im Sommer nicht, im Winter sind es Holzschuhe und später welche aus Igelit.

Die Schule besucht Klaus Michaelis in Rehna. Den mehrere Kilometer langen Schulweg muss er zu Fuß bewältigen. Manchmal ist morgens auch nichts zu essen da. Die Mutter arbeitet in der LPG und versucht, die Kinder so gut es geht durchzubringen. Allein ist es schwer. Auf die Suchanfrage beim Roten Kreuz nach dem Verbleib des Vaters kommt die Sterbeurkunde. „Darin steht, dass mein Vater 1947 in Ostpreußen an Hungertyphus gestorben ist“, sagt der 77-Jährige.

Nach der Schule wird Klaus Michaelis Traktorist bei der LPG und macht später seinen Meister in der Landmaschinenwerkstatt. Er heiratet, drei Söhne werden geboren.

Viel Zeit, an die Vergangenheit zu denken, ist im täglichen Leben nicht. Weil ihn seine Herkunft und die damit verbundene Geschichte aber nicht loslässt, fährt er nach der Wende zu einem Ostpreußentreffen nach Neubrandenburg. Er lernt Menschen kennen, die ein ähnliches Schicksal teilen, setzt Stück für Stück auch Teile der eigenen Biografie wieder zusammen.

2006 fährt Klaus Michaelis zum ersten Mal mit seiner Frau nach Methgethen, das heute zum russischen Oblast Kaliningrad gehört, 2009 folgt eine zweite Reise. Die Rückkehr ist für den Herren Steinfelder sehr bewegend – aus mehreren Gründen. „Das ist jetzt eine ganz andere Welt“, sagt Klaus Michaelis. Ein Teil davon gehört trotzdem immer noch zu ihm. Deshalb hat er Erde eingepackt und in Herren Steinfeld in seinem Garten ausgestreut.  

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