Schule vor 70 Jahren in MV : Die größte Strafe war der Schlagstock

Aileen Langer mit ihrer Uroma
Aileen Langer mit ihrer Uroma

So war es vor rund 70 Jahren in der Schule: KiZ-Reporterin Aileen Langer befragte ihre Uroma.

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11. Mai 2017, 20:45 Uhr

Ich habe meiner Uroma ein paar Fragen zu früher gestellt, sie konnte mir zu ihrer Schulzeit nicht mehr so viel sagen, dafür umso mehr über das Leben von früher. Es ist mir nicht immer leicht gefallen, mir anzuhören, was sie alles erlebt hat, trotzdem finde ich es schön, dass sie mir noch so viel erzählen konnte.

„10 Jahre KiZ“ – anlässlich des Jubiläums unserer Kinder-Zeitung lassen wir heute diejenigen zu Wort kommen, um die es geht: Kinder und Jugendliche. Auf jeder Seite der Printausgabe vom Freitag schreiben Mädchen und Jungen über ein Thema, das sie bewegt. Mit dabei: die Redaktion der Schülerzeitung „Knuutsch“ der Schweriner Werner-von-Siemens-Schule, die gerade als beste Schülerzeitung von Regionalschulen in MV ausgezeichnet wurde. Die jungen Reporter haben in unserer Redaktion mitgearbeitet.

Wann bist Du in die Schule gekommen?
Ich kam am Geburtstag von Hitler, dem 20. April 1945, in die Schule. Alle standen auf dem Schulhof und haben den Hitler-Gruß gemacht, wir sollten das auch tun.

Waren viele Kinder in einer Klasse?
Die Schule bestand aus zwei Räumen, 1. bis 4. Klasse teilten sich einen Raum und die 4. bis 8. Klasse. Später wurden dann Baracken gebaut, damit jede Klassenstufe ihren eigenen Raum hatte, die Klassenstufe 7 und 8 mussten sich trotzdem einen Raum teilen.

Gab es eine Kleiderordnung?
Nein, es gab keine Kleiderordnung.

Musste man für die Schule etwas bezahlen?
Nein, musste man nicht.

Mit was für Materialien habt Ihr gearbeitet?
Wir haben auf kleine Tafeln geschrieben. Hefte hatten wir keine.

Welche Strafen gab es früher in der Schule?
Die größte Strafe war der Schlagstock. Wenn man frech war oder man eine Antwort nicht wusste, wurde man direkt geschlagen.

Was habt Ihr nach der Schule gemacht?
Nach der Schule sind wir erst einmal nach Hause gegangen, dort mussten mein Bruder und ich meiner Mutter helfen oder mit dem Hund Gassi gehen. Wir haben aber auch viel mit den Nachbarskindern gespielt, sind in den Wald gegangen und haben viel Spaß gehabt.

Welche Unterschiede gibt es Deiner Meinung nach zwischen früher und heute?
Heute ist alles anders. In der Schule wird man ganz anders behandelt, jede Klasse hat ihren eigenen Raum und niemand wird mehr geschlagen. Man muss nicht mehr mit der Angst leben, dass jeden Moment der Krieg ausbricht.

Hintergrund

Mit neun Jahren mussten meine Uroma und ihre Familie Vorpommern verlassen, weil die Russen kamen und der Krieg ausgebrochen war.

Sie erzählte mir, dass sie, ihr Bruder und ihre Mutter mit dem Fahrrad geflohen sind. Ihr Vater war in Gefangenschaft. Sie hatten auch ihren Hund dabei, aber der wurde später erschossen. Sie kann sich noch genau daran erinnern, wie ein Soldat gesagt hat: „Wenn Sie weitergehen, muss ich Sie erschießen“. Meine Uroma blieb stehen. Der Soldat meinte, dass sie die Gegend nicht verlassen dürfen, sondern weiter in die Stadt gehen sollten. Hätten sie nicht auf den Soldaten gehört, würden sie heute nicht mehr leben.

Als der Krieg zu Ende war und sie zurück in ihre Stadt kamen, lag alles in Schutt und Asche. Alle Häuser waren abgebrannt und überall lagen die verbrannten Nachbarn. Als ihr Vater aus der Gefangenschaft zurückkam, haben sie sich in Schwerin ein neues Leben aufgebaut. Ihr Vater hat eine Molkerei übernommen und Uroma ging wieder ganz normal zur Schule und hat ihren Abschluss nach der 8. Klasse gemacht.

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