Brigitte Birnbaum : Die Geschichtenerzählerin

Die Schriftstellerin Brigitte Birnbaum feiert ihren 80. Geburtstag.
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Die Schriftstellerin Brigitte Birnbaum feiert ihren 80. Geburtstag.

Die Schweriner Schriftstellerin Brigitte Birnbaum hat in ihrem Leben viel Glück gehabt und fast immer die richtigen Leute getroffen

svz.de von
19. Mai 2018, 00:00 Uhr

Nein, diesen runden Geburtstag wird sie nicht groß feiern. Und Memoiren wird es von der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbuch-Autorin auch nicht geben. Wer mehr über die im damaligen Elbing geborene und in der Hochzeitskirche ihrer Eltern in Königsberg getaufte Brigitte Birnbaum wissen möchte, der erfährt es in ihren mittlerweile 26 Büchern mit einer Gesamtauflage von 1,2 Millionen Exemplaren, am meisten in ihrem vielleicht persönlichsten Buch, den 1996 im Demmler Verlag veröffentlichten „Annäherungen an Ernst Barlach“. Deren erste fiel auf einen Maitag des Jahres 1960 in Güstrow. Damals lagen eine glückliche Kindheit, eine mehr als verstörende Flucht aus Ostpreußen und die glückliche Familienzusammenführung am 30. April 1945 in Gadebusch schon anderthalb Jahrzehnte hinter ihr.

Ihre Vertreibung aus Elbing, wo sie seither nie wieder gewesen ist, geschah in der Nacht vom 23. zum 24. Januar 1945 auf Befehl deutscher Wehrmachtssoldaten. „Raus, raus. Alle raus. Sie müssen die Wohnung sofort verlassen. Elbing wird ab heute Kriegsschauplatz.“ Kriegsschauplatz. Ein ungewöhnliches, böses Wort. Aber der Wörtersammlerin Brigitte hat es sich eingebrannt, bis heute.

In Gadebusch gab es Diskussionen über den künftigen Beruf der ältesten Tochter. Sie wollte Journalistin werden, ihr Vater, dass sie Medizin studiert. Der Kompromiss war die Ausbildung zur Apothekenhelferin, die sie in Gadebusch begann. Ordnung hatte sie schon von ihrem Vater gelernt, Genauigkeit lernte sie in den Apotheken von Gadebusch, Hagenow und Schwerin – ein winziger Fehler könnte in diesem Beruf ein Menschenleben kosten. Diese Genauigkeit beansprucht Brigitte Birnbaum bis heute auch in ihrem literarischen Beruf. Später verfasste sie auch mehrere Bücher über den schreibenden Apotheker Theodor Fontane, unter anderem über „Fontane in Mecklenburg“. Ein ganz neues, „Theodor Fontane – landauf, landab“, ist im Westentaschenformat im Thüringer RhinoVerlag Ilmenau kurz vor dem Druck.

Auch ihr eigenes Schreiben begann mit Artikeln für die Presse. Ihr erster Zeitungstext war 1956 eine Filmrezension der damaligen französischen Verfilmung von Stendhals „Rot und Schwarz“ mit Gerard Philipe in der Hauptrolle. Ihre Filmkritik konnte aber nur mit der abgekürzten Autorenangabe „von Brigitte B.“ erscheinen, da sie damals noch keine 18 Jahre alt war und eigentlich zu diesem Film gar nicht ins Kino am Markt gedurft hätte. Dennoch war dieser Text der Startschuss für viele weitere in der SVZ und im „Mecklenburg-Magazin“, wo sie ihre Bücherkiste mit literarischen Kostbarkeiten öffnete.

Ihr erstes Buch, „Bert, der Einzelgänger“, erschien 1962 im DDR-Kinderbuchverlag. Vor allem aber hat sich die Absolventin des Leipziger Literaturinstituts „Johannes R. Becher“ in ihren Büchern für Kinder und Jugendliche immer wieder Künstlerpersönlichkeiten zugewandt: Barlach, Kollwitz und Heinrich Zille, aber eben auch Fontane und Alexander Puschkin. Bei einem Jubiläum des berühmten russischen Dichters hatte die Verbandsfunktionärin die Ehre, den DDR-Schriftstellerverband offiziell in der Sowjetunion zu vertreten, Blumen am Schauplatz seines tödlichen Duells nahe St. Petersburg niederzulegen, eine Rede zu halten, und sie durfte sich über einen charmanten Handkuss freuen – von Puschkins Urenkel, der als Setzer in einer Moskauer Druckerei arbeitete.

Etwas ist von Anfang an gleich geblieben. Bis heute besitzt Brigitte Birnbaum weder Handy noch PC, schreibt noch immer zuerst mit der Hand: „Ich brauche den leeren Bogen Papier und einen Bleistift.“ Dann tippt sie das Geschriebene per Schreibmaschine ab, manchmal noch mit der während ihrer Hagenower Zeit gekauften „Optima“. Die 400 Mark dafür waren damals sehr viel Geld, und da sie nicht so viel hatte, borgte ihr Benno Voelkner diese Summe. Der Schriftsteller gehört zu den Menschen im glücklichen Leben von Brigitte Birnbaum, von denen sie sagt, dass immer jemand da gewesen sei, der ihr weitergeholfen habe. Dazu gehört auch die Verlegerin Gisela Pekrul. Gerade hat die Chefin der Edition digital in Godern sich und der Autorin eine große Freude gemacht und sechs Geschichten und ein Märchen unter dem gemeinsamen Titel „Der Kuckuck im Auto“ herausgebracht.

Nein, diesen runden Geburtstag wird sie nicht groß feiern. Und Memoiren wird es auch nicht geben. Wer mehr von ihr wissen will, der lese den „Kuckuck“ und warte auf das zu Fontanes 200. Geburtstag 2019 erscheinende Westentaschenformat, worin die Apothekerin und Schriftstellerin Brigitte Birnbaum auch alle Apotheken vorstellt, in denen ihr doppelter Berufskollege je gearbeitet hat.

 

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