Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Deutsche Flüchtlinge in dänischen Lagern

„Die Kleine Meerjungfrau“: Die Zeichnung des Kopenhagener Wahrzeichens stammt von Margrit Reischs Schwester Heidi.
„Die Kleine Meerjungfrau“: Die Zeichnung des Kopenhagener Wahrzeichens stammt von Margrit Reischs Schwester Heidi.

Zwischen 1945 und 1949 waren bis zu 250 000 Deutsche hinter Stacheldraht interniert

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10. Dezember 2016, 00:00 Uhr

Fast vier Jahre lang lebten Margrit Reisch, ihre Mutter und die drei Geschwister in einem dänischen Lager. Damit gehörte die Plauerin zu den rund 250 000 Deutschen, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges auf der Flucht über die Ostsee Dänemark erreicht hatten. „Nicht in den schrecklichen Kessel Deutschland, nein, in den Frieden, in die Ruhe!“ Das hatte Margrit Reischs Mutter Anne-Lotte Schultz-Gora in ihren Lebenserinnerungen geschrieben – es waren ihre Gedanken, als sie davon erfuhr, dass das Schiff Kurs auf Kopenhagen nehmen würde.

Am 26. März 1945 erreicht Anne-Lotte Schultz-Gora mit ihren Kindern Heidi, Harro, Margrit und Elke die dänische Hauptstadt. Hier werden Mutter und Kinder in einer Schule untergebracht, zusammen mit 15 anderen Menschen teilen sie sich ein Klassenzimmer.

Dänemark ist zu diesem Zeitpunkt von deutschen Truppen besetzt. Die Ankunft der Flüchtlinge empfinden viele Dänen als weitere Okkupation. Das Land mit rund vier Millionen Einwohnern beherbergt im Mai 1945 knapp eine Viertelmillion Menschen, denen aus Ost- und Westpreußen, Danzig und Pommern die Flucht über die Ostsee gelungen ist. Als die deutschen Truppen am 5. Mai 1945 in Dänemark kapitulieren, werden diese Menschen zum Spielball unterschiedlicher Interessen.

Das Deutsche Reich liegt in Trümmern, Städte sind zerbombt, die Versorgungslage katastrophal. Also entscheiden die Alliierten, die Flüchtlinge zumindest den nächsten Winter über in Dänemark zu lassen. Das kleine Land muss die Menschen versorgen. Das tun die Dänen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. „Es ist eine große Leistung, dass sie uns so lange durchgefüttert haben“, sagt Margrit Reisch heute. Meist war die zugeteilte Kalorienmenge pro Tag zu diesem Zeitpunkt sogar höher als in Deutschland – wenn auch die Zustände in den 1100 dänischen Lagern sehr unterschiedlich waren. Das beschreibt auch Anne-Lotte Schultz-Gora, die mit ihren Kindern in fünf verschiedenen Lagern untergebracht war, darunter in dem größten in Oksbøl an der Westküste Jütlands mit zeitweise bis zu 35 000 Insassen.

In den Lagern lebten die Deutschen hinter Stacheldrahtzäunen, von bewaffneten Soldaten auf Patrouillengängen bewacht. Zum Teil geschah das zum Schutz der Flüchtlinge: Nach der jahrelangen Besatzung war die Stimmung im Land gegen die Deutschen. Aber der Kontakt zu den Einheimischen war auch nicht erwünscht, die Menschen sollten sich nicht einleben. Deshalb gab es keinerlei Bemühungen, sie Dänisch lernen zu lassen, die Pflege der deutschen Kultur wurde dagegen sogar gefördert.

Schwierig war die medizinische Versorgung. Zwar wurden die Flüchtlinge geimpft, trotzdem war die Kindersterblichkeit in den Lagern vor allem in der Anfangszeit sehr hoch. Besonders viele Säuglinge und Kleinkinder überstanden die Strapazen nicht.

Im November 1946 erlaubte zuerst die britische Besatzungsmacht die Einreise von deutschen Flüchtlingen aus Dänemark in ihre Zone: Wer eine Unterkunft bei Freunden und Verwandten nachweisen konnte, durfte nach Deutschland kommen, 1947 zogen die anderen Besatzungszonen nach. „Wir hatten aber niemanden, der eine Familie mit fünf Personen aufnehmen konnte, also blieben wir bis Dezember 1948 in Dänemark“, sagt Margrit Reisch. Sie erinnert sich, wie alle Familienmitglieder halfen, das Leben zu meistern. „Meine Mutter und meine älteste Schwester haben als Lehrerinnen gearbeitet, dadurch ging es uns etwas besser“, erzählt die Plauerin und fügt hinzu: „Auf dem Foto, das im Flüchtlingslager in Kopenhagen entstand, sind wir ganz ordentlich angezogen. Kleidung für die Flüchtlinge haben damals die Amerikaner geschickt.“ Erst im Februar 1949 verließen die letzten deutschen Flüchtlinge Dänemark.

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