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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Der weite Weg in die neue Heimat

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Günther Montkowski erlebte in Mecklenburg, wie Alteingesessene und neu Hinzugezogene zusammenfanden

Es dunkelte bereits, als unser Sonderzug die Fahrt verlangsamte und schließlich mit quietschenden Bremsen in einem größeren Bahnhof zum Stehen kam. Auf einem Schild war zu lesen: Rostock Hbf. Wir hatten auf unserer tagelangen Fahrt viele Bahnhofsnamen gelesen. Danzig, Neustadt, Lauenburg. Stolp, Schlawe, Köslin, Cammin, Swinemünde, Anklam, Greifswald, Stralsund sind mir noch im Gedächtnis. Besonders Swinemünde wird mir in Erinnerung bleiben. Beim Halt im Bahnhof feuerten Tiefflieger in Waggons mit Frauen und Kindern und Verwundeten. Rostock erschien uns in tiefstem Frieden. Doch die Ruinen und Trümmer in der Stadt erinnerten uns daran, dass der Krieg auch hier gewütet hatte. Mutter stieg als Erste aus und hob die kleine Schwester aus dem Zug. Ich stolperte mit dem kleinen Köfferchen hinterher. So betraten wir am 3. März 1945 den Boden des Gaues Mecklenburg.

Mutter fragte einen Mann mit auffallender Armbinde, wo und wann wohl ein Zug nach Lalendorf fahre. Danach eilten wir treppab und treppauf zum nächsten Bahnsteig. In letzter Minute fanden wir noch Plätze in einem Wagen 3. Klasse und rollten der vorläufigen Endstation entgegen. Nicht weit von dieser Bahnstation lebte Mutters Schwester, Tante Marie.

Im überfüllten Warteraum mühte sich spärliches Licht, den Qualm zu durchdringen. Mutter fand den Weg zur Theke und bat den Wirt, mit Mamerow telefonieren zu dürfen. Der Gutsherr persönlich versprach, uns am nächsten Morgen mit dem Milchwagen abholen zu lassen.

Er hielt Wort. Im ersten Morgengrauen kam eine ältere Frau in den Warteraum, die Tante Marie. Die Schwestern lagen sich weinend in den Armen. Sie hatten einander Jahrzehnte nicht gesehen. Tante Marie bewohnte eine Tagelöhnerwohnung. Aber die Stuben kamen uns wie ein Palast vor. Denn auf unserer Flucht aus Ostpreußen hatten wir Herberge nur in verlassenen Häusern, in der engen Koje eines Dampfers oder im Eisenbahnabteil gefunden. Auf dem Herd dampften Kartoffeln für Tante Maries Schweine. Trotzdem griffen wir heißhungrig danach. Sie waren für uns seit Köslin die erste warme Mahlzeit.

Bald krochen wir Kinder todmüde in pralle richtige Federbetten. Die wochenlange Flucht hatte uns derart erschöpft, dass keine Träume kamen. Erst Tage und Wochen später sollte uns die Erinnerung einholen. Die nahen Granateinschläge, das Bersten des zerbombten Eises beim Fußmarsch über das Frische Haff, das Pfeifen der Geschosse aus den Bordkanonen der Tiefflieger rissen uns noch oft jäh aus dem Schlaf. Ein Hahnenschrei weckte uns am nächsten Morgen. Es dauerte lange, ehe wir begriffen, wo wir uns befanden. Von der guten Stube her drangen leise Gespräche zu uns. Mutter schilderte unseren Weg von Zuhause bis hierher. Wir Kinder machten Katzenwäsche und setzten uns an den Tisch. Wunder über Wunder! Ein warmes Frühstücksei, richtige Butterstullen mit Wurst belegt, Milch, so viel wir wollten – unser erstes Frühstück in der fremden Welt.

Gegen Mittag brachte der Oberschweizer eine Kanne Milch. Der Herr hatte ihn angewiesen, uns, die ersten Flüchtlinge im Gutsdorf, täglich mit einem Liter Milch zu versorgen. Der nächste Gast war die Frau des Gutsherrn. Sie erkundigte sich nach dem Woher und war an unserem Befinden interessiert.

Ich ging auf Erkundung. Hinter manchem Fenster tauchten gleich mehrere Gesichter auf. Nachbars Kinder besahen sich aus der Nähe den Neuling. Sie umringten mich. Sie redeten miteinander. Aber oh weh! Ihre Sprache verstand ich nicht. Ein Gespräch mit mir kam nicht zustande. Doch als die Großen und Kleinen begriffen, dass ich sie nicht verstand, plapperten sie um so eifriger mit fremder Zunge und krümmten sich vor Lachen. Ihr Interesse ließ schließlich nach. Ich blieb allein. Mein Entschluss stand fest: Diese Sprache lernst du!

Immer mehr wuchs in uns die Erkenntnis, sich dem Schicksal ergeben, in der völlig neuen Welt uns häuslich einrichten zu müssen. Wir hatten es dabei leichter als viele der Flüchtlinge in Mamerow und anderswo. Denn die Tante hatte uns gern aufgenommen. Hunger blieb uns unbekannt. Dank der Fürsorge der Tante war der Tisch zwar mit Hausmannskost gedeckt, aber wir konnten uns satt essen. Nicht jeder Flüchtling hatte das Glück, sich keine Sorge um das tägliche Brot machen zu müssen. Selbst im Quartier im Hause eines der Großbauern mussten die Neuen bei überreichen Vorräten in Keller und Kammer mit den Rationen auf der Lebensmittelkarte auskommen. Nahezu täglich kamen neue Flüchtlinge hinzu.

Wir Kinder wuchsen rascher in die neue Welt hinein. Bald konnte man nur noch an der Sprechweise und mit Mühe unterscheiden, ob da die Grete aus Ostpreußen lauthals auf einen Jungen aus dem Dorf schimpfte oder Liesbeth aus Breslau den Mädchen das Rezept für das Schlesische Himmelreich verriet. Erst als die Läuse von den Marjellchens auch die langen Zöpfe der Dierns besiedelten, wurde das gemeinsame Spielen von den Eingesessenen kritisch beäugt. Nach einigen Tagen hatten sich bei den Eltern die Wogen geglättet, und es waren einheimische und Flüchtlingskinder am Kopf gleich gekleidet. Sie alle trugen einen Turban, aus dem es nach Petroleum roch. Gegen die Kleiderläuse half nur das Abkochen der Wäsche. Man saß derweil mit dem Schlüpfer bekleidet in der Stube. Denn wir hatten die Flucht mit einer Garnitur Kleidung beendet. Die Kinder der Alteingesessenen staunten sowieso, dass ich täglich in Schihosen mit Trainingspullover umherging. Aber keiner der Flüchtlinge konnte damals eine Modenschau veranstalten, auch manche der Einheimischen nicht.

Als dann gegen Ende April 1945 wir Flüchtlinge noch einmal, aber dieses Mal mit den Einheimischen gemeinsam, uns im nahen Wald vor den Russen versteckten, durchlebten wir das gleiche bittere Schicksal. Das mag auch den Ausschlag gegeben haben, dass die Neuen und die Ureinwohner des Dorfes Mamerow sich näher kamen, wenig später so nahe, dass die Marjell aus Ostpreußen den Sohn des Großbauern heiratete und Mieken aus Mamerow Werners Frau wurde. Der Bräutigam war in Oppeln zur Schule gegangen.

Ich kann froh und glücklich sein, nach dem Verlust der Heimat und einer entbehrungsreichen Flucht in einer neuen Heimat angekommen zu sein.

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