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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Der Weg durch die Hölle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Siegfried Klein aus Parchim erlebte als Kind die Flucht übers Frische Haff, wurde Zeuge einer Hinrichtung und überstand grausame Hungerzeit

Es sollte ein ganz gewöhnlicher Fernsehabend werden. Siegfried Klein aus Parchim hat es sich mit seiner Frau bequem gemacht. Doch dann läuft da diese ZDF-Dokumentation von Guido Knopp. „Die große Flucht“. Sie zeigt das gigantische, von Hitlers Krieg verursachte Leid. Wie auf Unrecht neues Unrecht folgt und bei Kriegsende die grausame Vertreibung der deutschen Bevölkerung in den Ostgebieten beginnt. Siegfried Klein schießen die Tränen in die Augen. Alles gerät ins Wanken. Ihm fallen die jahrelangen Albträume ein, die ihn als Kind und Jugendlichen verfolgten. An diesem Abend im Jahr 2005 beschließt Siegfried Klein, seine eigenen Erinnerungen und die der Mutter, über die sie erst im Alter mit ihm sprach, auf Papier zu bringen.

Siegfried Klein ist vier Jahre alt, als seine Kindheit plötzlich auf den Kopf gestellt wird. Er lebt in Ostpreußen, nördlich von Masuren. Sein Vater befindet sich in russischer Gefangenschaft. Der kleine Siegfried spürt die Hektik der Erwachsenen, die mit Tränen in den Augen Radio hören. Unter der Regie des Großvaters wird in einem naheliegenden Hohlweg ein Schneebunker gebaut. „Wir Kinder empfanden diesen Bau als äußerst romantisch, zumal mehrere Familien Schutz fanden und dort auch schlafen konnten.“

Doch Siegfrieds Mutter wird unruhig. Sie packt und darf sich einem deutschen Soldatentransport anschließen. Wenige Tage später werden der zurückgebliebene Großvater und viele Nachbarn von der sowjetischen Armee nach Sibirien verschleppt. Da befindet sich der kleine Siegfried mit seiner Schwester und seiner Mutter schon mit Hunderten anderen Flüchtlingen auf dem zugefrorenen Frischen Haff. Er durchlebt die Hölle. Tiefflieger zerfetzen Menschen um ihn herum. Komplette Pferdetransporte verschwinden im Haff. Das Eis ist überschwemmt mit Wasser. Die Überlebenden legen die letzte Strecke des Weges im eiskalten Nass zurück.

Angekommen an der Frischen Nehrung ist Siegfrieds Mutter auf sich gestellt. Trotz Ansturms auf die wenigen Schiffe verschafft ihr ein Fluchthelfer einen Platz auf einem Schiff, das zu einem Konvoi gehörte. In Danzig, heute Gdansk, verbringen sie ihre Nächte in Luftschutzkellern. Reflexartig lernt der kleine Siegfried, sich während der vielen Bombardierungen auf den Boden zusammenzukauern, die Ohren zuzuhalten und den Mund aufzumachen. Eines Tages stürmen die ersten Russen mit vorgehaltener MPi den Bunker. In ihm befinden sich auch viele verletzte Soldaten, deren Schreien der kleine Siegfried bis heute nicht vergessen hat. „Zu meinen Schlüsselerlebnissen“, schreibt er, „gehörte die Erschießung eines älteren Mannes ... Nach lautstarken Beschimpfungen in Russisch musste sich dieser Mann mitten in den kleinen Bunkerraum knien. Danach wurden alle gezwungen, um ihn einen Kreis zu bilden. Dann mussten auch wir Kinder miterleben, wie der Mann mit einer Salve hingerichtet wurde.“

Der Weg durch die Hölle geht weiter. Die Mutter macht sich zu Fuß auf in das 130 Kilometer entfernte Heimatdorf. Sie leiden Hunger. Eines Tages findet die Mutter ein altes Stück Brot. Die Schwester hält es in den Händen und bestaunt es. „In diesem Moment“, erinnert sich der Parchimer, „wurde ihr der Brotkanten von einem älteren, herumstreunenden Mann entrissen, was von einem anderen Mann beobachtet wurde. Anschließend schlugen sich beide Männer um diesen Kanten.“

Unterwegs begegnet der kleine Siegfried aber nicht nur „Monstern“. Er schreibt: „Es gab unter dem sowjetischen Militär auch Menschen mit Herz … viele bescheidende und lebensbejahende Menschen, die sich durch Kinderfreundlichkeit auszeichneten… Bedingt durch ihre Erlebnisse mit dem deutschen Militär und aufgeputscht durch den Stalinismus hatten sie allerdings mehr schwarze Schafe unter sich, als es ihnen selber lieb war. Außerdem konnten sich die kriminellen Elemente, die es in jedem Volk gibt, weitgehend ungehindert austoben.“

Inzwischen hat es die kleine Familie nach Raunau, Kreis Heilsberg, geschafft. Es ist der Heimatort der Mutter und die Großmutter nimmt sie herzlich auf. Siegfried, der an Typhus erkrankt und vollständig unterernährt ist, schläft tagelang. Die Haare sind ihm ausgegangen. „In Raunau, stellt Siegfried Klein später fest, „mussten 20 Prozent der Bevölkerung dieses Dorfes infolge des Zweiten Weltkrieges unschuldig ihr Leben lassen ... ähnlich sah es auch in den anderen Orten aus.“

Im Herbst 1945 wird die deutsche Bevölkerung aufgefordert, ihre Heimat in Richtung Westen zu verlassen. Die Mutter weigert sich. Sie hat Angst, dass der Vater sie bei seiner Rückkehr nicht wiederfindet. Doch die Zwangsräumungen beginnen und sie landen im Armenhaus von Raunau. Dann ist es endlich soweit. Im Juni 1947 geht ein Transport von deutschen Aussiedlern nach Sachsen. Familie Klein ist dabei. In Pirna angekommen, treffen sie den Vater wieder. Für Siegfried ist er ein fremder Onkel. Der Vater ist inzwischen in Suckow bei Parchim gelandet.

Die Bahnreise nach Mecklenburg hat Siegfried Klein in wunderbarer Erinnerung. „Es war für uns Kinder wie ein Märchen… wir waren glücklich, wieder beisammen zu sein und träumten von einer gemeinsamen Zukunft.“ Und die haben sie auch. Siegfried geht gern zur Schule, er liebt die Pferde und genießt die Natur.

Über seine Kriegserfahrungen spricht der Vater kaum. Einmal belauscht ihn Siegfried bei einem Streitgespräch mit einem katholischen Pfarrer. Die Worte gegenüber dem Geistlichen vergisst er nie: „Wenn Sie nur annähernd das erlebt hätten, was ich als Frontsoldat und Kriegsgefangener erleben musste, würden Sie heute auch am lieben Gott zweifeln, so viele Tote, wie ich in Sibirien begraben musste, kann ein lieber Gott nicht verantworten, wenn es ihn geben würde.“  

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