Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Der tägliche Kampf ums Überleben

Schulkinder von Weitendorf in den ersten Jahren nach dem Krieg – es sind fast alles Flüchtlingskinder. 1. Reihe von unten, 1.v.r. Erich Pürschel, 2. Reihe von unten, 3.v.r Helga Pürschel  Fotos: privat
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Schulkinder von Weitendorf in den ersten Jahren nach dem Krieg – es sind fast alles Flüchtlingskinder. 1. Reihe von unten, 1.v.r. Erich Pürschel, 2. Reihe von unten, 3.v.r Helga Pürschel Fotos: privat

Otto Pürschel aus Güstrow floh mit seiner Familie aus Ostbrandenburg bis ins mecklenburgische Weitendorf

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01. Juli 2016, 00:00 Uhr

Es ist nun schon einige Jahre her, als mir meine Enkeltochter Stefanie ein Buch schenkte mit dem Titel: „Opa, erzähl mal“. Es war kein Buch zum Lesen, sondern ein Buch zum Schreiben. Ich sollte die Erinnerungen meines Lebens aufschreiben. Da waren Fragen vorgegeben wie: „Was habt ihr abends zu Hause gemacht? oder „Was war dein schönster Tag?“ Für jede Frage waren einige Zeilen vorgesehen. Das war mir zu wenig. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, die Erinnerungen an meine Kindheit zu Papier zu bringen.

So fing ich an zu schreiben, zuerst nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, in Gedanken. Ich schrieb mit Bleistift viele A4-Bögen voll, sehr viele. Und meine Enkeltöchter Cathleen und Stefanie machten dann die Reinschrift. Zuerst sollte es nur ein Bericht über die Zeit der Vertreibung werden. Aber dann wurde es mehr. Ich schrieb über unser Haus, unser Dorf, meine Heimat, über all das, was uns durch die Vertreibung genommen wurde.

Mein Heimatort Schermeisel gehörte zum Kreis Ost-Sternberg. Die Kreisstadt war Zielenzig und lag zehn Kilometer in westlicher Richtung von Schermeisel entfernt. Die nächstgrößeren Städte waren Frankfurt an der Oder, 50 Kilometer Luftlinie in westliche Richtung, und Landsberg an der Warthe, 40 Kilometer Luftlinie in nördlicher Richtung entfernt.

Im Jahre 1939 hatte das Dorf 1640 Einwohner. Unsere Gegend gehörte zur Neumark, das war ein östlich an der Oder gelegener Teil der Mark Brandenburg. Am 1. September 1939 begann der Krieg und mein Vater wurde eingezogen. Bei Coburg kam er am 13. April 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Über viele Gefangenenlager, immer in Richtung Atlantikküste, war seine letzte Station Chartres in Frankreich. Dort starb er am 30. Dezember 1945 und liegt in Andilly, südlich von Metz, auf einem Soldatenfriedhof mit weiteren 33 000 deutschen Soldaten begraben. Zweimal war ich dort und habe eine Handvoll Erde vom Grab meiner Mutter mit einer Handvoll Erde von seinem Grab getauscht.

Im Januar 1945 war ich 13 Jahre alt. Wir hatten „schwarz“ ein Schaf geschlachtet. Aus Landsberg kam Tante Hedwig, denn sie sollte die Hälfte abbekommen. Ich sollte ihr helfen, das Fleisch nach Landsberg zu bringen. Als ich wieder nach Hause fahren wollte und zum Bahnhof kam, sagte man mir: „Auf dieser Strecke fährt kein Zug mehr, denn die Russen haben die Strecke durchbrochen.“ Was nun? Mir wurde klar, dass etwas Unheimliches bevorstehen musste.

Am Abend des 30. Januar, nachdem wir im Radio die Rede von Joseph Goebbels zum „Tag der Machtübernahme“ gehört hatten, öffneten wir die Tür des Ofens und verbrannten unsere Hitlerjugend-Ausweise. Hat uns jemand dazu aufgefordert? Ich weiß es nicht mehr. Am späten Abend war Kanonendonner zu hören. Das war nicht mehr weit weg. Nachts hörten wir einige Explosionen. Die deutschen Truppen sprengten noch die beiden Warthebrücken. Nun erwarteten wir die Front.

Eines anderen Tages war der Himmel schwarz von Fliegern. Der letzte Angriff auf Berlin begann. Es dauerte nicht lange und die Russen sagten „Wojna kapuut“: Der Krieg ist aus!

Ich kehrte nach Schermeisel zurück. Dann kam der 23. Juli 1945. Der polnische Bürgermeister ritt von Haus zu Haus und sagte: „Morgen haben alle Deutschen um 12 Uhr auf dem Sportplatz zu erscheinen. Jeder darf mitnehmen, was er tragen kann.“ Der 24. Juli kam und wir zogen zum Sportplatz. Wir, das waren meine Mutter Martha Pürschel, geb. am 9. Juli 1907, meine Schwester Friedel , geb. am 4. Dezember 1934, meine Schwester Helga, geb. am 25. Juli 1939 und mein Bruder Erich, geb. am 4. Mai 1941 und ich, Otto, geb. am 28. Oktober 1931.

Dann ging es los. Den Schluss der Kolonne bildete ein Pferdewagen. Darauf hatten die Leute eine sterbende alte Frau gelegt. Auch sie musste mit. Am zweiten oder dritten Tag machte der Treck eine Pause im Wald. Da starb die Schwester von Günter Schönstedt. Rechts vom Weg war eine Fichtenschonung. Ein paar Meter abseits des Weges legten die Leute das tote Mädchen unter die Fichten und deckten abgebrochene Fichtenzweige darüber. Zum Beerdigen war keine Zeit. Der Treck zog weiter. Am dritten oder vierten Tag erreichten wir die Oder bei Göritz. Die Russen hatten eine Brücke aus Baumstämmen über den Fluss gebaut. Bis zu dieser Brücke führten die Polen den Treck. Sie standen vor der Brücke, bis sie auch der letzte Deutsche betreten hatte.

Unser nächstes Ziel war Frankfurt/Oder. Die Stadt war ein Trümmerhaufen und voller Menschen. Die meisten waren Flüchtlinge. Ich bin durch die Straßen gelaufen, in denen die Russen hausten. Die Russen haben ihre leeren Konservendosen durch die Fenster auf die Straße geworfen. Die Reste aus diesen Dosen habe ich zusammengekratzt und gesammelt. Im Lager kam alles in ein Gefäß und aufs Feuer. So haben wir überlebt.

Irgendwann trafen wir Günter Schönstedt wieder. Inzwischen waren auch seine Eltern verstorben und er irrte allein umher. Er blieb bei uns, bis wir im Dezember 1945 in Weitendorf landeten. Schermeisel hatten wir am 24. Juli 1945 verlassen. Während dieser Zeit waren wir immer zu Fuß unterwegs gewesen – zwischen Frankfurt/Oder, Berlin, Schönefeld bei Jüterbog und zurück von einem Flüchtlingslager zum anderen. Die Kleidung, die wir am 24. Juli 1945 trugen, hatten wir auch noch bei der Ankunft in Weitendorf an.

Wenn ich an die Flucht zurückdenke, frage ich mich, wie unsere Mutter uns jeden Tag satt bekommen hat. Richtig muss es wohl heißen: Woher hat sie jeden Tag für uns etwas zu essen geholt? Für unsere Mutter muss es eine fürchterliche Zeit gewesen sein. Wir waren noch Kinder und nahmen die Tage so, wie sie kamen, ohne zu fragen, warum das alles so sein musste. Sie aber hatte uns zu versorgen. Als wir die Heimat verlassen mussten, war sie hochschwanger. Sie brachte unterwegs das Kind zur Welt, das nur einige Wochen lebte und das sie selbst in ein Massengrab legen musste. Als im Dezember 1945 in Weitendorf die Schule wieder begann und damit der Konfirmandenunterricht, sagte meine Mutter: „Da brauchst du nicht hinzugehen, es gibt keinen lieben Gott.“

In der neuen Heimat fühlten wir uns fremd. Nein, ein „Zuhause“ war es nicht, aber ein Dach über dem Kopf. Wir lagen nicht mehr auf der Straße. Dieses neue „Zuhause“ war die ehemalige Schnitterkaserne. Damals war sie voller Flüchtlinge. Später fand ich Arbeit in der Mühle. Vormittags war Schule, aber nachmittags war ich dort. In der Mühle arbeitete ich, bis ich 1949 einen Blutsturz durch Lungentuberkulose bekam.

In den 70er-Jahren bin ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern nach Schermeisel gefahren und habe auch unser einstiges Haus besucht. Wir wurden von den neuen Besitzern vorzüglich bewirtet. Die Leute erzählten uns, dass auch sie Vertriebene waren. Ihre Heimat war Ostpolen, jenes Gebiet, welches infolge des Zweiten Weltkrieges an die Sowjetunion fiel. Ihnen wurde in Schermeisel unser Haus zugeteilt. Sie mussten es vom polnischen Staat kaufen.

2004 war ich ein weiteres Mal in Schermeisel. Ich wollte noch einmal den Friedhof sehen. Das Grab meines Großvaters war nicht mehr zu finden. Dort war nur Gestrüpp. Eine trostlose Landschaft. Traurig verließen wir diesen Ort. Für mich war es wohl das letzte Mal in meinem Leben.

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