Johannes Dörwaldt : Der „Sternberger Wossidlo“

Glückwünsche zu Johannes Dörwaldts 92. Geburtstag
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Glückwünsche zu Johannes Dörwaldts 92. Geburtstag

Johannes Dörwaldt war Heimatforscher und Naturschützer und hinterließ einen gewaltigen Schatz an Sammlungen und Schriften

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05. August 2016, 00:00 Uhr

Lang ist’s her. Vor nunmehr 140 Jahren, am 9. August 1876, wurde Johannes Dörwaldt geboren Mit ihm wuchsen drei Brüder und vier Schwestern im Haus des Sternberger Kantors Karl Dörwaldt und seiner Ehefrau Auguste auf. Auch die Großeltern und eine Tante wohnten mit ihnen zusammen. Ein großer Haushalt also. Johannes Dörwaldt schreibt in seinen Erinnerungen: „Daß unsere Eltern bei ihrem geringen Einkommen ihre liebe Not mit der zahlreichen Kinderschar hatten, ist wohl verständlich.“

So kam es auch, dass Johannes Dörwaldt nicht wie viele seiner Vorfahren Lehrer wurde, sondern durch Vermittlung des Lehrers Tiedemann, der mit Vater Dörwaldt die Schulbank gedrückt hatte, für zwei Jahre dessen Postschule in Kiel besuchte. Dörwaldt resümierte dazu: „Das war meinem Vater sehr recht, denn nun war Aussicht vorhanden, daß ich bald in einen Beruf kommen würde, in dem ich meinen Unterhalt selbst bestreiten könnte, mit 16 Jahren würde ich … Postbeamter werden.“ Das war dann 1892. Er durfte sich nun Postgehilfe nennen.

Als Johannes Dörwaldt 60 Jahre später, 1952 mit sage und schreibe 76 Jahren, seinen Postdienst in Schwerin beendete, hatte er Mecklenburg auch durch seine Dienststellen zwischen Dömitz und Waren, Wismar, Bad Doberan und Ludwigslust kennen gelernt. In seiner beruflichen Arbeit stieg er zum Oberpostinspektor auf. Seit 1912 arbeitete er ununterbrochen in Schwerin. Seine enge Verbundenheit mit Sternberg aber blieb. Sie resultierte nicht nur daraus, dass er dort häufig seine Schwester Marie und seinen Bruder Karl besuchte. Sehr engen Kontakt bewahrte er auch mit seinen Freunden aus Kinder- und Jugendjahren. Das war ihm sehr wichtig, denn es beförderte doch seine Sammlungen und Forschungen zur regionalen Geschichte durch intensiven Gedankenaustausch. Nicht zuletzt war es die enge Verbundenheit mit der heimatlichen Natur, die ihn nach Sternberg zog. Dazu sagt er u.a. selbst: „Hier heww ick as Jung so vel ümhertrollt, sovel erlewt, un jeder Busch un Bom, jede Bucht von de Seen, jeder Graben is mi so vertrugt, un an’t Hart wussen, dat ick nicks dorvon missen müchte …“

Seit seinem Ausscheiden aus dem Postdienst – er war immer noch sehr rüstig – zog es ihn noch häufiger wandernd, sammelnd und forschend in die reizvolle Natur um Sternberg, aber auch an viele für ihn interessante Stätten Mecklenburgs. Nicht nur privat mit Freunden, sondern auch als Mitglied des Kulturbundes war er oft auf Exkursion als sachkundiger Reiseleiter, nahm aber auch Kinder gern auf seine ausgedehnten Wanderungen mit.

Als er im Alter von 95 Jahren starb, hinterließ er einen gewaltigen Schatz an Sammlungen und Schriften, ein punktuell immer wieder bis heute publiziertes Material, insbesondere zur Entwicklung Sternbergs, seiner Geschichte von den geologischen Anfängen bis zur Gegenwart, zu seiner wunderschönen Natur und reichen Kultur.

Mecklenburgische Sagen, Märchen, Gebräuche und Sprichwörter waren eines seiner Sammelgebiete. Neben einer neunbändigen Geschichte der Stadt, die er um 1957 beendete, gibt es dreißig weitere gebundene Schriften und Sammlungen als Manuskripte, viele Fotos, Dokumente und Zeichnungen von ihm, die im Sternberger Heimatmuseum bewahrt werden. Alle Bücher sind von ihm in mühevoller akribischer Arbeit hand- oder maschinenschriftlich verfasst, darunter zahlreiche Sternberger Jahrbücher. Er animierte zu Wanderungen und Reisen durch das Land. Deshalb ist sein Name in den Herzen vieler Sternberger lebendig, für die er Freund und Lehrer war.

Sein Lebenswerk ist so umfassend, dass wir ihn mit Recht den „Sternberger Wossidlo“ nennen dürfen, weil er als dessen Nachfolger durch Forschen und Sammeln das historische Geschehen und das Brauchtum Mecklenburgs in beispielhafter Weise vor dem Vergessen bewahrte. Er wollte den Reichtum der mecklenburgischen Geschichte, seiner Sagen- und Gedankenwelt für nachkommende Generationen erschließen. Das ist ihm in meisterlicher Art gelungen, oft in Plattdeutsch. Ihm ist in den 1960er-Jahren auch die Einrichtung einer Heimatstube mit zahlreichen Exponaten von ihm selbst zu verdanken, woraus sich dann das Sternberger Heimatmuseum entwickelte.

Er war aber nicht nur Sammler, Forscher und Heimatschriftsteller. Die Naturbeobachtung war sein Metier. Als ein früher Naturschützer wandte er sich mit leidenschaftlichem Appell zur Bewahrung der Schöpfung an die Öffentlichkeit. Dieses Denken war ihm schon seit seinen Kinderjahren eigen. Da trauerte er um abgeholzte Bäume oder beobachtete das Verhalten von Tieren sehr genau. In seinen Empfehlungen zum Schutz der Tier- und Pflanzenwelt forderte er die Einrichtung von Naturschutzgebieten und gab Ratschläge für umweltgerechtes Verhalten. Seinen realistischen Zeichnungen von Tieren merkt man diese exakte Naturbeobachtung an.

Die von ihm gezeichnete maßstabgerechte Wandkarte mit allen zu seiner Zeit bekannten Flurnamen der Region, die er der Stadt Sternberg in mehrfacher Ausfertigung schenkte, ist eine Kostbarkeit, die alle Namen aus slawischer Zeit und deutscher Besiedlung, vielfach auch in Plattdeutsch, bewahrt und erklärt.

Mit Johannes Dörwaldt wurde die Stadt Sternberg, die in ihrer Geschichte auf vielfältige Ereignisse mit landesgeschichtlicher Bedeutung verweisen kann, bei der Bewahrung ihres heimat- bzw. landesgeschichtlichen Fundus wahrer Spitzenreiter in Mecklenburg. Bereits 1956 wurde Dörwaldt deshalb zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt ernannt. Immer wieder wurde ihm für seine immense Arbeit ideelle Anerkennung zuteil, 1958 auch mit der Aufbaunadel der Nationalen Front in Gold, die ihm im Auftrag des Rates des Bezirkes vom Sternberger Bürgermeister Horst Rösler für seine verdienst- und hingebungsvolle Arbeit verliehen wurde. Um ihn zu ehren, benannten die Sternberger 1965 die reizvolle Allee am Sternberger See nach ihrem Heimatforscher.

Sternberg ist heute mit seinem mittelalterlichen Grundriss und vielen wunderschön restaurierten architektonischen Denkmalen auch eine ansprechende Museumsstadt. Das Heimatmuseum, ältestes Bürgerhaus der Stadt, soll in nächster Zeit saniert werden.

Dr. Peter Ditz

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