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Jüdisches Leben in Mecklenburg : Der Schauprozess von Sternberg

vom
Aus der Onlineredaktion

Nach dem Pogrom von 1492 verschwand auf lange Zeit das jüdische Leben aus Mecklenburg

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Im Oktober dieses Jahres jährt sich zum 525. Mal der so genannte Sternberger Hostienschänderprozess. In seinem Ergebnis wurden 27 Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt und alle Juden aus Mecklenburg vertrieben. Die Sternberger Kirche wiederum, in der die angeblich geschändeten Hostien ausgestellt wurden, erblühte als Wallfahrtsort. Erst im 18. Jahrhundert siedelten sich wieder jüdische Familien in Mecklenburg an.

Ursachen für die Judenfeindlichkeit im Mittelalter gibt es mehrere. Juden war es untersagt, Ackerbau oder ein zunftmäßiges Gewerbe auszuüben. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich deshalb hauptsächlich als Kaufleute, Pfandleiher und bei Wechselgeschäften. Solche Zins- und Wechselgeschäfte waren Christen bis ins 15. Jahrhundert nach kanonischem Recht verboten. Die Juden beherrschten dieses Geschäftsfeld, bis die Fugger und Welser diese Barriere überwanden und ihre Finanzimperien schufen. Zu den Schuldnern jüdischer Geldverleiher gehörten Bürger, hohe Geistliche, Vertreter des Adels und auch viele Landesherren, die immer wieder versuchten, ihre Gläubiger loszuwerden. Kriege, der Ausbruch von Seuchen und Naturkatastrophen kamen da gerade recht: Immer wieder wurden in solchen Fällen Juden als Verursacher diffamiert und als „Agenten des Satans“ gebrandmarkt. Daraus resultierten bis weit ins Spätmittelalter immer wieder gezielt durchgeführte Judenpogrome, sowohl in deutschen als auch in anderen europäischen Ländern.

Im deutschsprachigen Raum begann Mitte des 14. Jahrhunderts eine besonders grausame Welle der Judenverfolgung. Über Franken, Sachsen und Thüringen erreichte sie 1446 die Mark Brandenburg. Danach wurden auch das Erzbistum Magdeburg, Mecklenburg und Pommern von einer verstärkt antijüdischen Stimmung erfasst. In diese Situation fällt auch das Sternberger Judenpogrom.

Diesem voraus ging eine Diffamierung: 1492 zeigte Peter Däne, Vikar an dem „Altare Aller Heiligen“, den Sternberger Juden Eleasar an. Der Vorwurf: Die Familie und zahlreiche Gäste hätten bei der Hochzeit von Eleasars Tochter geweihte christliche Hostien mit Nadeln durchstochen, bis Blut daraus geflossen sei. Dieser Vorwurf reichte den Mecklenburger Herzögen, um alle Juden in Mecklenburg zu verhaften und einer peinlichen Befragung zu unterziehen. In deren Folge wurden in einem Schauprozess 27 Menschen zum Tode verurteilt und am 24. Oktober 1492 vor den Toren Sternbergs auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das durch Folter erpresste Geständnis einiger Juden, die sogenannte „Urgicht“, wurde als Inschrift auf einer Tafel im Sternberger Rathaussaal aufgehängt, wo sie 1659 durch ein Feuer zerstört wurde. Außerdem mussten alle Juden Mecklenburg verlassen.

In einer Flugschrift, die noch 1492 in Magdeburg gedruckt wurde, wurden alle Fürsten und Städte aufgefordert, Juden zu vertreiben. Nun ging es in Norddeutschland Schlag auf Schlag. Nach den Mecklenburger Herzögen vertrieb auch Bogislaw X., der Herzog von Pommern, seine mit Privileg vom 30. Dezember 1481 namentlich genannten „Schutzjuden“ aus allen Orten. Der Begriff „Schutzjude“ beschreibt die Tatsache, dass sich Juden in Städten nur mit einer Extraerlaubnis des Landesherrn ansiedeln durften. Dieser fungierte dann als Schutzherr und verlangte dafür auch eine entsprechende Schutzgebühr.

Die Stadt Sternberg gedieh nach dem Pogrom von 1492 zum Wallfahrtsort, wo die angeblich geschändeten Hostien in einer Kapelle an der Sternberger Stadtkirche von Pilgern besucht wurden, wobei päpstlicher Ablass für zusätzliches Geschäft sorgte.

In der „Schedelschen Weltchronik“ von 1493 wird der Sternberger Vorgang ausführlich behandelt. Das Ereignis ist aber auch im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert. Der Hügel, auf dem 27 Menschen den Feuertod fanden, wird noch heute als Judenberg bezeichnet. 1922 gab die Stadt „Notgeldscheine“ mit einer Abbildung der Hinrichtung heraus. Deren Bildunterschrift „Der Feuertod der Hostienfrevler zu Sternberg“ lässt allerdings die Vorgeschichte und Folgen und das Ereignis selbst völlig unkommentiert. In der Heiligblutkapelle der Sternberger Stadtkirche erinnert seit 2007 das Kunstwerk „Stigma“ des Bildhauers Wieland Schmiedel an diese düstere Episode der Sternberger Geschichte.

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