Gustav Clodius : Der Mann, der die Vogelbibel schuf

Die Fachgruppe für Ornithologie und Vogelschutz im Altkreis Ludwigslust, die seit 2003 den Namen von Gustav Clodius trägt, nahm das 150. Geburtsjubiläum zum Anlass, ihren Namenspatron im Dorf Camin zu ehren.
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Die Fachgruppe für Ornithologie und Vogelschutz im Altkreis Ludwigslust, die seit 2003 den Namen von Gustav Clodius trägt, nahm das 150. Geburtsjubiläum zum Anlass, ihren Namenspatron im Dorf Camin zu ehren.

Gustav Clodius gilt als einer der hervorragendsten Mecklenburger Ornithologen

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27. August 2016, 00:00 Uhr

Folgt man im Westen Mecklenburgs der Landstraße von Wittenburg nach Vellahn und biegt in dem kleinen Dorf Wulfskuhl rechts ab, erreicht man nach nur wenigen Kilometern das schöne, an dem Flüsschen Schilde gelegene Dorf Camin. Es unterscheidet sich kaum von jenen Dörfern Mecklenburgs, die Fritz Reuter in seinen Werken so treffend beschrieben hat. Ausgangs des Dorfes in Richtung Schildfeld, versteckt hinter Linden, Koniferen und mannshohen Hecken, liegt das Pfarrhaus, Geburts- und über viele Jahre Wirkungsstätte eines der hervorragendsten Mecklenburger Ornithologen – Gustav Clodius.

Am 26. August 1866 wurde Gustav Karl Heinrich Wilhelm Clodius als fünftes von sieben Kindern geboren. Sein Vater, Gustav d.Ä., hatte zu dieser Zeit das Pastorenamt, welches 1765 von Urgroßvater Friedrich in Camin begründet wurde, inne. Es war wohl mehr als eine Fügung des Schicksals, dass Gustav Clodius 30 Jahre später aus den Händen seines Vaters das Amt übernehmen würde, obwohl seine Interessen, wie er später von sich sagte, eindeutig den Naturwissenschaften galten.

Bereits im Kindesalter entfaltete sich die Liebe zur Natur. Er hatte für alles, was ihn umgab, einen wachen Verstand. Oft und gern durchstreifte er die heimatliche Flur, erfreute sich am Vogelgezwitscher im großen Pfarrgarten, half bei der Haltung heimischer Stubenvögel, überhäufte den Vater mit Fragen und ruhte nicht eher, bis sein Wissensdurst gestillt war. In Camin erhielt er den ersten schulischen Unterricht. An seinen Lehrer, Kantor Burgdorf, erinnerte er sich später recht gut, weil dieser hervorragend präparieren konnte und er dessen „ausgestopfte Vögel“ stets bewundert hatte. Mit zwölf Jahren kam Clodius aufs Gymnasium Fridericianum Schwerin, das er zu Michaeli 1886 mit „rühmlicher Auszeichnung“ verließ. Im Oktober begann er, dem Wunsche des Vaters gehorchend, das theologische Studium an der Universität Rostock. Es folgten Erlangen, Greifswald und wieder Rostock. Die seit seiner Kindheit vorhandene Vorliebe für die Vogelwelt war sein ständiger Wegbegleiter. Bereits als Oberprimaner und später als Student suchte und fand er den Weg zu Gleichgesinnten und knüpfte Freundschaften, die ihn ein Leben lang begleiteten. Er fand sie im „Verein der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg“, dem er 1886 beitrat. Seine erste ornithologische Mitteilung erschien im „Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg “, der bald in regelmäßigen Abständen weitere Beiträge folgen sollten.

Die Rostocker Zeit nutzte Clodius sehr intensiv, um sich mit der See- und Wasservogelwelt vertraut zu machen. Nach dem Studium betrieb Clodius seine ornithologischen Studien eifrig weiter, die mehr und mehr landesfaunistische Orientierung gewannen. 1896 trat er die Nachfolge seines Vaters an und übernahm das Pastorenamt in Camin. Ein Jahr zuvor hatte er Ida Zuberbier geheiratet, die er im Hause seiner Eltern kennenlernte. Sie starb 1909 an einer schweren unerklärlichen Krankheit. Später ehelichte er deren Schwester Adolfine, die seit der Krankheit seiner ersten Frau den Haushalt führte. Aus beiden Ehen sind fünf Kinder hervorgegangen. 1925 wurde Clodius zum Propst ernannt. Bei seinen ornithologischen Studien bemängelte er stets, dass es keine aktuelle, in sich geschlossene Aussage zur Vogelwelt Mecklenburgs gab. Die von H.D.F. Zander 1862 verfasste Übersicht der Vögel Mecklenburgs entsprach nicht mehr den Anforderungen und den Erwartungen der vielen Vogelfreunde des Landes. Es war an der Zeit, eine neue Übersicht der in Mecklenburg beobachteten Vögel zu erarbeiten. Daten und Ergebnisse gab es mehr als genug, nur war alles über das Land verstreut, musste gesammelt und aufbereitet werden. Mit dem 23 Jahre älteren Vereinsmitglied, Ornithologen und Künstler, dem im Ruhestand lebenden Eisenbahn-Baurat Carl Wüstnei (1843-1902), fand Clodius einen zuverlässigen und fachlich versierten Partner für die anspruchsvolle Aufgabe.

Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit wurde 1900 unter dem Titel „Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg“ veröffentlicht. Das Werk, das später von Rudolf Kuhk(1901-1989) in Würdigung der Autoren als „Mecklenburgische Vogelbibel“ bezeichnet wurde, war das Muster einer Avifauna und blieb jahrzehntelang die einzige aktuelle zusammenfassende Darstellung der Vogelwelt Mecklenburgs. Es umfasst die Beschreibung von 289 Vogelarten nach Merkmalen, ihrer Verbreitung, dem Vorkommen, der Lebensweise, ihrer Nahrung, der Stimme und dem Brutverhalten. Dieses Nachschlagwerk von hoher wissenschaftlicher Bedeutung wurde erst durch Kuhks Werk 1939 fortgesetzt.

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