Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Der Krieg nahm uns die schönste Zeit“

Sie waren ein Herz und eine Seele. Doch im Dezember 1944 fiel Margarete Stemwedels Freund – kurz vor ihrer Hochzeit.
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Sie waren ein Herz und eine Seele. Doch im Dezember 1944 fiel Margarete Stemwedels Freund – kurz vor ihrer Hochzeit.

Die Rostockerin Margarete Stemwedel floh aus Niederschlesien. Sie kehrte auf ihren Hof zurück.1947 kam der Abschied für immer

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08. August 2016, 00:00 Uhr

Margarete strahlt übers ganze Gesicht. Bald, nicht mehr lange und sie wird ihren Freund heiraten. Ihr Herz hüpft vor Freude. In wunderschöne Gedanken versunken schmückt sie im Dezember 1944 den Tannenbaum. Eine Freudenträne tropft auf die silbrig schimmernde Kugel, die sie an den Zweig hängt. Einige Tage später werden aus der einen Träne viele Tränen, hunderte, ein ganzer Strom. Ihre große Liebe ist an der Front gefallen. „Es war der schlimmste Schmerz in meinem Leben“, sagt dieselbe Margarete einundsiebzig Jahre später. Sie sitzt in ihrer kleinen Wohnung in Rostock, schluckt und fischt ein paar winzige vergilbte Fotos heraus, auf der sie mit ihrem Verlobten zu sehen ist. Eng aneinander geschmiegt stehen sie vorm Elternhaus in Schlesien.

Zeit, den Verlust zu verarbeiten, hat die zwanzigjährige Margarete nicht. Im Februar 1945 begibt sich ihre Familie auf die Flucht. Die Mutter, der Bruder und die Schwester. Auf dem Treck, mit einem Ochsengespann. Angekommen im sächsischen Seifhenersdorf bei Zittau lernt der 15-jährige Bruder Werner einen Offizier kennen. Der drängt ihn: „Gib uns die Ochsen. Der Krieg ist vorbei. Dann haben wir wenigstens was zu essen. Du bekommst dafür zwei Pferde.“ Die Familie lässt sich überreden, bereut aber kurz darauf ihren Deal. Schließlich gibt es nirgendwo Futter für die Tiere. Kein Bauer verkauft ihnen was. „Na dann gehen wir eben wieder nach Hause“, denken sich die vier und machen sich mit zwei weiteren Nachbarn auf den Weg nach Bischdorf. „Wir hatten solche Sehnsucht nach unserem kleinen Dorf, unserem Haus und dem Grundstück“, erinnert sich Margarete Stemwedel. „Dort hatten wir die schönste Kindheit verbracht, die man sich vorstellen kann. Es war das beste Elternhaus. Im Dorf lebten viele Kinder, die sich alle gut verstanden haben.“

Ihr Leben hätte so friedlich weitergehen können. Wenn dieser Krieg nicht gekommen wäre. Ihr kleiner Bruder Werner hasste ihn. Er war wütend. Seinetwegen war der Vater nicht da. Seinetwegen mussten sie sich zu Hause alleine in den Ställen und auf den Feldern rumquälen. Und dann starb 1944 auch noch der gerade mal 17 Jahre alte Bruder Rudolf an der Front. Margarete Stemwedel ist sich sicher: „Der Krieg hat uns die schönste Zeit genommen. Die Jahre, in denen man sich mit Freunden trifft, ins Kino fährt oder tanzen geht. Das haben wir damals so gerne gemacht. Wir sind mit Musik aufgewachsen.“

Doch Tanzen ist im Krieg verboten. Nur am 1. Mai darf die Bevölkerung in den Frühling feiern. Aber mit wem? In Dörfern wie Bischdorf gibt es seit Jahren nur alte Männer. Weiter ins Jahr 1945. Margarete ist gerade mit ihrer Familie zurück in Bischdorf. Doch ins Haus können sie nicht. Da sitzt die russische Kommandantur drin. Als die wenig später ein paar Häuser weiterzieht, „erobert“ die Familie ihre eigenen vier Wände zurück. Es fehlen zwar Essenvorräte, Geschirr und Wäsche und im Keller stapelt sich der Müll, doch sonst ist alles in Ordnung. Die Felder, die noch im Herbst von den Bischdorfern bestellt worden waren, stehen in voller Pracht. Auf den leeren Äckern müssen Margarete und ihre Geschwister Kartoffeln pflanzen.

Jeden Morgen werden sie von russischen Fahrern zum Arbeitseinsatz abgeholt. „Wenigstens bekamen wir ein Mittagessen“, erinnert sich die Rostockerin. „Ansonsten waren wir Zwangsarbeiter und Freiwild. Im August nahm ein Russe uns die Pferde weg. Wir wollten gerade den Sarg unserer Großmutter zum Friedhof fahren. Wir versuchten das dem Soldaten klarzumachen. Er fuhr daraufhin mit meinem Bruder zum Friedhof, setzte den Sarg ab und verschwand mit dem Pferdegespann.“ „Wir haben ansonsten sehr viel Glück gehabt“, ist sich Margarete Stemwedel sicher. „Was da in dieser Zeit um uns rum so an schlimmen Dingen passiert ist. Wenn es heikel wurde, haben wir immer zur nahe gelegenen Kommandantur gezeigt und gedroht. Das wirkte.“ Im Winter leidet die Familie furchtbaren Hunger. „Wir haben geklaut wie die Raben“, gesteht die 91-Jährige. „Uns blieb nichts übrig. Bei der Arbeit hatten wir lange Hosen mit Gummizug unten an. Darunter haben wir Ähren gesteckt. Die Körner konnten wir später durch die Kaffeemühle drehen. So hatten wir wenigstens ein bisschen Mehl.“

Zum Glück wohnte die Familie dicht am Wald. Pilze, Blaubeeren und Preiselbeeren wandern in den knurrenden Magen. Angst, allein in den Wald zu gehen, hat Margarete nicht. Die Russen trauen sich nicht in die Wälder. „Als ein altes Mütterchen eines Tages mit einem im Wald gefundenen Teller zurückkehrte, bekam sie mächtig Ärger“, erzählt Margarete Stemwedel. „Sie wurde verdächtigt, versteckten Schützen etwas zu essen in den Wald gebracht zu haben.“ Ruhiger wird es im Dorf, als die Polen im Frühling 1946 die Leitung übernehmen. Von nun an wandern die Zwangsarbeiter zu Fuß zu den Feldern.

Eine polnische Flüchtlingsfrau zieht mit ihren Kindern in ihrem Haus ein. Margaretes Familie rückt unters Dach. Eines Nachts schlägt Bruder Werner mit lautem Gebrüll einen Einbrecher in die Flucht, der sich am Stall zu schaffen macht. Er rettet die einzige Kuh der Polin. Dankbar gibt die der Familie daraufhin von der Milch ab. Wieder vergeht ein Jahr. Zweimal in dieser Zeit wird Margaretes Familie zu einer Sammelstelle beordert. Doch sie gehören nie zu den Glücklichen, die gen Westen abtransportiert werden. Erst beim dritten Mal klappt es. Im Mai 1947 steigen sie erleichtert in den Zug, der sie nach Sachsen bringt. Dort holt sie der Vater ab. Nach drei Jahren liegen sie sich endlich wieder in den Armen. Der Vater war 1946 aus der Gefangenschaft in Russland entlassen worden und lebte inzwischen in Rostock. Dorthin fuhr die Familie. Die Stadt an der Ostsee wurde ihr neues Zuhause.

Margarete Stemwedel geht ihren Weg. Sie arbeitet anfangs als Herrenschneiderin und später in der Kinderkrippe. Sie gründet eine kleine Familie und bekommt eine Tochter. Was bleibt ist eine unstillbare Sehnsucht. Immer wieder zieht es sie in die alte Heimat. Sie staunt, wie gut die neuen Mieter sich um ihr Elternhaus kümmern. Wie schön alles aussieht. Margarete Stemwedel hat wieder die kleinen Bildchen in die Hand genommen. Versunken betrachtet sie die Familienfotos. Mit sanfter Stimme erzählt sie „Immer, wenn ich nach Bischdorf gefahren bin und das Gehöft meiner Eltern von Weitem sah, hatte ich diesen einen Gedanken – jetzt komme ich nach Hause.“

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