Mode : Der „Kampf um die Hosen“

Die Arbeiterinnen in der Dömitzer Sprengkapselfabrik sind 1918 in Arbeitshosen geschlüpft. 1914 trugen sie noch lange Kleider.
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Die Arbeiterinnen in der Dömitzer Sprengkapselfabrik sind 1918 in Arbeitshosen geschlüpft. 1914 trugen sie noch lange Kleider.

Wie Frauen Geschmack an der Mode der Männerwelt fanden und ein Bann gebrochen wurde

svz.de von
21. April 2018, 10:55 Uhr

Frauen in Hosen - das ist heute ein gewohntes Bild. Das war aber nicht immer so - die Beziehung der Damenwelt zum Beinkleid hat eine spannende Geschichte.

In frühen Jahren gab es noch keine geschlechtsspezifische Kleidung. Wann die Hose aufkam, ist schwer zu sagen. Erstmalig nachgewiesen ist sie im 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bei Reitervölkern wie Skythen und Dakern.

Zum Statussymbol für den Mann wurde die Hose in Europa erst im ausgehenden Mittelalter. Für europäische Frauen dagegen blieben Hosen jahrhundertelang tabu. Allein auf den Theaterbühnen waren sie in Hosenrollen gern gesehen und galten als erotische Sensation.

Über die Arbeitskleidung hielt die Hose schließlich auch in der Frauenwelt Einzug. Englische Minenarbeiterinnen trugen sie wahrscheinlich schon im 18. Jahrhundert. Dasselbe galt für Austernfischerinnen europäischer Küstenregionen.

Aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind mehr als hundert Fälle bekannt geworden, in denen Frauen in Verkleidung als Soldaten oder Matrosen dienten. In aller Regel war es die Armut, die sie zu diesem Schritt veranlasste. In Männerkleidern, mit abgeschnittenen Haaren, die Figur verborgen unter Militärjacken, sahen sie selbst in höherem Alter jungen Männern täuschend ähnlich. Als eine der bekanntesten Frauen in Soldatenhosen gilt Eleonore Prochaska, die als Soldat August Renz im Lützowschen Freikorps in der hannoverschen Göhrde versuchte, einen verletzten Kameraden aus der Kampflinie zu tragen. Sie wurde durch eine Kartätsche schwer verwundet, schließlich als Frau entlarvt und starb wenig später in Dannenberg an den Folgen ihrer Verletzung.

Zu Beginn der Französischen Revolution schlüpften die ersten Frauen in emanzipatorischer Absicht in Hosen und zeigten sich auf der Straße. Aber der Versuch, neue Bürgerrechte auf diese Weise durchzusetzen, misslang.

Junge Frau 1952 in Neu Kaliß mit Hose im „Cowboy-Stil“  Repro: Rossmann
Junge Frau 1952 in Neu Kaliß mit Hose im „Cowboy-Stil“ Repro: Rossmann
 

Schließlich waren es im ausgehenden 19. Jahrhundert der Siegeszug des Fahrrads und der beliebte Reitsport, die Frauen in die Hosen halfen. Zumindest in der Freizeit: Reiterinnen trugen Hosenröcke oder spezielle Reitröcke für den Damensitz. Für Radfahrerinnen kamen Hosenröcke und Pumphosen auf – ein ernsthafter Tabubruch für die konservative Gesellschaft. Es kam vor, dass Gaststätten Frauen in Hosen den Zutritt ohne mitgeführtes Rad verweigerten. Toni Fuhrmann aus Neu Kaliß erinnerte sich, dass vor 1914 Hosen für Mädchen und Frauen lediglich als Turnhose tragbar waren. Nachhaltig gebrochen wurde der „Hosenbann“ dann mit dem Ersten Weltkrieg.

Weil zahllose Männer zum Militär eingezogen waren, schlüpften nun Frauen in Arbeitshosen und Overalls. Allerdings hielt die Gesellschaft zu dieser Zeit Frauenhosen noch für eine kriegsbedingte und damit vorübergehende Erscheinung.

Doch moderne Frauen waren jetzt auf den Geschmack gekommen. Als sie sich ihrer Kleider und Röcke entledigten, warfen sie alle konventionellen Bekleidungsvorschriften über den Haufen und sorgten in den 1920er- und 30er-Jahren für eine Revolte. 1930 zeigt sich Marlene Dietrich auf der Leinwand in Hosen und setzt damit Maßstäbe. Während der Nazizeit spielten Frauenhosen dann wieder nur eine untergeordnete Rolle.

Eine Renaissance erfährt die Frauenhose in den 1950er-Jahren, zunächst in der Freizeit. 1953 wurde in Westdeutschland die erste Damen-Jeans hergestellt. Mecklenburgische Mädchen waren noch lange auf „Westimporte“ angewiesen.

Beinkleidern, die unter den Röcken zum Einsatz kamen, war übrigens eine ähnlich wechselvolle Geschichte beschieden. Frauen trugen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts generell keine Unterhosen. Dafür zogen sie sich, so berichtet eine mecklenburgische Trachtenpflegerin, an Sonn- und Feiertagen sieben Röcke übereinander. Bei der Arbeit trugen Bäuerinnen bestenfalls bei großer Kälte einen leinenen Schutz unter dem Kleid. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die weibliche Unterhose eingeführt, die im Schritt offen war und Beinkleid genannt wurde. Frauen aus unteren Schichten gingen weiterhin „unten ohne“.

Regional beliebt wurden in dieser Zeit die „Freischieter“, wie die im Schritt offenen Unterhosen auf Platt heißen. Wer bei der Feldarbeit mal musste, spreizte einfach die Beine und ließ seinem Bedürfnis freien Lauf.

Rolf Roßmann

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