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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Der Feuerhölle entkommen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Gadebuscherin Hildegard Neczas überlebte in einem Flüchtlingszug den Luftangriff auf Swinemünde

Flucht. Bei vielen Menschen weckt allein dieses eine Wort schreckliche Erinnerungen. Für Hildegard Neczas aus Gadebusch ist es untrennbar mit dem Bombenangriff auf Swinemünde verbunden, den sie als Neunjährige mit der Mutter und vier Geschwistern in einem Flüchtlingszug überlebte. Noch heute fällt es ihr schwer, über die Katastrophe von damals zu reden. „Aber ich muss es tun, denn mein ganzes Leben lang hat sie mich nicht losgelassen“, sagt die 80-Jährige.

Hildegard Neczas stammt aus dem Ort Preußisch Friedland in der Nähe von Schneidemühl, dem heutigen Pila in der Woiwodschaft Großpolen. Als sich das Kriegsende näherte, waren die Geschwister 16, 14, 12, 9 und 7 Jahre alt und die Mutter mit dem sechsten Kind schwanger. „Mitten in der Nacht klopfte damals der Bürgermeister an unser Fenster und rief: Wir müssen los! Wir haben nur schnell alles zusammengerafft und sind gelaufen, kilometerweit durch die Nacht. Selbst mein kleiner Bruder musste einen Koffer tragen“, erinnert sich Hildegard Neczas, die damals noch Spica hieß. Damals – das war am 13. Februar 1945. Dass die Gadebuscherin dieses Datum nicht vergessen hat, hängt mit einem anderen Ereignis an diesem Tag zusammen: dem Bombenangriff auf Dresden. „Wir sind von zu Hause fort, als Dresden brannte“ – so hat es Hildegard Neczas später immer wieder gehört. An diesem 13. Februar 1945 wusste die Familie jedoch nicht, dass sie bald selbst die Schrecken eines Luftangriffs erleben würde.

Die chaotische Flucht führte über mehrere Stationen – immer wieder hieß es umsteigen. Auf Lkw fuhr die Familie bis Kolberg und von dort mit dem Schiff bis Swinemünde. Neben den fünf eigenen hatte die Mutter noch ein sechstes Kind bei sich, die 15-jährige Lisbeth, eine Nichte, die bei der Familie ihr Pflichtjahr absolvierte. „Fasst euch an, bleibt zusammen, das hat meine Mutter ständig gerufen, weil sie Angst hatte, dass wir verloren gehen könnten. Die Gefahr war da, einmal war meine Schwester Thea schon in einem Waggon, aber wir anderen kamen nicht hinein und schafften es gerade noch, sie wieder herauszubekommen, bevor der Zug abfuhr“, erzählt die 80-Jährige.

In Swinemünde bestieg die Familie einen Flüchtlingszug, der am Stadthafen stand. „Wir gelangten gleich in den ersten Wagen hinter der Lok. Das war günstig, denn an der Lok gab es Wasser“, erzählt Hildegard Neczas weiter. Inzwischen war es März – und Swinemünde voller Flüchtlinge. In der 20 000-Einwohner-Stadt hielten sich zu diesem Zeitpunkt zusätzlich zehntausende Durchreisende auf. Die Menschen drängten sich auf Schiffen, die im Hafen lagen, kampierten im Kurgarten, saßen auf ihren Trecks oder wie Hildegard Neczas’ Familie in den Zügen, die im Bahnhof und auf Nebengleisen standen und auf die Weiterfahrt warteten. An der Swine stauten sich Treckwagen an einer provisorischen Pontonbrücke. Schulen, Turnhallen, Wohnungen, kaum ein Ort, an dem keine Flüchtlinge untergekommen waren.

Gegen Mittag gab es den ersten Fliegeralarm. „Mein Bruder stand noch draußen vor dem Waggon, aber meine Mutter hat ihn reingerufen und eine Decke um uns alle gelegt. Sie hat gedacht, dass wir so geschützt sind“, erinnert sich die Gadebuscherin. Vor dem Inferno, das dann losbrach, konnte sie aber eine Decke nicht bewahren: „Es rüttelte und schüttelte und knallte. Wir sind katholisch, meine Mutter hat immer nur gesagt: Betet!“ Der ersten Angriffswelle folgte eine zweite. Der Waggon, in dem die Familie saß, wurde nicht von einer Bombe, wohl aber von umherfliegenden Splittern getroffen. Noch heute packt Hildegard Neczas das Grauen, wenn sie an diese Stunden denkt. An die Todesangst während des Angriffs. An die schrecklichen Bilder aus dem zerstörten Zug. „Unsere Mutter hat immer wieder gesagt schaut nicht hin. Aber es ging gar nicht anders. Direkt neben dem Ausgang war eine Frau von der Wucht der Explosionen durch die Luft geschleudert worden. Die Tote stand auf dem Kopf – das habe ich immer vor mir“, sagt Hildegard Neczas. Dann die Flucht aus der geschundenen Stadt. Der Weg durch das Küstenwäldchen nach Ahlbeck, an dessen Seiten die Leichen lagen. Erst in Ahlbeck gab es eine kurze Verschnaufpause.

Von Ahlbeck ging es weiter auf den Fliegerhorst Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten und von dort in die Malzfabrik nach Grevesmühlen. In Dassow, der nächsten Station, hieß es auf einmal: Der Krieg ist zu Ende. „Im September wurde in Schönberg mein jüngster Bruder geboren“, erzählt Hildegard Neczas weiter und berichtet von der schwierigen Anfangszeit in der Fremde. Schwierig – aber es gibt auch schöne Erinnerungen. Zum Beispiel die an enge Freundschaften, die in der Schulzeit entstanden und zum Teil noch bis heute halten. „Ein: Du gehörst nicht hierher! kenne ich nicht, ich wurde freundlich aufgenommen“, sagt sie. Nach der Schule lernte die junge Frau den Beruf der Industrieschneiderin – und sie lernte Oskar Neczas kennen, ihren späteren Mann, der aus dem Sudetenland stammt. Die beiden heirateten, bekamen eine Tochter und sind heute stolze Urgroßeltern. Und auch wenn es mit der Gesundheit manchmal hapert, sagt Hildegard Neczas: „Wir sind zufrieden. Es könnte alles schlimmer sein.“

In den 90-er Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann und ihrer Schwester den Golm bei Swinemünde zu einer Gedenkveranstaltung besucht. Hier auf der höchsten Erhebung Usedoms, einst beliebtes Ausflugsziel der Swinemünder, sind mehrere tausend Opfer des Bombenangriffs in Gemeinschaftsgräbern beigesetzt. Die Namen der meisten kennt man nicht.

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erstellt am 20.Mai.2016 | 00:00 Uhr

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