Josef Hüttl : Der Doktor der Blaskapellen

Josef Hüttl lebte mit seiner Ehefrau Charlotte in Neu Kaliß.  Repro: Roßmann
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Josef Hüttl lebte mit seiner Ehefrau Charlotte in Neu Kaliß. Repro: Roßmann

Wie ein böhmischer Instrumentenbauer erfolgreich in Mecklenburg Fuß fasste

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26. November 2015, 09:46 Uhr

Nach dem Ersten Weltkrieg erfuhr das Vereinswesen auch in Mecklenburg wieder vermehrten Zulauf. Neben neuen Sport-, Schützen- und Züchtervereinen entstanden Gesangsvereine und Instrumentalgruppen. Die Nachfrage nach Musikinstrumenten und deren Reparatur wuchs in diesen Jahren rasant. In diese sich in Mecklenburg auftuende Marktlücke stieß damals der aus Böhmen stammende Musikinstrumentenbauer Josef Hüttl. Er entstammte einer der bedeutendsten Instrumentenbauerfamilien Böhmens.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Hüttls Geburtsort Graslitz elf Musikinstrumentenfabriken und 40 selbstständige Instrumentenbaubetriebe. Die damalige wirtschaftliche Stagnation und die Übernahme seines Heimatortes in Österreich-Ungarn durch die neugegründete Tschechoslowakische Republik werden Josef Hüttl in seiner Entscheidung wohl beeinflusst haben, seine berufliche Zukunft nun fern der Heimat zu suchen. Vermutlich 1919 zieht der damals erst 25 Jahre alte Josef Hüttl in die mecklenburgische Kreisstadt Ludwigslust, Schlossstraße 6. Im darauf folgenden Jahr lässt er sich vom Ludwigsluster Pastor Krüger den Übertritt vom katholischen zum evangelischen Glauben bestätigen.

Noch bietet der Instrumentenbauer Hüttl lediglich Reparaturen an. Zu den häufigsten Aufträgen zählen das Ausbeulen und die Innenreinigung der Blasinstrumente, das Auswechseln klemmender Ventile und Mundstücke, das Ölen und Justieren der Mechanik und Federn sowie das Aufpolieren von Korpus und Klappen. Die nötigen Ersatzteile ließ Hüttl sich aus seiner alten Heimat, in die er weiterhin gute Kontakte pflegte, schicken. Der Handwerker verspricht sich gute Geschäfte in Ludwigslust und so eröffnet er kurz da-rauf in der Schlossstraße 32 ein Musikgeschäft, dessen wirtschaftlicher Erfolg sich wohl in Grenzen hielt.

Schließlich ist aus dem Monat Mai des Jahres 1932 eine handgefertigte Annoncenabschrift erhalten. In dieser Anzeige offeriert Josef Hüttl bereits wieder den „Total-Ausverkauf“ seiner „Musikinstrumente aller Art zu halben Preisen“. Gleichzeitig teilt er mit: „Reparaturen werden noch bis 1. Juli durchgeführt.“ Vielleicht hing seine Geschäftsaufgabe auch mit seiner Familienplanung zusammen, denn 1933 heiratet der Instrumentenbauer die in Schlesin, bei Dömitz, wohnende Auguste Gäth. Über seine Tätigkeit in Schlesin ist wenig bekannt. Die politischen Veränderungen in Deutschland beeinflussen dann auch die persönlichen Entscheidungen des Handwerkers aus Böhmen. Bereits 1937 fordert Konrad Henlein von der „Sudetendeutschen Heimatfront“ die „Einverleibung des sudetendeutschen Gebietes in das Deutsche Reich“. Hüttl vermutet in seiner alten Heimat nunmehr einen wirtschaftlichen Aufschwung und er zieht nach der 1939 erfolgten völkerrechtswidrigen Proklamierung eines deutschen Protektorats Mähren und Böhmen mit seiner Ehefrau zurück nach Graslitz. Über sein Schicksal während des Krieges ist nichts überliefert. 1946 müssen Hüttl und seine Ehefrau infolge der Benes-Dekrete die Heimat des Instrumentenbauers erneut verlassen und kehren so nach Mecklenburg in das Dorf Schlesin zurück. Hier entstehen bereits kurz nach dem Krieg durch Initiative der sowjetischen Militäradminis-tration wieder erste Instrumentalgruppen. Bei Hüttl mehren sich nun die Reparaturaufträge. Während die reparierten Instrumente in die nächsten Dörfer von Familie Hüttl per Fahrrad ausgefahren werden, müssen entfernter gelegene Reparaturaufträge von den Auftraggebern selbst organisiert werden.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Jahr 1960 ehelicht der gebürtige Böhme ein Jahr später Charlotte Haase, die ebenfalls aus Böhmen stammte. Vier Jahre später erwerben beide ein Haus in Neu Kaliß, Alter Postweg 17, wo er sich hinter der Diele wieder eine kleine Werkstatt einrichtet. Dort erledigt er seine Reparaturaufträge mit spärlichem Werkzeug aber großem Eifer. Bis er in hohem Alter seiner Kundschaft verkündet: „Nun ist Schluss mit Reparaturen, nun habe ich mein Werkzeug vergraben.“

Zu seinem Kundenstamm zählten bis dahin Blaskapellen aus allen drei Nordbezirken der DDR.

Anlässlich seines 90. Geburtstages schrieb der Volkskorrespondent Herbert Jahnke über den alten Virtuosen: „Er ist im Norden unserer Republik der Einzige, der diesen Beruf ausübt. Für die Blasorchester, Tanzkapellen, Posaunenchöre, Fanfarenzüge und Schalmeienkapellen unserer Nordbezirke ist der Instrumentenbauer Josef Hüttl aus Neu Kaliß ein Begriff. Ungezählte Blechblasinstrumente haben durch die geschickten Hände und das hohe handwerkliche Können Josef Hüttls Klang und Form wiedererhalten.“ Josef Hüttl starb 1988 kinderlos, einen Tag vor seinem 94 Geburtstag in Neu Kaliß.
 

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