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Dömitz : Der Beinahe-Fenstersturz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Teile der Dömitzer Bevölkerung galten Mitte des 19. Jahrhunderts als besonders roh

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2017 | 00:00 Uhr

„Dat Johr 1848 füng in Nikalen all 1845 an, as sei ehren Börgermeister wegjagten. Un as de Franzosen dat hürten, nehmen sei ’n Ogenspeigel doran un jagten achtunviertig ehren König Lurwig Philipp weg. Un dunn was de Larm in’n Swung. Dor was kein Stadt so grot un kein Dörp so lütt, dei nich ok wat wehjagen wull’n. Blot Düwitz (Dömitz) wier in grote Verlegenheit un wüsst nich, wat dat wegjagen sull. Ein’n Börgermeister hadden de Düwitzer nich.“

Dies schreibt Ludwig Kreutzer (1833-1902) in einer Erzählung, die er 1898 im Voß un Haas abdrucken ließ. Recht hat er. Denn Dömitz hatte zu dem Zeitpunkt, als seine Geschichte einsetzt, wirklich keinen Bürgermeister. Am 27. Mai 1848 war Christian Vogel (1790-1854) von seinem Bürgermeisteramt zurückgetreten. Nicht ganz freiwillig.

Wie es dazu kam, wusste sich Paul Bard (1839-1927) zu erinnern. In seinen biografischen Skizzen „Aus meinem Leben“ (1927) schreibt er über seine Heimatstadt Dömitz: „Es herrschte überhaupt ein roher Ton in der niederen Bevölkerung des Städtchens, zum Teil wohl, weil es am Schnittpunkt dreier Länder, Preußen, Hannover, Mecklenburg, lag, also bei den damaligen Zollgrenzen reichliche Versuchung zum Schmuggeln und Betrügen bot, vielleicht auch, weil in der Festung ein Zuchthaus sich befand und erfahrungsmäßig Orte mit Zuchthäusern und der damals üblichen drakonischen Behandlung seiner Insassen oft eine rohe und wilde Bevölkerung aufwiesen.“ Diese „rohe und wilde Bevölkerung“, wie sie der spätere Schweriner Domprediger und Geheime Oberkirchenrat Bard nennt, forderte nach Bekanntwerden vom Ausbruch der Revolution in Paris, Wien und Berlin die Absetzung des Bürgermeisters. Im Frühjahr 1848 lud Bürgermeister Vogel deshalb Vertreter der einzelnen Quartiere der Stadt aufs Rathaus, um ihnen „obrigkeitliche Maßregeln gegen den Umsturz“ zu verlesen. Dabei soll es nach Auskunft des Dömitzer Bürgers Wilhelm Dreier zu folgender Szene gekommen sein: „Der Bürgermeister frug sie: ,Was wollt ihr?’ – ,Wir wollen eine Revolution!’ – ,Ihr habt doch schon eine!’ – ,Wir wollen noch eine haben!’ Der Bürgermeister versprach lachend: „Die sollt ihr haben, geht nun nach Hause!“ Das diente begreiflich nicht zur Glättung der Wogen“, schreibt Paul Bard weiter, der als Neunjähriger die Ereignisse verfolgte, „vielmehr redeten die Massen sich allmählich so in Wut, dass sie auf den Leser einstürmten, um ihn, wie einst Martinitz und Slawata, aus dem Fenster zu stürzen.“

Der Fenstersturz zu Dömitz hätte dem Städtchen an der Seite Prags einen gebührenden Platz in der Weltgeschichte verschaffen können, aber dazu kam es nicht und die furchtbaren Folgen des Fenstersturzes zu Prag im Jahre 1618 blieben der Menschheit erspart. Der Bürgermeister von Dömitz wurde errettet durch einen „beherzten Schlachtermeister, der mit erhobener Axt ihn vor der brüllenden Menge schützte. Darauf verließ die übrigens stark angetrunkene Versammlung das Rathaus und zog Arm in Arm durch die Torstraße hinaus, ein wenig erbauliches Lied auf das unglückliche Opfer singend.“

Nach dieser Begebenheit legte Christian Vogel sein Amt nieder und die Stadt hatte bis 1852 keinen Bürgermeister mehr. Mit der vakanten Bürgermeisterstelle setzt die Geschichte von Ludwig Kreutzer ein, der als Fünfzehnjähriger Augenzeuge des weiteren Verlaufs der Revolution in Dömitz war: Die Dömitzer hielten nach dem Rücktritt des Bürgermeisters eine Volksversammlung ab und forderten nun die Herausgabe der Amtswiese vor der „Protzenburg“ (Trotzenburg, Gebiet vor der Steinschleuse). Als der Amtshauptmann sich weigert, wird eine Demonstration beschlossen, um den Amtshauptmann „davon zu jagen“. Dieser erfährt durch Verrat davon und lädt die Demonstranten vor seinem Amtssitz am Rathausplatz zu einem Fass Freibier ein. Die Aufrührer genießen das Bier und lassen den Amtshauptmann hochleben. Damit endet die Revolution in Dömitz.

Christian Vogel, seit 1825 Nachfolger seines Vaters als Bürgermeister und seit 1826 Stadtrichter, lebte noch bis zu seinem Tode als Advokat in Dömitz. In seinem Haus verkehrte 1839/40 auch Fritz Reuter (1810-1874). Es ist bemerkenswert, dass der Vertreter der Obrigkeit, der gestrenge Bürgermeister Vogel, diesen „merkwürdigen Staatsgefangenen“, wie die Schriftstellerin Elisabeth Albrecht (1874-1956) Reuter titulierte, gestattete, in seinem Haus ein- und auszugehen. Dass Fritz Reuter sich schon als Schüler in Friedland und Parchim im Zeichnen und Malen versuchte, ist bekannt. Während seiner Haft in Preußen porträtierte er Mitgefangene und Angehörige des Wachpersonals. Das tat er auch in Dömitz. Der Festungskommandant nebst Familie wurde mit Stift und Pinsel festgehalten, auch die Ehefrau des Stabskapitäns Heinrich von Winter. Reuter tat aber noch mehr. Die Lyrikerin Clara Förster (1853-1931) erzählte einst, dass ihr Vater zu jenen Dömitzer Jungen gehörte, die durch Fritz Reuter Zeichenunterricht bekamen.

Dass Fritz Reuter bis dahin auch Zivilpersonen auf die Leinwand bannte, dürfte wenig bekannt sein. Das Fritz-Reuter-Literaturmuseum in Stavenhagen verwahrt Porträts vom Dömitzer Bürgermeister Christian Vogel und seiner Familie. Diese Bildnisse gehören zu den schönsten Leistungen Fritz Reuters als Maler und Zeichner und sind in einem Buch von Arnold Hückstädt im Hinstorff Verlag Rostock abgedruckt.
 


 

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