Heinrich Zebuhr : Der amerikanische Verwandte aus Dömitz

Heinrich Zebuhr, 1908 in Dömitz geboren, wurde Amerikaner.
Heinrich Zebuhr, 1908 in Dömitz geboren, wurde Amerikaner.

Heinrich Zebuhr machte sich aus Dömitz in die USA auf, um der Armut in der Heimat zu entgehen

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28. April 2018, 00:00 Uhr

Ein Gericht sucht einen Erben. Mögliche Ansprüche eines gewissen Heinrich Zebuhr, 1928 Koch in Hamburg, verzögern die Rückübertragung eines Grundstücks. Auf der Suche kommt Familie Zebuhr aus Berlin ins Spiel: Sie erhält einen Brief, indem ein Amtsrichter sich aufgrund der Namensgleichheit Aufklärung erhofft. Doch Zebuhrs haben von einem Koch mit dem Namen Heinrich nie gehört. Eine Spur tut sich auf, als ein Bekannter der Familie im Internet nach dem Namen forscht. Das Ergebnis: Fünf Seiten mit Adressen und Nummern von Menschen mit dem Namen Zebuhr aus amerikanischen Telefonbüchern. Anrufe und Briefe folgen – das Ergebnis ist die Wiederentdeckung eines vergessenen Stücks Familiengeschichte. York Zebuhr erzählt.

Unsere beiden Briefe erweisen sich als absolute Volltreffer. Bald kommt Post aus Iowa: „Carl, our Grandpa came to America from Mecklenburg and Schwerin…“ Dass Schwerin kein Vorort von Mecklenburg ist, wie man im fernen Iowa irrtümlich annahm, stört die weitere Entwicklung der Beziehungen nicht. Großvater Carl kam 1885 als 19-Jähriger mit seiner ebenfalls 19-jährigen Braut Wilhelmina nach Iowa, wo beide 1887 heirateten.

Aus New Hampshire kommt die Nachricht, dass die dort ansässige Familie von einem Henry Zebuhr abstammt, der 1928 einwanderte. Und tatsächlich: Henry ist der gesuchte Koch Heinrich Zebuhr!

Stück für Stück erfahren wir mehr über Henry/Heinrich, der 1908 in Dömitz an der Elbe geboren wurde. Sein Vater Karl (aus Grevesmühlen) war Postbeamter und Soldat, seine Mutter Alwine (aus Schwerin) Hausfrau. Heinrich ging in Rostock, Schwerin, Wismar und Stralsund zur Schule. Er erlebte die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs und der Zeit danach am eigenen Leibe. Der Vater warf ihn als Fünfjährigen in die Elbe, um ihn schwimmen zu lehren. Was Heinrich von so tiefschwarzer Pädagogik hielt, erzählte er später seiner Tochter Julie, die dies in ihren „Stories My Father Told“ festhielt. Damit aber nicht genug. Heinrichs Vater war ein Spieler, der im wahrsten Sinne des Wortes Haus und Hof verspielte und dann auf Nimmerwiedersehen verschwand.

Heinrich litt Hunger. Er lebte nun mit seiner verlassenen Mutter im Hause von Verwandten, Cousinen der Mutter, die ihm buchstäblich das Frühstücksei vom Teller stahlen. Als er eines Tages an einem Haus vorbeistrich, durchs Fenster blickte und vier Köche sah, die sich den Leib mit Essen vollschlugen, fasste er den Entschluss, Koch zu werden. Er brach seine Lehre im Büro ab und wurde Kochlehrling. Und das in keinem geringeren Haus als dem Hotel „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg.

Wie der halbverhungerte Heinrich ausgerechnet an diese Lehrstelle kam, ist nicht geklärt. Aber er schlug sich bestens und erhielt 1927 sein Abschlusszeugnis von dem First-Class-Restaurant „Haerlin“. Das war die Wende in seinem Leben.

Solchermaßen vorgebildet verdingte er sich vorzugsweise auf den Schiffen, die zwischen Hamburg, England und Amerika verkehrten. Heinrich wollte unbedingt Amerikaner werden, um die Armut seiner Kindheit hinter sich zu lassen. Er lernte Englisch wie ein Besessener. Und er wurde Amerikaner! Kaum 21 Jahre alt, erhielt er am 8. Juli 1929 seine Immigrant Identification Card als deutscher Quoteneinwanderer, am 8. April 1935 sein Certificate of Citizenship. Aus Heinrich wurde Henry. Er hatte Glück: Als Koch fand er in den USA immer Arbeit, auch in schwieriger Zeit.

Im Jahre 1942 heiratete Henry Dorothy Quicksall, eine Nachtklubtänzerin von der Ostküste. Wenn man die Fotos der beiden jungen Leute anschaut, fragt man sich, ob sie nicht auch in Hollywood hätten Karriere machen können. Ein Traumpaar! Henry eröffnete ein Restaurant in Clinton, New Jersey, „but not for long“ (Sohn David), er kochte exzellent, aber er war kein Businessman, er war „too cheap“ – zu billig – und musste wieder schließen. Er wurde nun Farmer und sollte dies bis an sein Lebensende bleiben. Zum Millionär brachte er es nicht, aber schließlich war er Koch und kein Tellerwäscher…

Das Paar bekam vier Kinder: Bill (1943), Richard (1944), Julie (1947) und David (1948). „We are happy family“, schrieb Henry später in einem Brief. In der Familie wurde nur Englisch gesprochen, keines der Kinder lernte je Deutsch.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es Heinrichs Mutter nach Gadebusch in der neu gegründeten DDR. Sie lebte dort im Hause eines Cousins, aber sie hielt Kontakt zu ihrem Sohn und zu ihren Enkelkindern. Sie buk Kuchen und Kekse, versteckte in ihren Backwaren Ringe und Schmuck aus ihrem schmalen Bestand und schickte das Ganze jeweils als gewöhnliches Postpaket aus der DDR in die USA. Im Jahre 1969, es war noch Kalter Krieg, reiste der Amerikaner Henry Zebuhr in die von den USA noch nicht anerkannte Sowjetzone. Wie Henry die Einreiseerlaubnis in die DDR erreichte, wissen wir nicht. Aber wir stellen uns vor, wie er, der nun schon 60-jährige Dömitzer Junge über den Großen Teich flog, wie er in Berlin am Ausländerübergang Checkpoint Charlie seinen US-Pass präsentierte und mit dem Bummelzug nach Gadebusch fuhr... Nach so vielen Jahren kam es zum ersten und einzigen Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter starb acht Jahre später 90-jährig in Gadebusch.

Und die Nachlasssache, die alles ins Rollen gebracht hatte? Es war Henry nicht vergönnt, diese Erbschaft anzutreten. Als sich das Gericht auf die Suche machte, war er schon sechs Jahre tot. Er verstarb, inzwischen verwitwet, am 8. Februar 1985 in Frenchtown, New Jersey.

Als wir Jahre danach mit Henrys Enkeltochter Sharon eine Fahrt durch Mecklenburg, das Land ihrer Vorväter, unternahmen, wandte sie sich mir plötzlich zu und sagte mit Bestimmtheit: „Aber du sprichst ja Englisch mit dem gleichen Akzent wie Opa!“ Opa? Akzent? Ach ja, klar! Ja, schade, Henry, dass wir uns nie begegnet sind! Du hättest uns sicherlich manches zu erzählen gehabt. Auf Hochdeutsch oder up Platt. Aber beides ganz sicher ohne Akzent!
 

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