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Flucht, Vertreibung, Neuanfang – Ihre Geschichte : Den Mut zum Neubeginn behalten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Rostocker Kurt Schulz hat seine Erinnerungen an die Kindheit in Pommern, an Flucht und Vertreibung aufgeschrieben

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2017 | 00:00 Uhr

„Aufgeschrieben für alle, die östlich der Oder ihre Heimat hatten. Um die Erinnerung wachzuhalten.“ Diese Sätze hat Kurt Schulz seinem Buch vorangestellt, in dem er über seine frühe Kindheit zu Hause im pommerschen Kosemühl, die Flucht und den schwierigen Neustart in Mecklenburg berichtet. Beim Lesen seiner Erinnerungen fällt auf, dass es oft die kleinen Dinge sind, die ein Gefühl von Heimat geben – oder vom Fremdsein. Der 77-Jährige erzählt von den Pfifferlingen, die in Pommern auf manchen Lichtungen wie gesät standen – und davon, dass solche Pilze später in Mecklenburg gar nicht mehr zu finden waren, dafür aber Hallimasch und Röhrenpilze. Er berichtet von Forellen auf dem Speisezettel, kann sich aber nicht erinnern, zu Hause jemals Karpfen gegessen zu haben. Er beschreibt die beiden schön gewachsenen Buchen, die wie Wächter am Ortseingang standen – im Stamm die Spechthöhle, die wie ein Auge aussah.

Doch vor dem, was im zeitigen Frühjahr 1945 passierte, konnten die beiden Buchen das Dorf und seine Bewohner nicht beschützen: „Nur fort!“ hieß es im März angesichts der heranrückenden Front – wenngleich niemand so richtig wusste, wohin. Anhand von eigenen Erinnerungen und denen seiner älteren Schwester sowie aus verschiedenen Aufzeichnungen hat Kurt Schulz diese dramatischen Tage rekonstruiert. Am 9. März 1945 verließen die Menschen Kosemühl und den Nachbarort Kose. Der Treck zog von hier nach Linde (Lipka). Aber es war zu spät: Als die Dorfbewohner in Linde ankamen, waren die Russen bereits dort. Die Situation drohte zu eskalieren: Kurt Schulz’ Vater, dessen Verletzung durch einen Granatsplitter im Lazarett in Sopot fast ausgeheilt war und der sich nun im Genesungsurlaub bei seiner Familie befand, trug noch Uniform – er wäre deshalb beinahe erschossen worden. Ein Onkel, der versuchte, ein junges Mädchen von seinem Wagen vor Vergewaltigung zu beschützen, wurde mitgenommen – seine Angehörigen sahen ihn nie wieder. Kurt Schulz erinnert sich daran, wie am nächsten Tag bei der Rückkehr nach Kosemühl auch sein Vater von der Familie getrennt wurde. „Etwa 20 Kilometer von unserem Heimatort entfernt wurde er von Sowjetsoldaten gefangen genommen und mit vielen anderen in ein Gefangenenlager nördlich von Leningrad gebracht“, schreibt er. „Zu meiner Mutter hat er noch gesagt: Weglaufen hat keinen Sinn, die sind ja überall.“

So sah es in Kosemühl aus, als Kurt Schulz hier noch zu Hause war. Das heutige Kozin gehört zur Woiwodschaft Pommern.
So sah es in Kosemühl aus, als Kurt Schulz hier noch zu Hause war. Das heutige Kozin gehört zur Woiwodschaft Pommern.
 

Die Mutter kehrte mit den Kindern nach Hause zurück, das keines mehr war: Das Heim der Familie war abgebrannt. Das Vieh war verschwunden, bis auf ein paar Wruken gab es nichts mehr zu essen. „Wir waren alle arm wie eine Kirchenmaus“, schreibt Kurt Schulz in Erinnerungen an diese Hungerwochen. Sogar Spatzen und Dohlen kamen auf den Tisch, um etwas Fleisch zu haben.

Doch alle Bemühungen und Hoffnungen, in der Heimat nach dem Krieg wieder ein gutes Leben aufbauen zu können, scheiterten: Im März 1947 wurden die deutschen Einwohner vertrieben. Kurt Schulz schreibt: „Eine Frau hat uns gegen 22 Uhr informiert, dass wir um Mitternacht unsere Heimat verlassen müssten ... Die Frau hatte es gut gemeint, damit wir noch ein paar Sachen zusammenpacken sollten. Das ging dann auch ziemlich schnell, denn außer den Betten, ein paar Kochtöpfen und Schüsseln, einigen Messern und Gabeln hatten wir ja nichts mehr.“ Bei Nacht und Nebel und mit Pferd und Leiterwagen ging es zum Bahnhof. Kurt Schulz erinnert sich, dass nur die Kinder auf dem Wagen sitzen durften und seine Mutter dem polnischen Gespannführer Geld zustecken musste, damit er auch die 74 Jahre alte, gehbehinderte Großmutter mitfahren ließ. In einem geschlossenen Güterzug ging es dann weiter westwärts über die Oder. Erste Station in Mecklenburg war Ortkrug, wo die Vertriebenen in einem großen Saal untergebracht waren und wo der Familie ihr Brotvorrat gestohlen wurde.

Nächste Station war dann ein Lager in Pulverhof bei Rastow. An diesem Ort befand sich während des Krieges eine Luftwaffenmunitionsanstalt, in deren Baracken nun Flüchtlinge untergebracht wurden. Kurt Schulz erinnert sich, wie parallel das Gelände beräumt wurde: „Die Munition wurde nun vernichtet, das heißt, sie wurde zur Explosion gebracht. Je nach der Art der Munition mussten wir abends die Baracken verlassen und draußen auf dem freien Felde die Nacht verbringen. Bei den gewaltigen Detonationen konnte sowieso keiner schlafen ... manchmal sausten Munitionsteile durch die Luft, und alle hatten Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte.“ Zum Glück passierte nur etwas Gutes. Kurt Schulz’ Vater, der aus der Gefangenschaft wieder entlassen worden war, fand zu seiner Familie zurück. Bei Verwandten in Berlin war er auf die Spur seiner Lieben gestoßen.

Als die Flüchtlinge später auf Dörfer verteilt wurden, kam Familie Schulz nach Banzkow. Hier erhielt sie bei einer Bauernfamilie in einem reetgedeckten Haus ein Zimmer zur Hofseite, die Küche mussten Eltern und Kinder mit einer zweiten Flüchtlingsfamilie teilen. Und auch wenn alle versuchten, sich so gut wie möglich in die Situation zu fügen und es keinen Streit gab, war das Leben schwer: „Es ging uns schlechter als in Pommern während der Besatzungszeit“, schreibt Kurt Schulz.

Nur langsam besserte sich die Situation. Flüchtlingsfamilien erhielten ein Stückchen Gartenland und etwas Acker, Eltern und Kinder schufteten gemeinsam, um das Leben erträglicher zu machen. Banzkow wurde zum neuen Zuhause. Hier erlebte Kurt Schulz seine Jugend, hier wurde er konfirmiert.

Heute lebt er in Rostock – und hat trotzdem die alte Heimat Pommern nicht vergessen. 1972 fuhr er zusammen mit Mutter und Vater in seinen Heimatort Kosemühl, der inzwischen Kozin heißt. Nach dem Kaffeeservice, das die Mutter 25 Jahre zuvor neben dem Haus der Großmutter vergraben hatte, suchten Eltern und Sohn nicht – es erschien ihnen unpassend. Sie fanden jedoch das Haus, eine Birke, die im Geburtsjahr der Mutter gepflanzt worden und zum stattlichen Baum herangewachsen war und auch die Stelle, an welcher der Vater sowjetischen Soldaten einst in die Gefangenschaft hatte folgen müssen – eine Reise voller schöner, aber auch bitterer Erinnerungen.

Für Kurt Schulz sind die Schlussfolgerungen aus dem, was er, seine Familie, die Nachbarn und viele andere Menschen erleiden mussten, klar: „Krieg bringt immer nur Zerstörung, Tod und Not. Unsere Generation, vor allem aber unsere Eltern, haben wegen des unmenschlichen und verteufelten Krieges furchtbare Zeiten durchgemacht.“ Um so mehr beeindruckt es Kurt Schulz bei seiner Rückschau, wie die Menschen ihr Schicksal gemeistert haben: „Gerade viele einfache Menschen haben sich den Glauben an das Gute, den Mut zum Neubeginn und die Liebe in ihren Herzen erhalten.“

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